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Auf schwimmender Tulpe daheim

Marco Marschall / 04.10.2017, 07:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Vor acht Jahren haben die Engländer Carol und David Alder beschlossen, ihre Firma aufzugeben, nicht mehr zu arbeiten und ein altes holländisches Boot zu ihrem Zuhause zu machen. Nun überwintern sie damit auf dem Finowkanal.

Wenn David Alder (55) am Morgen aufwacht, denkt er nicht mehr daran, dass er gleich zur U-Bahn hetzten und unterwegs die Nachrichten auf dem Smartphone checken muss. Wenn er aufsteht und aus dem Fenster schaut, sieht er Wasser. Unmittelbar vor der Nase. Zurzeit ist es der Finowkanal. Dort hat er vor zwei Wochen mit seiner Frau Carol(46) und den beiden Labradoren festgemacht. Die Marina an der Alten Badeanstalt ist ihr Domizil für diesen Winter. Erst wenn im Frühjahr die Schleusen wieder öffnen, geht es weiter. Wohin steht noch nicht fest.

Das Zuhause der beiden Aussteiger hört auf den blumigen Namen "La Tulipe" (die Tulpe) - eine Anspielung auf die niederländische Herkunft des früheren Transport-Segelschiffs. Als das Paar es 2008 auf einer Reise entdeckte, war der Kahn längst in Südfrankreich gelandet und lag dort auf dem Canal du Midi. "In einem sehr schlechten Zustand", sagt David. Trotzdem war da so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Er kaufte den 25 Meter langen Kutter.

Um zu erklären, wie es zur Entscheidung kam, darauf zu leben, holt der Brite, der auf der Isle of Wight geboren wurde und von Kindesbeinen an segelte, ein wenig aus. David Alder hatte eine eigene Baufirma, in der auch seine Frau Carol arbeitete. Die Wirtschaftskrise 2008 brachte beide zum Umdenken. "Ich dachte, es ist günstiger nicht zu arbeiten und nicht bezahlt zu werden, als zu arbeiten und nicht bezahlt zu werden", sagt David. Das Risiko, dass Auftraggeber pleite gingen, erschien groß.

Das kinderlose Paar aus dem Süden Londons gab die Baufirma auf, um nach Südfrankreich auf eine Baustelle zu ziehen. Denn von nun an lebten und arbeiteten sie auf "La Tulipe", mussten jede Menge Holz herausreißen und erneuern. Die Elektrik musste gemacht werden und vieles mehr. Zwei Jahre dauerten die Hauptarbeiten. Mehr als 150000Euro steckten die Engländer in die Renovierung des mittlerweile motorbetriebenen Bootes, das sie für etwa 110000Euro erworben hatten.

Für den handwerklich geschickten David gehörte die Arbeit mit zum Vergnügen, half ihm dabei runterzukommen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: ein großzügiger Wohnbereich mit Küche, drei Sanitärräume, zwei Schlafzimmer. So können die beiden auch Gäste auf ihrer Tulpe übernachten lassen.

2011 begannen sie im neuen Zuhause durch Europa zu reisen. Paris, Straßburg und Brügge lagen schon auf ihrer Route. Vom Winter in der malerischen belgischen Stadt schwärmen sie sehr. Da sie vor allem auf Kanälen reisen, sehen sie auch Orte, die anderen verborgen bleiben. Vom Finowkanal sind sie begeistert und gespannt auf die Umgebung ringsherum, die sie auch mit den mitgebrachten Fahrrädern erkunden.

"Es ist eine wundervolle Art zu leben", sagen die beiden. Natürlich sei nicht alles Urlaub. Auf dem Boot gebe es immer etwas zu tun. Ölen, Schmieren, Streichen, Deck putzen, Dinge reparieren. Carol arbeitet zudem etwas am Computer. In ihrer alten Heimat in England vermietet das Paar Wohnungen. Auf diese Weise finanzieren sie ihr neues Leben. Kein teures, wie sie sagen. Zwei bis drei mal im Jahr fliegen oder fahren sie nach England, um Verwandte zu besuchen und Dinge zu erledigen. Die meiste Zeit aber sind sie auf dem Wasser. Wie lange sie noch so leben werden, können sie nicht sagen. "Viel hängt von der Gesundheit ab", sagt David. "Wenn man älter wird, werden die Dinge schwarz und fallen ab", sagt er und lacht. Bis jetzt sei alles okay.

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