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Fever Pitch made in GDR

Der Zweitling: Torsten Gränzer hat einen sehr autobiografischen Roman über eine Jugend im Brandenbirg der 1980er Jahre geschrieben.
Der Zweitling: Torsten Gränzer hat einen sehr autobiografischen Roman über eine Jugend im Brandenbirg der 1980er Jahre geschrieben. © Foto: Promo
Mein Freistil-Jugendredaktion / 17.09.2012, 10:15 Uhr - Aktualisiert 12.11.2012, 15:43
Brandenburg an der Havel (MZV) – Auch wenn es viele Autoren nicht gerne hören und spätestens seit dem Deutsch-Leistungskurs klar sein sollte: Der Schriftsteller ist nie der Ich-Erzähler. Die Parallelen zwischen dem Romanhelden in „Toddes Tage“ und Torsten Gränzer, der das Buch geschrieben hat, sind ziemlich offensichtlich.

Schließlich hat sich der Brandenburger schon mit seiner Autobiografie „Whisky, Tränen und die Onkelz“ nackig gemacht, einen Seelenstriptease hingelegt, wie er selbst sagt. Was in den 1990er Jahren in einer Odyssee aus lauten Gitarren, Dreck, Suff und Gewalt endete, nimmt in „Toddes Tage“ seinen Anfang: Es sind die grauen Tage des Jahres 1986. Todde, der wie der Schriftsteller eigentlich T(h)orsten heißt, lebt bei seiner Mutter in der Platte. Vater ist abgehauen und wohnt im fernen Berlin. Auf die Schule und den Pionieralltag hat Todde keinen Bock, viel mehr interessiert er sich für den FC Stahl Brandenburg, der damals noch in der Oberliga kickt – der höchsten Fußballspielklasse der DDR.

Auswärtsspiele und die Hoffnung auf einen möglichst hochkarätigen Gegner bei der nächsten Uefa-Cup-Auslosung beherrschen Toddes Träume. Und die Mädchen. Die versucht er in der Schule durch Obercoolness zu beeindrucken. Das klappt nur mäßig und mündet schließlich in Kombination mit ersten vorsichtigen Erfahrungen mit Rockmusik und Alkohol in den obligatorischen Schulverweis.

Im Hintergrund laufen die Spiele des FC Stahl als Kulisse. Ein wenig erinnert das an Nick Hornbys „Fever Pitch“, der Klassiker in Sachen moderne Fußballliteratur. Jedes Kapitel ein neues Spiel. Hornby made in GDR. Eine Krankheit, an der auch schon „Fever Pitch“ litt: Die Erzählungen fliegen dahin, spannende Anekdoten finden sich zuhauf, aber es entspinnt sich keine packende Handlung und die meisten Figuren bleiben blass.

Stattdessen vergehen „Toddes Tage“ im Stahlstadion, in Berlin, Leipzig und Riesa, bei einem Ausflug, der für den Helden in Untersuchungshaft endet und auf einen Trip in dessen Psyche. Wo der junge Thorsten – hin- und hergerissen zwischen Zweifeln an allem und jedem – immer interessanter wird, nimmt sich das Buch leider wenig Zeit, den Figuren um Todde herum Charakter zu verleihen. Zu wenig wird beschrieben, zu viel Luft lässt Torsten Gränzer dem Leser, der häufig Gefahr läuft, geschaffene Bilder aus dem Kopf zu verlieren.

Was andere, ähnlich gelagerte Bücher vorgemacht haben – Clemens Meyers „Als wir träumten“ zum Beispiel – , schaffen „Toddes Tage“ nur manchmal: Dabei sind die Ereignisse, von denen Gränzer schreibt, ähnlich spannend. Die Prügel, die Todde einstecken muss – egal, ob beim Fußball oder beim sinnlosen Rumhängen in den Plattenbauten – werden aber nicht spürbar, das Blut, das sich in seinen Wunden sammelt, schmeckt der Leser zu selten.

Und Charakterfressen wie das dicke Stahl-Ekelpaket Knolle oder Toddes Freunde Thonke und Krüger bleiben leider zum Teil nur Randnotiz. Im Vergleich mit Gränzers Biografie wird spätestens nach dem zweiten Seelenstriptease aber deutlich: Dieser Mann hatte ein bewegtes Leben. Ein Punkt, der dem Buch Luft auf der Habenseite verschafft. Wenn sich der Leser dann noch für das junge Leben im Brandenburg der 1980er Jahre interessiert, ist er bei Gränzer an der richtigen Adresse.

www.torsten-graenzer.de

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