"Wasserstand in Zentimetern 426", vermeldete der automatische Pegelansager gestern 18 Uhr für die Oder in Ratzdorf. Zwölf Stunden zuvor waren es drei Zentimeter weniger. Am vergangenen Freitag lag der Pegel noch bei drei Metern. In Eisenhüttenstadts Ortsteil Fürstenberg ist das steigende Wasser bereits spürbar. Am Oder-Spree-Kanal wurden die Bauarbeiten an einem Sandfang eingestellt. Doch Eisenhüttenstadts Bürgermeister Rainer Werner bleibt gelassen: "Sollte es Hochwasser geben, wird es uns nicht überraschen. Wir stehen in ständigem Kontakt mit den zuständigen Stellen", sagte er. Verantwortlich für die Hochwasserbekämpfung sei der Kreis.
So ruhig ist Arnold Schaar aus Wiesenau nicht mehr. "Ich habe die letzten Nächte schon schlecht geschlafen", sagt der Anwohner der Kirchstraße. "Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man das 1997 hautnah miterlebt hat." Teilweise bis zu einem Meter tief stand sein Haus damals unter Wasser. Auch aufgrund eines Ölschadens musste er völlig neu bauen. Der Oder-Deich in der Ziltendorfer Niederung wurde zwar saniert, so dass Schaar sagt, "da mach e_SSRq ich mir keine Sorgen", aber der am Brieskower See ist alles andere als fertig. "Dabei steigt der Wasserpegel des Sees bei jedem Hochwasser mit an." 1997 habe der damals intakte Deich Frankfurt und Brieskow-Finkenheerd vor der Überflutung geschützt, so der Wiesenauer. Und jetzt? Vorhandene Lücken wurden in den vergangenen Tagen mit einem Kiesgemisch aufgefüllt - die unterschiedlichen Färbungen des Walls zeugen davon. "Das reicht aber nicht", befürchtet Schaar. "Da sollte man mit Sandsäcken arbeiten. Nicht dass wir diesmal von der anderen Seite überflutet werden." Wasser habe schließlich Kraft. Auch aus Neuzelle kamen erste Sorgen, weil ein Stück Deich in der Niederung kürzlich abgetragen wurde, der neue aber noch nicht gebaut ist.
Allein in der Neuzeller und der Ziltendorfer Niederung gibt es derzeit vier Baustellen an den Deichen, bestätigt Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes. Gefahr bestehe deshalb nicht. "Bei den Bauarbeiten wird immer ein Havarie-Fall für Hochwasser eingeplant", sagt er. "Die Baustellen werden gesichert." Ein Deich dürfe in einer solchen Situation beispielsweise nie ganz abgetragen werden. Er habe bereits mit allen Verantwortlichen telefoniert. "Wir sind ja in der glücklichen Lage, dass wir eine Vorlaufzeit von acht bis zehn Tagen haben, ehe das Wasser in Ratzdorf ankommt."
Aber Freude rechnet nicht mit einem Jahrhunderhochwasser wie 1997. "Die Gesamtsituation ist nicht vergleichbar." Damals hätten sich aufgrund der 5-B-Wetterlage Wolkenmassen über dem Mittelmeer gebildet, die zu heftigen Niederschlägen in den tschechischen und polnischen Gebirgen führten. In Miedonia sei die Oder im Juli 1997 an einem Tag um zehn Meter gestiegen. In diesem Jahr sei es gerade einmal ein Meter gewesen, sagt Freude. Natürlich müsse man dennoch abwarten, wie sich die Niederschlagssituation in Polen und Tschechien entwickelt.
In der Kreisverwaltung ist die Stimmung noch relativ entspannt. Ralf Müller, Sachbearbeiter für Katastrophenschutz im Ordnungsamt, verweist auf einen "topaktuellen" Hochwasserabwehrplan. In dem sind sämtliche Einsatzkräfte etwa von Feuerwehren und Technischem Hilfswerk sowie alle Mittel wie Pumpen und Sperreinrichtungen ebenso verzeichnet wie die Vertragsfirmen, die im Flutfall Kies heranfahren. Sandsäcke, die damit gefüllt werden, liegen im Katastrophenschutzlager des Landes nahe Beeskow bereit. "Wir sind sehr gut gerüstet, alles im grünen Bereich", versichert Müller. Das Landesumweltamt liefert Vorwarndaten und Trendberichte. Mit 4,35 Metern lag der Oderpegel bei Eisenhüttenstadt gestern Abend nur 40 Zentimeter unter dem Stand, der zum Ausrufen der niedrigsten Alarmstufe führt. Der Pegel für die zweite Stufe liegt in Eisenhüttenstadt bei 5,45 Metern, die dritte mit dem voll entfalteten Deichwarnsystem bei 5,85 Metern. Alarmstufe IV - die wie die dritte vom Landkreis ausgerufen wird - gibt es bei Pegel 6,30 Meter.
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