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Einander alles gönnen

Claudia Seiring / 23.06.2012, 08:00 Uhr - Aktualisiert 23.06.2012, 09:58
Ackermannshof (MOZ) Es war von Anfang an klar. Und zwar beiden. Als Rosemarie und Otto sich im August 1961 bei der Premiere zum "Bettelstudenten" im Stralsunder Theater zum ersten Mal begegnen, ist ihr Bund besiegelt. Wenn sie heute, an einem heißen Junitag in ihrer Veranda in Ackermannshof (Märkisch-Oderland) darüber reden, herrschen keinerlei Zweifel, dass es damals mit ihnen genauso kommen musste. Keine Phrase wie "Liebe auf den ersten Blick" oder "Blitz aus heiterem Himmel", sondern die fast nüchterne Klarheit, dass es so und nicht anders richtig war.

In jenem Sommer vor einem halben Jahrhundert beginnt eine Partnerschaft, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Denn Otto Schack und seine Frau Rosemarie verbindet von Anfang an nicht nur die Liebe, sondern auch die Kunst. Otto, 1937 in Bitterfeld geboren, studiert gerade an der Kunsthochschule Weißensee. Rosemarie, die gebürtige Breslauerin, steckt im Studium an der Fachschule für Angewandte Kunst Berlin. Innerhalb des Studiums bildet sich ein Freundeskreis, der regelmäßig auf der Ostseeinsel Hiddensee zusammentrifft. Während die Künstler am Tag am Strand zeichnen, wird abends an gleicher Stelle gefeiert. "Wir sind dann immer wieder rüber zur ,Heiderose', um ein paar Flaschen Wein zu holen", erzählt Rosemarie Schack.

Die gemeinsame Kreativität wird zum lebenslangen Begleiter des Paares. Ob Malerei, Grafik oder Plastik, Buchillustrationen, Kunst am Bau oder Installationen und Umweltgestaltung - von Anfang an stehen die beiden im Austausch über ihre Arbeiten. "Jeder hat jeden befördert, das war immer gegenseitig", sagt Rosemarie Schack. Und Otto ergänzt: "Man hat ja immer gleich jemanden, der etwas zum Werk sagen kann." Konkurrenz, Neid oder Missgunst hatten in ihrem Dialog nie einen Platz. Im Gegenteil. Wer den beiden zuhört, spürt schnell, dass sie die Arbeit des anderen hoch schätzen und einander alles uneingeschränkt und zweifellos gönnen.

Die gemeinsame Wohnung in einem Dachgeschoss in der Gustav-Adolf-Straße in Berlin-Weißensee wird zum Schaffensraum des handwerklich kundigen Otto. Er entwirft Dachfenster und beginnt so mit der architekturbezogenen Kunst. Der vielseitige Hand-Werker wusste schon als Steppke, dass seiner Hände Arbeit ihm wichtiger ist als Kindereien. "Nach meinem ersten Tag im Kindergarten bin ich zu meinem Opa in die Werkstatt gegangen und habe gesagt: ,Da gehe ich nicht mehr hin'." Von nun an werkelt er praktisch, lernt mit Materialien und Werkzeug umzugehen.

Als das Ehepaar Schack - geheiratet wird 1965 - einen großen Auftrag zur Gestaltung der Körperbehindertenschule in Börnicke(Barnim) erhält, sind die beiden voll in ihrem Element. Sie planen das Gebäude neu, nutzen farbpsychologische Erkenntnisse für Wandbilder und berufen sich bei ihrer Arbeit bis heute auf das Bauhaus. Natürlich beziehen sie Schüler, Lehrer und Eltern in ihr Projekt ein. Schon immer sind sie von der Idee beseelt, "den Menschen über die Kunst zur schöpferischen Lebenseinstellung zu bringen".

1970 begründen beide ein Standbein im Grünen: Die Söhne Philipp(1967) und Jan (1971) sind geboren, und Haus und Garten in Ackermannshof bieten genau die richtige Spielwiese für Kinder und Eltern, wenn die große Stadt zu unruhig und anstrengend wird. Wie überall, wo sie auftauchen oder sich niederlassen, wird fortan auch im Brandenburgischen künstlerisch akquiriert. Abgesehen davon, dass der Freundeskreis, der sich in Studientagen bildete, nun bei ihnen am Küchentisch sitzt. Nie reicht es den Schacks, auf Missstände - wie den ihrer Ansicht nach schlechten Kunstunterricht an allgemeinen Schulen - hinzuweisen, immer schlagen sie Alternativen vor und machen Angebote wie Kunstschulen und -werkstätten. Schon in Weißensee hatten sie im Goya-Club mit Schülern gearbeitet, nun bieten sie in einer Malgruppe in Werneuchen ihre Kompetenz an.

"Mir war die Beschäftigung mit der Figur immer sehr wichtig, auch das Porträt", sagt Rosemarie Schack, die in erdigen warmen Farben und mit breitem kraftvollen Pinselstrich malt. Otto Schack ist in vielen Genres zu Hause. Grafiken und Siebdrucke, Aquarelle und Tuschezeichnungen, auf denen mit wenigen schmalen und breiten Linien Raum für die Interpretation des Betrachters bleibt. "Verdichtung" und "Verknappung" sind Begriffe, die im Zusammenhang mit der Rezeption seines Werkes immer wieder auftauchen. Wie sich kreuzende Linien wirkt auch ihre Zusammenarbeit. "Natürlich hat jeder oft seins gemacht, aber irgendwann floss unsere Arbeit dann wieder ineinander", beschreibt Rosemarie ihren künstlerischen Weg. Sie habe Frauen nie verstehen können, die sich von ihren Männer trennten, weil diese nicht genug Zeit hatten: "Wenn der andere Raum braucht, damit etwas Gutes entsteht, dann ist das doch das Schönste. Finde deine schöpferische Arbeit, dann wirst du glücklich", ist ihr Credo.

Beide sprechen voller Bewunderung für das Schaffen des anderen. "Ich staune heute noch, wie Otto immer völlig angstfrei an jedes neue Projekt herangegangen ist. ,Wir kriegen das hin' ist sein Motto, damit hat er jeden Zweifel beiseite gewischt", sagt Rosemarie. Und wenn Otto Schack die Werke seiner Frau betrachtet, spürt man seine Begeisterung fast körperlich, es braucht keine Worte.

Seit das Paar 1994 seine Berliner Wohnung aufgeben musste, leben und arbeiten die beiden nur noch in Ackermannshof. Ihre Söhne Philipp und Jan sind den künstlerischen Pfaden der Eltern gefolgt, Philipp als Maler, Jan als Bildhauer. Nach dem Unfalltod des damals 39-jährigen Philipp im September 2006 kümmert sich das Paar intensiv um den Nachlass des schaffensreichen Künstlers. "Das ist mein Motor, das treibt mich an", sagt Rosemarie Schack über die Arbeit mit dem Werk ihres Sohnes.

Preisverleihung und Ausstellungseröffnung zum Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung am 8. Juli, 11 Uhr, im Schloss Neuhardenberg

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