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Die Siedlung Schmöckwitz-Werder-Nord ist von der Hauptstadt aus per Auto nur über Gosen zu erreichen

Berliner Insel in Brandenburg

"Nocks Bude" heißt dieses Haus im Volksmund - es war der Ursprung der Siedlung Schmöckwitz-Werder. Bewohnerin Erika Karasek kennt sich in der Geschichte der Siedlung gut aus. Ihr Mann wuchs dort auf.
"Nocks Bude" heißt dieses Haus im Volksmund - es war der Ursprung der Siedlung Schmöckwitz-Werder. Bewohnerin Erika Karasek kennt sich in der Geschichte der Siedlung gut aus. Ihr Mann wuchs dort auf. © Foto: MOZ/Eggers
Joachim Eggers / 06.12.2012, 07:08 Uhr
Gosen (MOZ) Die Berliner Stadtgrenze prägt auf ganz unterschiedliche Weise das Leben in den Orten rund um Erkner. In einer Serie beleuchtet die MOZ, wo und wie diese Grenze zum Tragen kommt. Heute geht es um Schmöckwitz-Werder-Nord - eine kleine Berliner Siedlung, die für Berliner Autofahrer nur über Brandenburg zu erreichen ist.

Wer Gosen über die Eichwalder Straße verlässt und in das Gebiet der Gosener Berge kommt, muss nicht wissen, dass danach noch etwas kommt. Es kommt aber etwas, und zwar nicht nur Datschengrundstücke und Forstwege. Zwei Kilometer nach dem letzten Abzweig in die Gosener Berge beginnt, ohne jedwedes Ortsschild gekennzeichnet, die Siedlung Schmöckwitz-Werder, deren südlicher Teil über die Chaussee von Wernsdorf nach Schmöckwitz erschlossen ist. Doch auch nördlich des Oder-Spree-Kanals stehen Häuser; aber über den Kanal führt heute nur ein Fußgängersteg. Ein alter Treidelweg führt am Kanalufer bis zur Wernsdorfer Schleuse.

Um die 50 Siedlungsstellen hat die Insel-Siedlung, wie Erika Karasek formuliert. Die pensionierte Ethnografin, die sich mit ihrem Mann Ehrenfried im Gosener Heimatverein engagiert, lebt seit den 90er-Jahren in der einzigen Straße, die den schlichten wie zutreffenden Namen "Am Oder-Spree-Kanal" trägt. Ehrenfried Karasek kennt Schmöckwitz-Werder indes schon von Kindesbeinen an.

Das Ehepaar hat, wie viele andere Bewohner, ein Wochenendhaus ausgebaut. Der kuriose Umstand, dass der Weg nach Berlin zwangsläufig durch Brandenburg führt, hat auch zu dem Engagement im Gosener Heimatverein beigetragen. "Ich dachte, wenn ich immer durchfahre, ohne Steuern zu bezahlen, kann ich mich auch ein bisschen einbringen", sagt Erika Karasek.

Als die Siedlung sich aus einem Gehöft heraus entwickelte, gab es Gosen noch nicht, sagt Erika Karasek. In der Gosener Heimatstube ist ein Werbeplakat zu sehen, mit dem in den 30er-Jahren die günstigen Grundstücke in der Siedlung beworben wurden. Damals war die Siedlung noch nicht wie heute von Berlin abgeschnitten. Denn als der Oder-Spree-Kanal gebaut wurde, entstand auch eine Brücke. Sie stellte seinerzeit für Gosen eine wichtige Verbindung nach Schmöckwitz dar, denn damals habe es den Knüppeldamm nach Neu Zittau noch gar nicht gegeben.

Die heutige Insellage entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als - wie weiter östlich im heutigen Landkreis Oder-Spree auch - die Brücken über den Oder-Spree-Kanal gesprengt wurden, um den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen.

Der Fußgänger-Steg, der am Mittwoch immerhin gestreut war, entstand nach ihrer Erinnerung auch erst in den 50er-Jahren. Unmittelbar nach dem Krieg sorgte ein Fährbetrieb dafür, dass die Bewohner nach Schmöckwitz kamen. Die Siedlung war gewachsen, weil sich ausgebombte Berliner auf ihre Wochenendgrundstücke flüchteten - und weil Häuser auch genutzt wurden, um Flüchtlingen Wohnraum zuzuweisen.

Die lange Zeit sehr holprige Straße nach Gosen ist vor etwa 10 Jahren ausgebaut worden. Es habe seinerzeit Fördermittel dafür gegeben, weil es sich um einen internationalen Radweg handele, erinnert sich Erika Karasek.

Heute fährt sie für jeden Liter Milch zwangsläufig in den Müggelpark. Die einstige Ausflugs-Gaststätte gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Müllabfuhr kommt aus Berlin, der Krankenwagen aus Köpenick - auch wenn das unsinnig erscheint. Ihr Abwasser entsorgen die Bürger in Sickergruben, für Trinkwasser haben sie ihre eigenen Brunnen, sagt Erika Karasek. Stromkabel sind an den Fußgängersteg angeklemmt - Elektrizität fließt aus der Hauptstadt in die kleine Siedlung.

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Hannah Froherz 03.07.2013 - 17:49:27

Berliner Insel in Brandenburg

Leider habe ich den Bericht erst heute gelesen! Der "Fährmann", der den beschriebenen Fährbetrieb aufrecht erhalten hat, war mein Onkel! Ich habe meine Kindheit für lange Zeit bei meiner Großmutter auf der Siedlung verbracht und kann mich an sehr vieles noch ganz genau erinnern - so, wie die Russen aus dem Wald kamen, die "Einkaufstouren" auf dem Treidelweg nach Wernsdorf usw. usw. usw. Meine Tante lebt als Einzige aus diesen Tagen noch immer "in Berlin".

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