Im Gespräch mit ihm staune ich immer wieder, wie präsent seine Hohen Neuendorfer Jahre ihm noch sind, wie sehr sie ihn geprägt haben - und wie schnell eine Art Geschichtsstunde daraus werden kann.
Jürgen Rennert wurde 1943 in Berlin-Neukölln geboren. Er wuchs bei seiner Großmutter auf. Nach ihrem Tod kam er 1952 zu seinen Eltern nach Hohen Neuendorf und wurde hier in die vierte Klasse eingeschult. Nach einem Intermezzo in der Emile-Zola-Straße wohnte die Familie in der Emmastraße 5 im Mädchenviertel, in dem sich, so Rennert, "ein wesentlicher Teil meines familiären Lebens vollzog". In dem Haus starb 1961 seine Mutter mit 41 Jahren. Dort wohnten er und seine erste Frau Christa, die er 1963 geheiratet hatte, gemeinsam mit seinem 1974 verstorbenen Vater. Hier pflegte er seine Frau, die 1989 gestorben ist.
In diesem Haus wurde Jürgen Rennert auch zum Schriftsteller. Zunächst jedoch, von 1959 bis zum Frühjahr 1962, lernte er Schriftsetzer in der Druckerei Walter Säuberlich. Anschließend war er anderthalb Jahre Hilfspfleger im Krankenhaus in der Niederheide.
"Das schien mir sinnvoll, da ich wegen meiner Verweigerung des aktiven Wehrdienstes mit einer Inhaftierung rechnen musste", sagt er. Ab 1964 arbeitete Rennert als Werbetexter und -redakteur für den Berliner Verlag "Volk und Welt". Diese Tätigkeit unterbrach er im Mai 1966 für die anderthalbjährige Dauer des Wehrersatzdienstes als Bausoldat, was erst seit 1964 möglich war.
Im Oktober 1975 wagte der Hohen Neuendorfer den Sprung in die freiberufliche Schriftstellerexistenz. Mit Erfolg, denn mit den Jahren entstand ein erstaunlich umfangreiches und vielfältiges Werk. So erschienen vom Lyriker Rennert die Gedichtbände "Märkische Depeschen" und "Hoher Mond", vom Prosaisten und Essayisten die "Ungereimte Prosa" und die "Angewandte Prosa" sowie einige Bücher für Kinder.
Auch als Nachdichter aus dem Tschechischen, Russischen und Ungarischen und als Übersetzer machte der Autor sich einen Namen. 1979 erhielt er den Heinrich-Heine-Preis, 1987 rief er mit der Kantorin Jalda Rebling und dem Theologen Stefan Schreiner die Berliner "Tage der Jiddischen Kultur" ins Leben.
Spielt Hohen Neuendorf in Jürgen Rennerts Werken eine Rolle? "Nur marginal und sehr indirekt", sagt er selbst. Tatsächlich hat er 1963 ein schönes elegisches Gedicht geschrieben: "Der Salon", aufgenommen in den 1976 erschienenen Band "Märkische Depeschen", in dem eine Lebens-Situation in einem Ort "nördlich der Stadt" poetisch umkreist wird (siehe unten).
Ferner gibt es von ihm die autobiografische Erzählung "Herzl & Herzel", ein berührendes Porträt seiner Eltern und ein dicht und präzise erzählter Text, der demjenigen, der sich für die Zeit der 50er-Jahre und für das alltägliche Leben in Hohen Neuendorf interessiert, ganze Bücher zu ersetzen vermag.
Als Autor in Hohen Neuendorf öffentlich aufgetreten ist Jürgen Rennert nicht, aber er war jahrelang Mitglied in dem von seiner Frau Christa geleiteten Chor der Kirchengemeinde, gehörte eine Wahlperiode lang dem Gemeindekirchenrat an und hat ein paar Predigten gehalten. Diese sind in der "Ungereimten Prosa" nachzulesen.
Auf die Frage, ob er mit Schriftstellerkollegen im Ort Kontakt hatte, erinnert er sich, "dass mein Klassenkamerad Gert Neumann - ein Sohn der für einige Zeit in Hohen Neuendorf lebenden Schriftstellerin Margarete Neumann - in der achten Klasse der Erste war, dem ich meine Gedichte zeigte und der in ermutigender Weise zuhörte. Er zog bald aus Hohen Neuendorf fort, erlernte den Beruf eines Traktoristen, studierte bis zu seiner Exmatrikulation am Leipziger Literaturinstitut und konnte - im Unterschied zu mir - seine Arbeiten nur in der Bundesrepublik veröffentlichen."
Dem Lyriker Wolfgang Tilgner begegnete Rennert, als dieser Anfang der 80er ein "freundliches und befürwortendes Gutachten" zu seinem Kinderbuch "Emma, die Kuh und andres dazu" verfasste. "Nahezu freundschaftlich" war er dem Pfarrer und Kollegen Alfred Otto Schwede verbunden.
1995 verließ Jürgen Rennert mit seiner zweiten Frau Johanna Rennert-Mönch, die er 1994 geheiratet hatte, die Wohnung in der Emmastraße. Er musste sie verlassen, "nachdem im Verlauf der Rückübertragungsansprüche des vereinigten Deutschlands das bis dahin kommunal verwaltete Haus in die Hände eines entfernten Verwandten des im bayerischen Rosenheim längst verstorbenen Vorbesitzers kam, der es zu veräußern gedachte und schließlich auch veräußert hat", so formuliert Rennert es betont förmlich.
Mit der Abwicklung vieler Verlage verabschiedete sich Jürgen Rennert von seiner freiberuflichen Existenz. Er war von 1990 bis 2005 Programmplaner, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und stellvertretender Leiter des im Berliner Dom ansässigen Kunstdienstes der Evangelischen Kirche, der 2005 aufgelöst wurde.
Ein Satz in einem aktuellen Literatur-Lexikon von Walther Killy machte mich stutzig: "Ausbleibendes Echo ließ ihn auf eine Weiterführung seiner lyrischen Arbeiten verzichten." Das stimmt nicht. Jürgen Rennert denkt gar nicht daran, in Sachen Lyrik auf irgendetwas zu verzichten. Kontinuierlich veröffentlicht er neue Gedichte, beispielsweise in "Verlorene Züge" und "Noachs Kasten". Die Verse sind auch im Internet unter www.rennert.de abrufbar.
Daneben sucht der streitbare Anwalt in Sachen Literatur (man muss nur einmal erleben, wie ihn jede Ungerechtigkeit gegen Schriftstellerkollegen empört), immer wieder den Dialog mit bildenden Künstlern.
Obwohl Jürgen Rennert heute in Berlin-Kreuzberg lebt, weiß er sich Hohen Neuendorf nach wie vor eng verbunden. Er protestierte gegen die vor Jahren behördlich verfügte und realisierte Auflösung der Grabstelle von Dr. Hugo Rosenthal. 2010 hielt er bei der Stolperstein-Verlegung des rassistisch verfemten Schularztes die Ansprache.
Ebenso engagierte er sich im vergangenen Jahr gegen die Umbenennung des Thälmann-Platzes. Bis heute kann sich Jürgen Rennert furchtbar darüber aufregen, wenn menschliche und kulturelle Werte mutwillig beschädigt, nicht begriffen oder ignoriert werden.
Der Schriftsteller Roland Lampe hat eine Literaturgeschichte über bekannte und weniger bekannte Hohen Neuendorfer Autoren verfasst. Er hat auch selbst viele Jahre dort gelebt.