Mescherin (moz)
1/3
Wenn Karin Hegemann ihrer Berufung nachgeht, darf kein Luftzug durchs Zimmer wehen. Er würde die sorgsam sortierten und ausgebreiteten Zeitungsausschnitte vom Tisch fegen. Karin Hegemann schreibt an der Ortschronik von Mescherin. Im nächsten Sommer will sie fertig sein.
„Das ist eine Heidenarbeit, und diese Arbeit hört nie auf“, seufzt Karin Hegemann. Wenn man einmal angefangen habe, müsse so eine Chronik ja auch fortgeführt werden. So etwas wie mit dem Schatz von Fritz Richert dürfe nicht wieder passieren.
Fritz Richert, Bauer in Mescherin und am 11. November 1892 geboren, hat die vermutlich erste Dorfchronik begonnen. Karin Hegemann hütet dieses in Leder gebundene Buch im Dorfgemeinschaftshaus, wo sie regelmäßig Neues und Altes über Mescherin zusammenträgt.
Vorsichtig blättert sie in der Richert-Chronik, die in feinster Sütterlinschrift und mit Tinte geschrieben ist. Auf dem Titelblatt prangt ein farbiges Aquarell. Es zeigt das Dorf am Oderstrom, dessen Dächer sich hangaufwärts schieben. Am Bildrand ragt ein Schornstein empor. Ob Bauer Richert das Bild selbst gemalt hat? Karin Hegemann, die eigentlich aus Neurochlitz kommt, weiß es nicht.
Aus der etwas vergilbten Chronik erfährt der Leser Staunenswertes. Wer hätte gedacht, dass sich Mescherin nach dem Bau einer Zuckerfabrik 1853 zu einem Industriedorf entwickelte? Fritz Richert hat herausgefunden, dass es um 1900 etwa 250 Schulkinder und drei Lehrer im Dorf gab. Er verglich die Tabakpreise von 1796 (fünf Taler) und 1912 (14 bis 16 Mark) und gibt der Nachwelt am Ende seiner Aufzeichnungen einen erstaunlichen Rat: „Stell dich nicht einseitig auf ein Produkt in der Wirtschaft. Konjunkturen kommen und gehen. Es ist nicht jedem gegeben, damit fertig zu werden.“
Als Fritz Richert mit dem Schreiben aufhörte, hat niemand die Chronik weiter geführt. „Sehr schade“, bedauert Karin Hegemann. „Zu viele Informationen und Anekdoten sind für immer verloren gegangen.“
Seit Monaten bemüht sich die neue Dorfchronistin um eine Fortsetzung. „Angedacht war, ab der Wendezeit zu beginnen. Aber wir müssen noch weiter zurück gehen. Wenn Mescherin vor der Wende eine Wasserleitung gekriegt hat, dann muss das in die Chronik“, ist Karin Hegemann sicher.
Sie interessiere sich seit langem für Heimatgeschichte und regionale Ereignisse. „Zeitungsartikel habe ich schon immer ausgeschnitten und gesammelt“, sagt sie und erklärt so auch ein wenig ihre Arbeitsweise beim Erstellen der Chronik.
Vor ihr auf dem Tisch liegen Stapel von Zeitungsausschnitten. Da steckt System drin. „Hier ist der Stapel Hochwasser, dort das Thema Windfelder und hier der Stapel Atomkraft“, zeigt die Chronistin über den Tisch. „Ich habe aber auch einen Blick über die Oder. Polen gehört für mich mit rein in die Chronik. Es gibt zu viele Verflechtungen“, erzählt sie und bearbeitet die aktuelle Zeitung mit der Schere.
Karin Hegemann ist beim Förderverein Gartz über Kommunalkombi beschäftigt. Ein bisschen Erfahrung als Dorfschreiberin hat sie schon gesammelt. Denn die Chronik von Neurochlitz stammt ebenfalls von ihr. „Aber fertig wird ein Album eigentlich nie“, weiß sie. „Man muss immer am Ball bleiben.“
Für sie stecken Mescherin und Umgebung voller Ereignisse. Manches lässt sie sich von Alteingesessenen erzählen und schreibt es auf. „Mescherin liegt ja hinterm Berg und hatte zu DDR-Zeiten schlechten Fernsehempfang“, hat sie sich sagen lassen. „Also hat jeder versucht, über Antenne den richtigen Sender zu kriegen. Das muss wild ausgesehen haben.“
Im nächsten Jahr soll die Mescheriner Chronik fertig sein. Dann läuft die Kombi-Stelle aus. „Dorfgeschichte festzuhalten ist nicht jedermanns Sache“, sagt Ortsvorsteher Karl Menanteau und muss den Fleiß und die Leidenschaft der Ortschronistin anerkennen.
Karin Hegemann wird bis zum nächsten Sommer noch viele Male ins Dorfgemeinschaftshaus fahren müssen und neue Stapel auf dem Schreibtisch anhäufen, sortieren und ins Album kleben. Sie hofft: „Vielleicht bekommt auch Rosow eine Chronik.“
Von Eva-Martina Weyer Einst hatte die Hohenreinkendorfer Kita nur noch acht Kinder. Jetzt platzt sie aus allen Nähten. Diana Nieclaus arbeitet schon... mehr
Das Amt Gartz arbeitet in diesem Jahr erstmals mit einem doppischen Haushalt. Die Gemeinden ziehen nach. Als Tantow über seine Haushaltssatzung 2011... mehr
Am hellichten Tag wurde am 11. Juli in zwei Tantower Wohnhäuser eingebrochen. „ Bislang konnten die Täter nicht gefasst werden. Wir ermitteln in... mehr
