Viele Jahre konnten sich die Unternehmen der Uckermark die besten Schulabgänger für ihre Lehrstellen herauspicken. Plötzlich ist das anders. Jetzt klagen Betriebe über schlechte Leistungen der Absolventen. Doch das Problem ist hausgemacht, behauptet das Oberstufenzentrum.
Es mangelt an grundsätzlichen Fähigkeiten, am Verstehen einfacher Sätze, an Grundrechenarten. Auch die Lernbereitschaft von Lehrlingen geht drastisch zurück. Viele können ihre Fähigkeiten später nicht im Beruf anwenden. So schätzen Lehrer des Oberstufenzentrums einen Großteil ihrer Schüler ein. Und genau das beklagen auch Unternehmer und Handwerksfirmen. Wird die uckermärkische Jugend immer dümmer?
Das Oberstufenzentrum beweist in einer Analyse das Gegenteil. "Früher konnten sich die Lehrbetriebe aufgrund des großen Überangebots an Bewerbern die besten heraussuchen, die schlechten wurden einfach abgeschoben", schildert Ludger Melters, stellvertretender Schulleiter, die Situation. "Jetzt hat sich der Markt der Lehrlinge akklimatisiert." Das liegt am enormen Rückgang der Schulabgängerzahlen. Verließen 2006 noch 2228 Mädchen und Jungen die Schulen, so halbierte sich ihre Zahl bis 2010. Damit stehen nicht mehr so viele Bewerber für die angebotenen Lehrstellen zur Verfügung. "Erstmals haben jetzt schwächere Schüler eine Chance, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen", so Ludger Melters. Logische Konsequenz: Die Durchschnittsleistungen der Auszubildenden sinken.
Doch die Sache hat auch einen Vorteil: Je mehr Schüler geeignete Lehrplätze vor Ort finden, desto weniger verlassen die Uckermark. Das kann sich auf den demografischen Wandel positiv auswirken. Denn die bisher bevorzugt von Firmen ausgebildeten Abiturienten kehren nach dem Studium weitaus seltener in ihre Heimat zurück.
Auch sonst will das Oberstufenzentrum nichts von einer generellen Verdummung von Schülern wissen. Die Statistik besagt zwar, dass immerhin elf Prozent keinen Abschluss haben und damit nicht berufsbildungsfähig sind. Damit liegt die Uckermark über dem Landesdurchschnitt. Doch die Statistik besagt nicht, dass allein 83,7 Prozent von ihnen Förderschüler sind, die nach der Schulzeit grundsätzlich keinen Abschluss in der Tasche haben. Bei den Absolventen der Oberschulen ist der Anteil derjenigen ohne Abschluss in den vergangenen Jahren stetig gesunken.
Als große Chance begreift Ludger Melters den sich vollziehenden Lehrstellenwandel. "Keine Stelle darf unbesetzt bleiben", so seine Mahnung. Doch die Realität sieht bereits anders aus. Plätze für Köche, Restaurantfachleute oder Stellen in der Landwirtschaft bleiben frei.
Der Umgang mit den schwächeren Schülern wird zum zentralen Thema von Jobcentern, Schulen und Lehrbetrieben. Berufsbegleitende Qualifizierungen neben der eigentlichen Ausbildung, Einstiegsqualifizierungen für Förderschüler, Praktikumsplätze ab Klasse 9 - für Ludger Melters sind das Ansätze, um das Problem zu lösen. Notfalls müsse man Abstriche an Lehrplänen machen. Er kritisiert ein riesiges brachliegendes Potenzial in den Berufsbildungswerken. Sie bekamen früher die meisten leistungsschwachen oder lernunwilligen Schüler ab und seien heute kaum noch genutzt. "Anstelle einer gegenseitigen Konkurrenz mit dem Oberstufenzentrum muss die Zusammenarbeit ausgebaut werden", so Ludger Melters. "Das Oberstufenzentrum ist die letzte Chance der öffentlichen Hand, um junge Leute noch mal zu kriegen. Die Mehrheit der Jugendlichen weiß, was sie will. Die Jugend ist nicht dümmer geworden, sondern nur anders. Es ist wesentlich schwieriger, mit ihr umzugehen, als früher."