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Judith Meisner 27.09.2011 07:55 Uhr

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Übergänge und Abschiede: Mauerbilder von Johannes Heisig in Berlin

Berlin (MOZ) Das Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg präsentiert zum Gedenken an den Mauerbau vor 50 Jahren die Ausstellung „Übergänge“ mit Gemälden von Johannes Heisig und Werken des 2007 verstorbenen Fotografen Günter Bersch. Heisig, der in Leipzig studierte und in Dresden der jüngste Kunsthochschuldirektor der DDR wurde, malte eine ganze Reihe von Mauerbildern quasi posthum: 2007 entstanden sie vom Aussichtsturm der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Da war der Künstler schon längst im neuen Deutschland angekommen, mit Wohnsitz in Berlin.

  Sitzende in seinem Rücken: Heisigs Bild des Polizisten an der Mauer heißt „Bernauer Straße II“. © Hans-Peter Theurich

Der Maler hat sich als Porträtist von Politikern einen Namen gemacht. Allein von Altkanzler Willy Brandt malte er fünf Bilder, eines hängt in Washington. Die Auseinandersetzungmit der jüngsten deutschen Geschichte rückte auch die eigene Familie ins Blickfeld des Malers; waren die Eltern doch selbst Künstler und hatten fachlich Einfluss auf den Werdegang des Sohnes.

„Ich möchte meinem vor Kurzem verstorbenen Vater diese Ausstellung widmen“, sagte Johannes Heisig bei der Eröffnung. Ein Porträt in der Schau zeigt Bernhard Heisig (1925–2011). Im Rollstuhl, den Pinsel in der Hand haltend, scheint er die Gefahr nicht zu bemerken oder ignoriert sie: Ein Soldat mit Gewehr stürmt auf ihn zu und sticht mit dem Bajonett haarscharf am Kopf vorbei. Eine weiße Gestalt scheint die Waffe abzulenken – wie eine Art Schutzengel. Die Mutter, Brunhild Schmidt-Eisler, malte der Künstler im Rollstuhl, sie war Keramikbildhauerin.

Johannes Heisig wohnt in Neukölln, einem Bezirk in sozialer Randlage: „Berlin am Meer“ ist ein liebenswürdiger Titel, den Werner Heldt für ein Aquarell im Jahr 1946 wählte. Heisig zeigt auf seinem gleichnamigen Ölgemälde eine brüchige Idylle auf einem Neuköllner Hinterhof. Ein Planschbecken für Kinder, daneben sitzt ein Muskelmann in Unterhemd mit Goldkettchen.Einer der allgegenwärtigen weißen Plastikstapelstühle macht die triste Gemütlichkeit komplett.

Die Figuren sind rasch hingewischt, sie scheinen zu zerfließen, nur flüchtige Gäste zu sein.Bunte Luftballons im Sonnenlicht erinnern vage an heiterere Zeiten und machen die dumpfe Melancholie der Szenerie umso schwerer erträglich.

Heisigs stille und oft menschenleere Stadtansichten wie „Hof in Neukölln“ wirken wie eine Hommage an Berlins heimliches Wahrzeichen – die überall zu findende Brandmauer.

Günter Berschs Fotografien bezeichnete Johannes Heisig als „sperrig“ in seiner Laudatio auf den verstorbenen Freund. Die Bilder zeigen den Abzug der sowjetischen Armee, ebenfalls ein „Übergang“. Neben diesen Szenen hat der Fotograf seinen ironischen Blick auf typische Situationen des Abschieds gerichtet: Soldaten tragen die Gipsköpfe einst gefeierter Kriegshelden der Roten Armee auf den Müll der Geschichte.

„Übergänge“, bis 16. Oktober,Di–So 12–18 Uhr, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Berlin-Kreuzberg, Eintritt frei, Ausweis erforderlich, Telefon: 030 25993700

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