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Polizei räumt alternatives Camp in Schernsdorf

Hubertus Rößler / 02.08.2017, 18:50 Uhr
Schernsdorf (MOZ) Die Polizei hat am Mittwoch ein alternatives Camp unweit des Schervenzsees geräumt. Zuvor waren die 130 Teilnehmer des Kongresses "Utopival" zum Verlassen des Geländes aufgefordert worden, da das Ordnungsamt unter anderem die hygienischen Zustände bemängelt hatte.

Es war ein großer Schock für die rund 130 Teilnehmer des Camps, als sie von der Räumung erfuhren. "Die Anordnung kam völlig überraschend für uns alle. Am Dienstag stand auf einmal das Ordnungsamt auf dem Gelände und hat die hygienischen Standards bemängelt. Ein paar Stunden später kam auch die Polizei und sprach ein Platzverbot für alle Teilnehmer aus. Man sagte uns, dass wir das Camp bis zum Abend räumen müssen. Da wir aber auch Familien mit kleinen Kindern, ältere Menschen und Blinde hier hatten, haben wir darum gebeten, bis Mittwoch um zwölf Uhr Aufschub zu bekommen", berichtet Amy, eine der Teilnehmerinnen. Ihren vollen Namen will sie wie auch die anderen Teilnehmer nicht nennen.

Unter dem Motto "Utopival" - einem Wortspiel aus Utopie und Festival - wollten sie sechs Tage lang unter Menschen aller Generationen in einer hierarchiefreien Gemeinschaft für eine Woche zusammenleben. "Dieses Festival wird von allen gemeinsam organisiert," berichtet Tobi. "Wir kommen hier aus ganz Deutschland zusammen und haben auch einige internationale Gäste dabei." Im Fokus des Projektes steht die Frage, wie eine zukunftsfähige Gesellschaft aussehen könne. "Die Teilnehmer glauben an bestehende Alternativen zu dem existierenden System und versuchen durch gemeinsamen Austausch und Workshops, sich jene Möglichkeiten gegenseitig vorzustellen, um Handlungsalternativen in die Praxis umzusetzen und weiter voneinander zu lernen", erklärten die Teilnehmer in einer Pressemitteilung. "Wir sind total bestürzt über den Abbruch, da bereits viel Zeit und Kraft in das gemeinsame Zusammenleben gesteckt wurde und Referent für über zehn weitere Workshops organisiert sind."

Der Kongress fand seit Sonntagnachmittag auf dem Gelände des Vereins "Heilsames Miteinander" statt, der die Teilnehmer eingeladen hatte, um das zuvor kaum genutzte Gelände für gemeinsames Lernen neu zu beleben. "Der Abbruch des Utopivals erscheint unter Anbetracht der Tatsache, dass alle Teilnehmer sich bewusst für ein einwöchiges Zusammensein in diesen Strukturen entschieden haben, unangemessen. Das Utopival hat die Jahre zuvor im selben Rahmen und mit gleichen Lebensstandards in Köln, Bremen und Hessen ohne Probleme stattfinden dürfen", berichteten die Teilnehmer.

Schlaubetals Amtsdirektor Matthias Vogel machte sich am Mittwoch vor Ort ein Bild und erklärte gegenüber der MOZ: "Es gab einen Hinweis von einem Bürger an das Amt, dass hier eine Veranstaltung stattfindet, die nicht angemeldet ist. Unsere Mitarbeiter waren am Dienstag vor Ort und haben dies überprüft. Dabei stellte sich außerdem heraus, dass auf dem Gelände der Zustand bezüglich Sicherheit und Hygiene nicht hinnehmbar ist. So gab es in unmittelbarer Nachbarschaft zum Naturschutzgebiet offene Feuerstellen, außerdem war kein Trinkwasser und keine Lebensmittel-Kühlung vorhanden - und dabei waren Säuglinge auf dem Gelände. Es wurden daher auch die Försterei sowie die Lebensmittelüberwachung eingeschaltet. Wir haben die Verantwortung für die Lage hinsichtlich des Naturschutzgebietes aber auch der Menschen vor Ort. Unter diesen Umständen kann die Veranstaltung nicht stattfinden", sagte der Amtsdirektor.

Das Gelände gehört der Gemeinde Siehdichum, ist aber über Erbbaurecht an eine Privatperson vergeben. Diese wohnt nicht im Schlaubetal und wusste nichts von dem Camp, habe aber nach dem Bekanntwerden um die Räumung gebeten. "Leider sind der Aufforderung nicht alle Teilnehmer nachgekommen, so dass am Nachmittag vier Polizeibeamte ohne Anwendung von Gewalt die Räumung durchsetzen und die Personalien von etwa 35 Menschen aufnehmen mussten. Hier wird sicherlich auch ein Verfahren wegen Hausfriedensbruch eingeleitet", berichtete Vogel. Aus Protest waren einige der Aktivisten auf Bäume an dem Gelände geklettert und hatten gemeinsam friedlich gesungen.

Die Gäste auf dem voll ausgebuchten Campingplatz Schervenzsee auf der gegenüberliegenden Straßenseite bekamen von all der Aufregung nichts mit.

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