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Dorothee Terebko 18.11.2011 20:56 Uhr

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Der Terrier: Berti Vogts war vielleicht das letzte Mal Trainer in Aserbaidschan

Berlin (MOZ) Wut im Bauch. Den Verstand zerfressende, Magengrummeln verursachende Wut. Wut vom Typ „alles oder nichts“. Diese hat der 16-jährige Hans-Hubert „Berti“ Vogts wohl verspürt, als sein Bruder ihn auslachte mit den Worten: „Die Prüfung zum Werkzeugmacherlehrling – das schaffst du nie.“ Doch Berti Vogtsbüffelte, biss sich fest an der Idee, es schaffen zu können, es packen zu müssen. Und es gelang ihm. Der Terrier war geboren.

  Wohin geht es als nächstes? Berti Vogts trainierte bereits fünf Nationalmannschaften. © dpa

Unbedingter Wille, Arbeitswut bis hin zum trotzigen „Jetzt erst recht“: Das sind die Eigenschaften, die sich auch durch Berti Vogts berufliche Stationen ziehen. Sie machen den Menschen Hans-Hubert, den Verteidiger Berti und den ehemaligen Bundestrainer Vogts aus. Das sind aber auch die Charakteristika, die in seiner Karriere immer wieder zu Stolpersteinen wurden: von der Kapitänsbürde in der Nationalmannschaft über die mediale Selbstzerfleischungbis hin zu seinen erfolglosen Trainerexkursen ins Ausland. Lässt man die Karriere des 1,68 Meter großen Blondschopfs Revue passieren, ist da auch immer ein Fünkchen Mitleid im Spiel. Zu Recht?

Kilometerlange, grüne Wiesen, auf denen Schafe weiden, nach dem Krieg erbaute Einfamilienhäuser, eine historische Mühle: Das ist das nordrhein-westfälische Büttgen. Hier wurde Hans-Hubert Vogts am 30. Dezember 1946 geboren. Bereits im Alter von dreizehn Jahren starben seine Eltern. Er wuchs seitdem bei Tante und Onkel auf. Pfarrer Adam von Kann aus der Gemeinde, in der Berti Messdiener war, erinnert sich: „Er war ein Rauhbein früher, aber eines von der lieben Art. Ich freue mich für den Berti, dass etwas aus ihm geworden ist, wo er doch in einer Wirtschaft groß geworden ist.“

Damit meint er das Gasthaus von Bertis Zieheltern. Einen Gasthof, wie es Ende der 1950er Jahre viele am Niederrhein gab. Dort stießen die Schützen auf ihren König an, die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr löschten kräftig mit und die Fußballer lamentierten über die Fehler der Innenverteidiger. Dort wurde geklönt, gekegelt, getrunken. Und dort – zwischen Zapfhähnen, Soleiern und Kegelbahn – wuchs Berti Vogts auf.

Seine Bescheidenheit und sein Ehrgeiz hätten ihm eine Karriere als Fußballer beschert, sagt seine Tante Maria. In Berti Vogts Jugend war sie die wichtigste Ansprechpartnerin, Mutterersatz und Freundin in einem. Sie war auch diejenige, die, als Vogts vom VfR Büttgen zu Borussia Mönchengladbach wechselte, für ihn unterschrieben hat. „Er hat alles aus eigenem Antrieb getan. Ich musste nie hinter ihm her sein, dass er zeitig nach Hause kommt. Er hat sich nicht herumgetrieben. Ich wusste immer: Jetzt wird er bald auftauchen und dann kam er auch“, wird sie von Ulfert Schröder in seiner Vogts-Biographie zitiert.

Diese Strenge erlegte sich der Fußballer Vogts im Training wie im Spiel auf. So schleppte er sich zum Beispiel, obwohl schwer am Meniskus verletzt, 1971 noch durch die Saison und riskierte damit eine langwierige Verletzung. Nicht umsonst wurde der zweimalige Fußballer des Jahresvon seinen Gegnern für die Wadenbeißermentalität gefürchtet. Allein ein Ballkünstler wie Pelé oder ein leichtfüßiger Spielmacher wie Beckenbauer war er nicht. Er war Arbeiter. Zweikämpfe seine Stärke.

