Eberswalde . Sie sind seit Wochen im Barnim weithin sichtbar. Und sie wurden bislang weithin ignoriert, geschweige denn bewusst zur Kenntnis genommen - jene Plakate, welche auf das Volksbegehren gegen neue Tagebaue hinweisen. Verwundern kann es nicht. Denn die Bagger stehen weder kurz vor Eberswalde noch wurden sie rund um Bernau gesichtet.
Landschaftsfra▀ im Tagebau: Die Bagger nõhern sich einer lõngst evakuierten Gemeinde. Noch bis in die 40er Jahre plant man in der Lausitz Braunkohletagebau. Die Initiative zum Volksbegehren "Keine neuen Tagebaue" will das verhindern.
Was ein bisschen das Problem der Kampagnenführer einer Abstimmung unter der Bevölkerung darstellt, wie Axel Kruschat vom Bund für Umwelt und Naturschutz - kurz BUND - zugibt. "Uns ist klar, dass es hier jenseits der Lausitz schwierig ist, die Menschen für das Thema zu gewinnen." Kruschat muss sie gewinnen, und zwar schnell. Denn es ist Halbzeit für seinen Aufruf zum Volksbegehren. Gestartet am 10. Oktober haben er und die Kräfte um Koordinator Falk Hermenau nur noch bis 9. Februar Zeit. Dann müssen aus ganz Brandenburg mindestens 80 000 Unterschriften für das Begehren zusammengetragen worden sein, sonst können sie einpacken, bevor der Kampf "Pro und Contra Braunkohle" überhaupt erst richtig losgeht.
Seit der jüngsten Zählung im November sind erst 6300 Stimmen verbucht worden; rund acht Prozent. "Das liegt hinter unseren Erwartungen. Wir hatten mit gut 10 000 Stimmen, wenigstens mit zehn Prozent gerechnet." Jetzt hätten sie den "heilsamen Schock" durch die mageren Zahlen erlitten; ob noch rechtzeitig zur Halbzeitpause, muss sich erst zeigen.
Bei rund 200 Kilometern Luftlinie zwischen dem Barnim und dem Abraumgebiet zwischen Jänschwalde, Welzow oder Nochten türmt sich eine emotionale Grenze auf, welche Hermenau und Kruschat schnell überwinden wollen. Erst gut 270 Barnimer haben sich für ein Volksbegehren ausgesprochen, in der Uckermark seien es knapp 120 gegen einen weiteren Fraß der Bagger durch die Landschaft. "Als nächste Orte sind Atterwasch, Proschin, Kerkwitz und Grobko in Gefahr", sagt Kruschat. Bilder aus Horno oder Lakoma werden lebendig - abgebaggertes Leben.
Sicher könne der eine oder andere hier im Landkreis nachvollziehen, was es bedeutet seine Heimat verlassen zu müssen, umgesiedelt zu werden. Kruschat setzt auf das Bauchgefühl bei der Weltkriegsgeneration. "Und ansonsten geht es schlicht darum, den Menschen in den betroffenen Gemeinden einfach zu helfen", dass sie bleiben könnten, wo sie verwurzelt seien. Kruschats wie auch Hermenaus Argumente zielen insbesondere auf den wirtschaftlichen Effekte. "Der sozialverträgliche Ausstieg aus der Braunkohle sichert Jobs." Besonders im Osten Deutschlands läge das Potenzial im Bereich der erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne, Wasserkraft bei 300 000 Arbeitsplätzen. Hingegen seien zwischen 2002 und 2007 allein 1929 Menschen aus dem Energiesektor in der Lausitz arbeitslos geworden.
Da sich die Bundesregierung bis 2050 recht ehrgeizige Klimaschutzziele gesteckt hat und bis dahin ganz auf die Braunkohle als Strom-Lieferant verzichten wolle, sei es kaum nachvollziehbar, warum dann noch neue Abraumgebiete erschlossen werden sollen bis in die 40er Jahre hin-ein, sagt Hermenau. "Mal ganz abgesehen davon, dass es immer mehr Geld kostet, mit der gleichen Qualität Braunkohle für die Stromerzeugung zu liefern", sagt Kruschat. Er weist auf die Folgen hin. "Tagebaus verursachen irreversible Schäden. Erst sind die Menschen weg, dann der Rohstoff." Was bleibt, sei eine Wüste über Jahre. Mal abgesehen davon, dass Investoren ein solches Gebiet ohnehin meiden würden.
Hermenau wie Kruschat sehen durchaus Probleme darin, dass alternative Methoden wie die Windenergie auch ihre Spuren hinterlässt. "Windräder sieht man, man hört sie und es kommt vor, dass die Abstände zu bewohntem Gebiet immer geringer werden." Nur seien die Windräder schnell abbaubar und stellten einen viel geringeren Eingriff in die Natur dar als ein Tagebau.
Ab Januar beginnt für die Volksbegehrer, die ihre Zentrale in Potsdam haben, der Endspurt. "Wir werden die Flyer überarbeiten und am 4. Januar in Kerkwitz einen Sternmarsch organisieren." Jeder Brandenburger kann noch bis 9. Februar auf den Einwohnermeldeämtern seine Unterschrift für ein Volksbegehren abgeben.
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