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Hans Sandow 02.09.2010 07:57 Uhr - Aktualisiert 02.09.2010 09:22 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Eine bedrückende Geschichte

Frankfurt (Oder) (moz) Die Umschlagfotos machen neugierig. Links ein schwarzgelockter Boxer mit freiem Oberkörper in Kampfpose, rechts ein bulliger Fußballer im gestreiftem Jersey. Johann Trollmann und Tull Harder heißen die beiden. Namen, die wohl heute kaum noch jemandem vertraut sein dürften.

Zweimal kreuzen sich die Lebenswege der beiden. Olympia 1928 in Amsterdam heißt das sportliche Ziel. Aber Deutschlands bester Mittelgwichtler, der geschmeidig, schnell und elegant boxt, hat in den Augen der Funktionäre einen entscheidenden Makel: Der Sohn eines schreibunkundigen Gelegenheitsarbeiters aus Hannover ist Sinto, „Zigeuner“ also. So einen kann man doch nicht für Deutschland in den Ring steigen lassen.

Otto „Tull“ Harder, der aus Braunschwerg stammende Mittelstürmer des Hamburger Sportvereins, wird von Reichstrainer Otto Nerz trotz 14 Toren in
15 Länderspielen nach nur einem Vorbereitungsspiel aus Altersgründen aussortiert.

Beide gehen auf ihre Weise mit der Enttäuschung um. Trollmann wechselt in die Profiszene. Harder tröstet sich mehr und mehr mit dem Alkohol und sucht die Nähe derjenigen, die an die politische Macht drängen, der Nazis. Obwohl Trollmann unvorstellbar oft boxt – mitunter liegen nur zwei Wochen zwischen den Kämpfen – ist er auch als Profi erfolgreich. Aber immer stärker scheinen seine Gegner – weniger die Boxer, dafür aber die Ringrichter, die inzwischen braun eingefärbte Fachpresse und die SA-Leute am Ring. „Leg dich, Zigeuner, oder wir holen dich“, brüllen sie. Trollmann gehorcht. Besser Boxkämpfe verlieren als das Leben. Nur einmal noch siegt der Selbstbehauptungswille: Am 9. Juni 1933 gewinnt Trollmann die deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. Aber da kann er noch nicht ahnen, dass es 70 Jahre dauern wird, bis ihm der Titel auch offiziell zuerkannt wird.

Spätestens mit der Schilderung der skandalösen Umstände dieses Kampfes sprengt Repplinger die Erwartungen der Leser eines Sportbuches. Bedrückend, was der Autor bei seinen Recherchen zur Rassenpolitik der Nazis aufdeckt. Schritt für Schritt mit der Verfolgung der Juden waren auch Sinti und Roma ins Visier der braunen Machthaber gerückt. Folgerichtig, wenn auch Zufall, dass sich Harder und Trollmann schließlich begegnen. Der Fußballer ist inzwischen SS-Mann im Konzentrationslager Neuengamme, als der Boxer Trollmann 1942 dort die Häftlingsnummer 9841 erhält ...

Trollmann und Harder kennt heute fast niemand mehr. Wünschenswert, dass dieses Buch etwas daran ändert. Hans Sandow

Roger Repplinger, Leg dich, Zigeuner, Piper, ISBN 978-3-492-04902-3, 22,90 Euro

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