Und weil er ein Arbeiter, ein Mann des Volkes, ist, weil er Nonsense-Sprüche klopft wie: „Die Breite an der Spitze ist dichter geworden“ oder: „Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben“, ist er für Journalisten und Kabarettisten leichte Beute. Stefan Raabs Hymne „Böörti, ?Böörti Vogts“, die 1994 Platz 4 der Hitparade erreichte, ist auch heute noch Beweis dafür, wie nah Vogts an der Grenze zur?Lächerlichkeit kickte.

Dass er die Grenze als Spieler auch mal überschritt, zeigt sein politisches Engagement. So bezoger Stellung zu politischen Themenfeldern, in denen er sich offensichtlich nicht auskannte. Bei der WM 1978 in Argentinien antwortete er auf die Frage eines Journalisten, was er denn von der Verwirklichung der Menschenrechte in dem von einer Militärdiktatur gebeutelten Land halte: „Würden Sie mich das auch fragen, wenn die WM in Russland stattfinden würde?“

Oft wurde er deshalb von der Presse zum Prügelknaben stilisiert. Als Trainer wahrscheinlich noch mehr als als Spieler. Nach dem Viertelfinalaus der deutschen Fußballer bei der WM in den USA publizierte Deutschlands größte Boulevardzeitung ein fiktives Rücktrittsschreiben. Bei der WM 1998 in Frankreich, als Deutschland im Viertelfinale an Kroatien scheiterte, richtete sich die Kritik der Fans und der Presse vor allem gegen ihn. Auch im Ausland, bei seinem jetzigen Arbeitgeber Aserbaidschan, wurde er im Juni dieses Jahres von Journalisten heftig kritisiert und sogar mit Klopapier beworfen. Vogts: der Gebeutelte?

„Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann er“, beschwert sich Vogts. Doch wer will es den Journalisten verübeln? Zwar wird niemand als Medienprofi à la Beckenbauer geboren, doch mit seiner langjährigen Erfahrung als Bundestrainer und Nationalspieler sollte Vogts doch über das Schwimmflügelalter hinaus sein. Trotz und Frustration sind Erklärungsversuche. Wie sonst ist es möglich, dass Vogts wie zuletzt bei seinem womöglich letzten Spiel mit Aserbaidschan gegen Union Berlin am Dienstag ohne Kommentar an den Medienvertretern vorbeirauschte?

Vielleicht steckt in ihm ja aber immer noch der 16-Jährige, der mit dem Spruch seines Bruders im Ohr, beweisen will, dass allein harte Arbeit zählt. Vielleicht kann er deshalb nicht die „Faulheit“ und Unprofessionalität, die er bei den Aserbaidschanern sieht, akzeptieren.

Seine Arbeit – egal, ob auf dem Platz oder auf der Trainerbank – bewegte sich stets entlang des Faustschen „Wer immer strebend sich bemüht“-Motivs. Im Faust heißt es weiter jedoch: „Den können wir erlösen.“ Bei Berti Vogts lautet die Frage aber nicht, ob wir können, sondern: Wollen wir?

Berti Vogts wurde am 30. Dezember 1946 in Büttgen geboren. Als Spieler begann er seine Karriere beim VfR Büttgen und wechselte 1965 zu Borussia Mönchengladbach. Mit den Borussen wurde er fünfmal Deutscher Meister, einmal DFB- und zweimal UEFA-Pokalsieger. Mit der Nationalmannschaft gewann er 1974 die WM, sein international größter Erfolg. Nach dem Ende seiner Laufbahn als Fußballer trainierte er die Nationalelf und führte sie 1996 zum EM-Titel – dem bisher letzten für Deutschland. Vogts ist geschieden und hat einen Sohn.

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