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Jedes vierte Kind im Kreis ist arm

Landrat Gernot Schmidt . und Doris Steinkraus

Jedes vierte Kind in Märkisch-Oderland lebt, statistisch gesehen, in Armut. Das sind jene Kinder, deren Eltern oder der Alleinerziehungsberechtigte in der Regel Empfänger von Hartz IV sind. Der Armutsbericht, den die Fraktion der Linken im Kreistag forderte, bezieht sich vor allem auf Zahlen des Jobcenters. Die als Empfehlung geforderte stärkere Unterstützung für betroffene Kinder und Jugendliche kostet Geld. Und das fehlt nicht nur im Kreis, sondern auch in vielen Kommunen.

Ziel des Berichts ist es, "Handlungserfordernisse" zu erkennen und den "sozialpolitischen Diskurs" anzuregen. "Grundsätzlich umsetzbare Lösungsmöglichkeiten für gesamtgesellschaftliche Probleme" könne der Bericht aber nicht aufzeigen, heißt es. Deutlich wird, dass die bundesdeutsche Entwicklung um Märkisch-Oderland keinen Bogen macht. Während im Bundesvergleich inzwischen jedes sechste Kind unter 15 Jahren als arm gilt, ist es laut Bericht im Landkreis jedes Vierte. Dabei geht es um Arbeitslosengeld II- und Sozialgeldempfänger. Für Bezieher von niedrigschwelligen Einkommen hätten keine Daten vorgelegen. Und die haben nach Abzug der Miet- und Heizungskosten häufig kaum mehr Geld in der Tasche.

"Die Daten aus dem Bericht sind eigentlich bekannt", so Jugendamtsleiter Thomas Böduel. Allein im Kreishaushalt steigen die Zahlen im Jugend- und Sozialbereich ständig. Die Folgen für die Entwicklung der Kinder ebenso. Der Bericht spricht von "oft großen Prob­leme im schulischen, gesundheitlichen und sozialen Verhalten".

Deutlich wird, dass die Zahl der in Bedarfsgemeinschaften lebenden Kinder mit wachsender Entfernung zu Berlin zunehme. So verwundert es auch nicht, dass den größten Anteil an solchen Kindern - gemessen an der Gesamtkinderzahl - die Stadt Seelow mit 28,3 Prozent verzeichnet. In Hoppegarten sind es nur 8,1 Prozent. Ausnahmen bilden Rüdersdorf (21,5 Prozent) und Strausberg (25,7 Prozent). Was mit den vergleichsweise großen Wohnkomplexen und geringen Mieten erklärt wird. Das ist auch der Grund für den hohen Anteil in Seelow, sieht es Böduel. Denn hier gebe es nun mal die großen Mietkomplexe, während auf dem Lande vorwiegend Hausbesitzer leben.

Strausbergs Bürgermeister Hans Peter Thierfeld zeigt sich denn auch nicht überrascht vom Bericht. Er spricht von einem "immer wieder aktuellen Problem", dem man im Zusammenwirken mit dem Kreis durch den Runden Tisch Soziales, Arbeitskreise, soziale Angebote und mehr zu begegnen suche. Sein Rüdersdorfer Kollege André Schaller (CDU) führt zum Beispiel in den Schulen "mehr Sozialarbeiter als anderswo", Quartiermanager und Sozialarbeiter im Plattenbaugebiet an. Auch die Probleme der Spätaussiedler spielten da mit rein, die teils hochqualifiziert Zuhause sitzen müssten, da ihre Diplome nicht anerkannt würden.

Nachdenklich stimmen die Einschätzungen von Kita-Leiterinnen zum Thema. So wird generell eine Zunahme des Anteils armer Kinder registriert. Das äußert sich schon im Erscheinungsbild. Die Kinder haben keine ordentliche Kleidung, es gibt hygienische Defizite. Sie können oft mit Freizeitbeschäftigungen Gleichgesinnter nicht mithalten. Die Folge sei, dass sie von ihren Spielgefährten abgelehnt werden. Was sich wiederum auf die Verhaltensentwicklung der Kinder auswirkt. So werden oft frühzeitig Lebensläufe geprägt.

sieht im Bericht eine "gute Grundlage für die künftige Arbeit". In jedem Falle sind immer politische Entscheidungen zu treffen, sieht es Thomas Böduel. "Wir können nur agieren und das umsetzen, was die Politik beschließt." Das sehe er auch für im Bericht angeführten Maßnahmen, die rein empfehlenden Charakter hätten. Sie reichen von Elternschulen über Hauswirtschaftskurse bis hin zu Einrichtung von Eltern-Kind-Zentren und den Einsatz von mehr Sozialarbeitern in allen Bildungseinrichtungen.

Mit dem Beschluss zur Schaffung eines "Netzwerkes gesunde Kinder" habe man einen ersten auf Kreisebene möglichen Schritt getan. Der Kreis schießt 15 000 Euro in das von drei Partnern getragene Projekt. Mit Kreistagsbeschluss wurden auch fünf zusätzliche Stellen im Jugendamt genehmigt. Kinder von Leistungsempfängern sind von Schulfahrkosten befreit. 274 Kinder brauchen an kreislichen Schulen kein Essengeld bezahlen, 2005 waren es noch 177, ebenso viele von Schulbuchzuzahlungen.

All diese Maßnahmen stellen jedoch nur eine Reaktion auf einen Ist-Zustand dar. A und O bleibt die Schaffung von Arbeitsplätzen, so dass sich Eltern ihr Einkommen sichern. Dass sich immer auf Leistungsempfang einrichten und ihre Kinder mit solchen Ansichten aufwachsen, sieht der Jugendamtsleiter als die eigentliche große Herausforderung, die jedoch nur die Bundespolitik lösen könne.

Bedarfsgemeinschaften: Der Bericht listet für alle Gemeinden den Jahresdurchschnitt der Anzahl von Bedarfsgemeinschaften an. Nachfolgend einige Beispiele. Alt Tucheband: 110; Bad Freienwalde; 1439; Beiersdorf-Freudenberg: 50; Buckow: 129; Bliesdorf: 104; Falkenberg: 230; Falkenhagen: 61; Fredersdorf-Vogelsdorf: 467; Golzow:119; Gusow-Platkow: 127; Heckelberg-Brunow: 100; Höhenland: 85; Küstriner Vorland: 358; Lebus: 172; Letschin: 588; Lindendorf: 120; Neuhardenberg: 360; Neutrebbin:128; Oderaue: 125; Seelow: 714; Strausberg: 2668; Vierlinden: 176; Wriezen: 1008; Zeschdorf: 104; Zechin: 91

Sozialstatus: 20,3 Prozent der Einschüler im Amt Falkenberg-Höhe bescheinigt der Armutsbericht einen niedrigen Sozialstatus, im Amt Golzow sind es sogar 40,7 Prozent, in Neuhardenberg 25,6, in Seelow-Land 17,6, in Barnim-Oderbruch 26,7, in Letschin 27,5, in Seelow 31,9, in Strausberg 24,7 und in Wriezen 35,7 Prozent. Nur in Neuenhagen bei Berlin liegt der Anteil der Einschüler mit hohem Sozialstatus über 50 Prozent, in Golzow nur bei 9,3, in Bad Freienwalde bei 11,5 Prozent.

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