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Jürgen Leibner 30.08.2010 18:42 Uhr

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Der Betrug von St. Johann

St. Johann in Tirol (moz) Für den Frankfurter Senioren-Radsportler Reinhard Scheer brachten die Master-Weltmeisterschaften in St. Johann mit dem nun schon siebenten Titelgewinn doch noch den ganz großen Erfolg. Aber der Weg auf die oberste Stufe des Podestes könnte einem Krimi entlehnt sein, weil der ursprüngliche Sieger als gemeiner Betrüger entlarvt wurde.

„Ich habe in meiner mehr als fünfzigjährigen Karriere als Radsportler schon einiges erlebt. Aber wie ich diesmal zum Sieg gekommen bin, das ist eine schier unglaubliche Geschichte.“ Noch immer schüttelt der 66-jährige Champion den Kopf, als er gestern stolz den riesigen Pokal, die goldene Medaille und das Regenbotentrikot präsentiert. Es ist bereits das siebente für Reinhard Scheer.

Aber was war passiert? Eigentlich hatte sich der Frankfurter im Ziel des Straßenrennens bereits damit abgefunden, dass es für ihn wie zuvor im Zeitfahren „nur“ zum Silber-Rang gereicht hatte. „Es war ein verrücktes Rennen für mich. Vor dem zweiten großen Anstieg gab es einen Massensturz“, erzählt er. „Ich konnte gerade noch ausweichen, musste aber mit Tempo 45 über die Wiese. Die Spitzengruppe war natürlich weg.“ Mit großem Kraftaufwand fuhr Reinhard Scheer hinterher. „Da ging ich bis in den roten Bereich.“ Und tatsächlich schaffte er fünf Kilometer vor dem Ziel der 40-km-Runde den Anschluss. „Auf einmal war meine Müdigkeit wie weggeblasen“, erinnert er sich. „Da ich kein guter Sprinter bin, mobilisierte ich auf den letzten 500 Metern alle Kräfte und versuchte mein Glück mit einem langen Spurt. Es klappte, auch wenn ich im Ziel fast vom Rad gefallen wäre.“

Also wieder Zweiter – 13 Sekunden hinter einem Italiener namens Elio Ravera. So dachte Reinhard Scheer zunächst und war zufrieden. Allerdings befiel den ehemaligen Polizisten schon da ein erster Argwohn, dass irgendetwas nicht stimmen könne mit seinem Bezwinger. „Der Italiener verschwand sofort nach dem Zieleinlauf, ließ sich von niemandem beglückwünschen. Das ist völlig unüblich und machte mich stutzig“, sagt Reinhard Scheer. „Er hatte doch gewonnen. Warum machte er sich aus dem Staub?“

Als am Abend auf dem Marktplatz von St. Johann die Medaillengewinner geehrt wurden, war vom vermeintlichen Weltmeister immer noch nichts zu sehen. Spätestens jetzt wurde man auch beim internationalen Verband stutzig. Was ist los mit dem Sieger? Warum kommt er nicht? Hat er etwas zu verbergen? Erste Gerüchte machten die Runde. Und tatsächlich stellte sich bald heraus, dass Elio Ravera gar nicht Elio Ravera war. Ein anderer Fahrer, der in Italien als mehrfacher Dopingsünder bekannt und bereits vorbestraft ist, hatte sich dessen Lizenz bemächtigt und unter falschem Namen ins Rennen geschlichen.

Doch der dreiste Betrug flog auf und Reinhard Scheer durfte sich mit einem Tag Verspätung als verdienter Weltmeister feiern lassen. „So viel Beifall wie diesmal habe ich bei keinem meiner sechs WM-Erfolge zuvor erhalten. Das ging richtig unter die Haut“, ist der Champion noch immer angetan. „Alle wussten, dass ein Betrüger mich um den Erfolg bringen wollte.“

Auf den – sein Name wurde nicht veröffentlicht – dürften jetzt einige heftige Unannehmlichkeiten zukommen. Von einer lebenslagen Sperre war ebenso die Rede wie von einer Geldstrafe in Höhe von 20 000 Schweizer Franken (rund 15 000 Euro). Ein teurer Ausflug nach Tirol.

Reinhard Scheer jedenfalls wird diese WM in ganz besonderer Erinnerung behalten. Denn schon beim Einzelzeitfahren war für ihn trotz des zweiten Platzes alles schiefgegangen, was nur schiefgehen kann. „Durch einen Anfängerfehler den Start verpasst, dann ein unglückliches Überholmanöver an der Wende und schließlich noch eine abgesprungene Kette. Mehr Pech und Unvermögen geht kaum“, sagt er. „Da habe ich den Sieg regelrecht weggeschmissen.“ Den anderen wollte ihm ein dreister Betrüger stehlen – zum Glück für Scheer klappte das nicht.

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