Schönerlinde . Das Schönerlinder Gut ist noch nicht sehr alt. Vor gerade einmal hundert Jahren wurde es gebaut. Doch hat es in dieser Zeit bereits vier Gesellschaftssysteme überlebt - und soll nun, im fünften, saniert und in alter Pracht wieder aufgebaut werden.
Verschlafen und in ein weißes Kleid gehüllt, liegt das Gut Schönerlinde in diesen Tagen in der Sonne. Von dem quirligen Leben, als dort noch 600 Menschen täglich ihre Arbeit verrichteten, ist nicht mehr viel zu sehen. Nur ab und zu fährt ein Kleinlaster oder die Post über den weiten Hof. Hier und dort hört man ein Hämmern, ansonsten ist es still.
Das Hämmern, leise und stetig, wirkt wie ein Vorbote auf das, was in den kommenden Jahren auf dem Gut passieren soll. Die Berliner Stadtgüter, Verwalter des riesigen Areals, wollen aus dem Hof einen kleinen Gewerbehof entwickeln, in dessen altem Flair sich kleine und mittlere Firmen ansiedeln sollen. "In zwei, drei Jahren wollen wir mit dem Projekt fertig sein", erklärt Hans-Ulrich Schuldt, Bereichsleiter für Vertragswesen bei den Berliner Stadtgütern.
Bis dahin sollen alle Gebäude, des zwischen 1909 und 1910 erbauten und noch vollständig erhaltenen Guts, saniert und umgebaut sein. Im ehemaligen Schweinstall, der während der DDR-Zeit zum Verwaltungsgebäude umfunktioniert wurde, sollen künftig Büros untergebracht werden. "Das Archiv der Berliner Stadtgüter ist jetzt schon dort", so Schuldt weiter. "Dort werden die Unterlagen aller Güter rund um Berlin zentral gelagert." Das Dach des Gebäudes ist bereits frisch gedeckt und auch eine Giebelseite hat nun eine Isolierung und ist mit frischem Putz überzogen.
Der Pferdestall gegenüber, in dem sich bereits eine Zimmerei und eine Malerfirma eingemietet haben, und auch die riesige Scheune an der Stirnseite des Hofes sind neu eingedeckt. Dort sollen sich kleinere Betriebe einrichten. "Die Scheune ist eine ideale Lagermöglichkeit für Baufirmen und wird zudem noch mit einer Solaranlage ausgestattet", wirbt Schuldt für die neuen Nutzungsmöglichkeiten des Areals.
Ursprünglich wurden die Gutshöfe, von denen es fast ein Dutzend rund um Berlin gibt, für die Verwaltung der sogenannten Rieselfelder gebraucht, auf denen die Hauptstadt ihre Abwässer bis zu Beginn des 20. Jahrhundert "verrieseln" ließ. "Auf den Flächen wurde Landwirtschaft betrieben", weiß Bernhard Kutzner zu berichten, der sich mit der Geschichte des Guts beschäftigt hat. In der DDR-Zeit hätten dort später sogar bis zu 600 Menschen gearbeitet.
Nach der Wende, genauer gesagt 1995, war dann jedoch Schluss mit der Viehzucht und dem Ackeranbau. Zu dieser Zeit war aber gerade einmal noch ein Viertel der ursprünglichen Besatzung auf dem Gut beschäftigt.
Einige der ehemaligen Mitarbeiter sind dem Schönerlinder Gut aber treu geblieben. Im ursprünglichen Verwaltungsgebäude wohnt heute zum Beispiel noch die Frau eines ehemaligen Gutsleiters. "Die Wohnungen sollen auch bestehen bleiben. Sie sind Teil unseres Konzeptes", erklärt Hans-Ulrich Schuldt.
Auf den riesigen Flächen rund um das Gut wird heute noch Landwirtschaft betrieben. Allerdings von privaten Unternehmen, die das Land von den Berliner Stadtgütern gepachtet haben. Die Stadtgüter hingegen sind mittlerweile nur noch eine Liegenschaftsgesellschaft, die in Brandenburg rund 17 000 Hektar verwaltet.
Vorbei also die Zeit, in der sich die Stadtgüter noch um Landwirtschaft kümmerten. Die Betätigungsfelder gehen heute in eine gänzlich andere Richtung und kosten die Stadtgüter allein in Schönerlinde einen siebenstelligen Betrag - wenn auch Verknüpfungen zu den ursprünglichen Aufgaben bleiben. Denn neben dem Verwalten eines Gewerbehofes wollen die Stadtgüter im ehemaligen Speicher des Gutes auch ein wenig Kulturförderung betreiben. Eine Ausstellung wurde von ABM-Kräften zusammengestellt und beleuchtet die Geschichte der Berliner Stadtgüter und ihrer Gutshöfe von der Kaiserzeit bis heute. "In fünf Zimmern wurden die fünf Epochen mit ihren typischen Möbeln und Utensilien, mit Bauplänen und Unterlagen zusammen getragen", sagt Bernhard Kutzner. In den übrigen Räumen des Gebäudes, so Schuldts Vision, könnten Lesungen oder Konzerte stattfinden. Auch Arbeitsgemeinschaften, in denen Kinder im Malen oder Töpfern unterrichtet werden, könnten ihren Platz im alten Speicher zwischen Schrotmühle und alten Dielenböden finden. Und kleinen Bioladen stellt sich Schuldt vor.
Vielleicht wird bei so viel Engagement ja irgendwann dann auch wieder so ein buntes Treiben auf dem Gut herrschen, wie noch vor 50 Jahren. Schuldt jedenfalls ist optimistisch: "Die Lage ist günstig und Anfragen gibt es genug."
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