Altenhof (moz) Seine ersten Anzüge hat er „selbst gebaut“. Seine ersten Atemgeräte auch – aus gebrauchten Feuerlöschern, Benzinschläuchen und eigens konstruierten Reglern. Seit 50 Jahren ist Klaus Hörnicke Taucher. Den Werbellinsee von unten kennt der Altenhofer wie kein Zweiter.
Beim legendären Silvestertauchen: Klaus Hörnicke hat die Tradition Anfang der 60er Jahre im Werbellinsee vor Altenhof ins Leben gerufen.
Zuletzt war er Silvester unter Wasser. Er will ein bisschen kürzer treten, sagt Klaus Hörnicke. Die Hühner, das Grundstück, das Boot – es gibt viel zu tun. An der Gesundheit liegt es jedenfalls nicht, dass er in diesem Sommer nicht regelmäßig abtaucht. Denn auch ein Herzinfarkt, die bald zehn Röhrchen, die das Herz stützen, vor 17 Jahren die Taucherflöhe und ärztliche Mahnungen haben den 70-Jährigen bisher nicht von seiner Leidenschaft abhalten können.
Leidenschaft ist allerdings ein Wort, das Hörnicke fürs Tauchen selbst vermutlich nicht in den Sinn käme. Nach seinen größten Entdeckungen im Werbellinsee befragt, antwortet der Altenhofer: „Ich muss ehrlich sagen, für mich ist das nicht spannend.“ Er ist einfach am See groß geworden. Das Tauchen macht Spaß. Wenn Hörnicke davon erzählt, ist das, als würden andere vom Fahrradfahren sprechen. Eine Fortbewegungsart, die man nicht verlernt.
Über die Anfänge kann Hörnicke heute herzhaft lachen. „Wir haben es mit einem Schlauch versucht“, erinnert er sich an Tauchversuche mit Freunden. „Als Kinder tauchten wir so tief wie wir gekommen sind – und immer ein Stückchen tiefer.“ Gute sieben Meter, schätzt der Altenhofer heute, waren das.
Sehr viel tiefer ging es später viele hundert Male hinab. Die registrierten Tauchgänge seines Lebens langten im vorigen Sommer bei der laufenden Nummer 474 an. „Mit einer Eins davor stimmt es vielleicht“, sagt Klaus Hörnicke, der noch immer in seinem Geburtshaus in Altenhof lebt.
Als 1961 die Grenze zugemacht wurde, hatte der junge Klaus gerade einen Schatten auf seiner Lunge besiegt. Sein Arzt in den Zepernicker Tbc-Heilstätten verbot den Dienst bei der Armee, erlaubte aber das Hobby. Nach der Entlassung legte der 20-Jährige sofort los. Anfangs tauchte er oft allein, später immer öfter mit Partner. Seine Ausrüstung erfand er dabei selbst. Fotos aus den wilden Jahren zeigen ihn mit Atemflaschen, recycelt aus Feuerlöschern. Und auch sein neuer Beruf kam Hörnicke zupass. Vom Former und Gießer hatte er auf die Schlosserei umsatteln müssen. Den einfachen Atemregler baute er natürlich eigenhändig. „Ich habe mir auch die Anzüge selbst gebaut“, erzählt Hörnicke. Wenn es mit Nähen getan gewesen wäre, hätte seine Frau Loni, eine gelernte Schneiderin, vielleicht übernehmen können. Die Stralsunderin, mittlerweile Chemiefacharbeiterin, hatte er in der Chemischen Fabrik Finow kennengelernt. Dort arbeitete Klaus Hörnicke Jahrzehnte als Schlosser.
Die Anzüge wurden zusammengeklebt – innen Nylon, außen Neopren, „schwer und steif wie ein Brett“. Ein Exemplar hängt noch neben den modernen Nachfolgern in Hörnickes Werkstatt. Nicht erhalten ist dagegen eine Art Arbeitsschutzanzug, den er noch früher benutzte. Darunter blieben auch Sonntagshemd und Trainingshose trocken. Von Dienst wegen musste Klaus Hörnicke damit einmal in ein Becken voller Methanol absteigen. „Das war eigentlich Gift, da hat der Anzug gelitten“, sagt er.
In der Chemischen Fabrik fand er aber auch die Tauchkumpels fürs Leben. „Es ging langsam mit der GST los, sie wollten uns unter Kontrolle haben“, erzählt Hörnicke. Mit Gleichgesinnten gründete er den Tauchclub Werbellow, den einzigen Tauchverein am Werbellinsee, der ihn vor 15 Jahren zum Ehrenmitglied machte. Das laut einer Sage verschwundene Dorf im Werbellinsee gab ihm seinen Namen.
Tauchkollege Thomas Andrae, der Hörnicke seit über drei Jahrzehnten kennt, sagt: „Er ist ein recht ruhiger Patron, besonnen.“ Andrae stieß 1978 als Tauchlehrer zum Club. Mit dem Altenhofer unternahm er zwar viele Tauchgänge. Beizubringen hatte er dem Älteren „in dem Sinne“ freilich nichts, sagt er.
Klaus Hörnicke hatte längst die Unterwasserlandschaften im Parsteiner und vor allem im Werbellinsee bewandert. Auch etliche Wracks der zehn bekannten Kaffenkähne, die auf Grund liegen, hat der Urvater der Werbellinseetaucher erkundet, lange bevor sie offiziell entdeckt wurden.
Als die historischen Schleppkähne aus Holz vor einigen Jahren gesäubert wurden, war auch Klaus Hörnicke dabei. Die Verlockung, Funde wie ein Schiffssiegel, handgemachte Flaschen oder Geschirr zu behalten, war groß. Für den Taucher war es trotzdem eine Ehrensache, sie dem Berliner Technikmuseum zu überlassen. Er half, die Wracks vom Schlamm zu befreien. Arges befürchtete er, als er ein Paar Stiefelspitzen freilegte. „Aber es waren nur Stiefel.“
Allerdings hat Klaus Hörnicke dennoch Tote aus dem See geborgen, zum Beispiel an der Badewiese. Schon deshalb würde er das Tauchen nicht spannend nennen. Gerne ist er dagegen behilflich, wenn Anker am Seegrund geblieben sind. „Der Rekord in einem Jahr waren mal elf Anker.“
Das nachhaltigste Erlebnis geht aber auf sein eigenes Konto. In 40 Meter Tiefe verlor er die Orientierung. „Ich war zu lange unten und bin zu schnell aufgetaucht“, erklärt er die „Taucherflöhe“ am Tag danach. Stickstoffbläschen im Rückenmark – vier Mal war Klaus Hörnicke nach dem Unfall 1994 in der Druckkammer.
Eines gibt es aber doch, was den 70-Jährigen beim Thema Tauchen wirklich zum Schwärmen bringt. Und das sind die Riffe am Roten Meer, an die er seit zehn Sommern mit dem Club in Ägypten abtaucht. Ganz besonders eine Höhle: das Blue Hole von Dahab. Wenn die Sonne hereinscheint, sieht es in 40 Meter Tiefe aus „wie ein Schweizer Käse“, beschreibt Klaus Hörnicke. „Herrlich – das war was!“
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