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Kartograph Gunter Kaiser aus Herzsprung zeichnet Landkarten von Neuseeland bis zum Wolletzsee in seltener Relieftechnik

Weltreisen im Dachstübchen

Weltreisender am Schreibtisch: Gunter Kaiser ist Kartograph und zeichnet hochwertige Reliefkarten von exotischen Ländern, aber auch Wanderwegen in Barnim und Uckermark.
Weltreisender am Schreibtisch: Gunter Kaiser ist Kartograph und zeichnet hochwertige Reliefkarten von exotischen Ländern, aber auch Wanderwegen in Barnim und Uckermark. © Foto: MOZ
Daniela Windolff / 06.09.2013, 12:05 Uhr
Herzsprung (MOZ) Er kennt jeden Gipfel des Himalaya, hat die Seychellen umrundet, Patagonien und Südafrika durchquert. Mit dem Finger auf der Landkarte, Lineal und Stift. Gunter Kaiser ist Kartograph, einer der letzten, der diese Kunst noch ganz traditionell beherrscht.

Die Weltreisen des Gunter Kaiser beginnen in Herzsprung. Hier, in dem kleinen Dorf am Parsteinsee, zwischen Hügeln und Wiesen, einen Steinwurf von Angermünde entfernt, ist für ihn der Nabel der Welt. Von hier aus erkundet er fremde Kontinente, ferne Länder und sogar die Krater des Mondes. Hier zeichnet er im stillen Kämmerlein Landkarten. Filigran, maßstabgetreu und mit einer Technik, die nur wenige seines Berufsstandes beherrschen: die zweidimensionale Reliefzeichnung, in der Fachsprache Schummerung genannt. Licht und Schatten werden mit dem Graphitstift so ausmodelliert, dass es plastisch wird.

"Die sehr aufwendige, fast künstlerische Technik macht dem Kartennutzer erlebbar, wo es hoch und wo es runter geht und gibt einen realistischen Eindruck von der Morphologie, vom Charakter einer Landschaft. Das können Höhenlinien nicht leisten, die ohnehin die wenigsten Kartenleser interpretieren können", erklärt Kaiser. "Fällt der Schatten südöstlich, erscheint es erhaben. Andersherum erscheint es als Vertiefung. Dreht man eine Karte um, verkehrt sich auch die Wirkung. Dann laufen die Flüsse plötzlich auf dem Gebirgskamm. Das hat mit unserer Seherfahrung zu tun", erklärt der Kartograph und demonstriert das an seinem riesigen hölzernen Kartentisch. Hier liegen die handgezeichneten Raritäten in der Größe eines Küchentisches feinsäuberlich mit Folie geschützt. Kleine Wunderwelten, auf die der Finger sofort spazieren gehen möchte. Rund 200 Stunden zeichnete er beispielsweise an der Karte vom Canyonland in den USA.

"Kartenzeichnen ist ein ganz altes und privilegiertes Handwerk. Schon in frühester Zeit wollten die Menschen wissen, wie es hinter dem nächsten Baum, dem nächsten Berg aussieht. Der Mensch will seine Welt entdecken und dafür brauchte man Landkarten", erzählt Gunter Kaiser. Er hat diese Kunst in Berlin studiert, ist Diplomingenieur für Kartographie und hat schon früh sein Talent für plastische Reliefzeichnungen entdeckt. "Im Studium habe ich noch gelernt, mit der Feder zu zeichnen. Heute kann jeder Grafiker mit Grafikprogrammen am PC Karten gestalten", sagt Gunter Kaiser. Und Google-Earth macht die Welterkundung zum Kinderspiel. Der klassische Beruf mit seiner jahrhundertealten Tradition wird zur Rarität.Doch Gunter Kaiser hat als einer der wenigen "Schummer"-Künstler in Herzsprung seine Nische gefunden.

Hier kam er vor 13 Jahren mit seiner Familie aus Westberlin an. "Wir wollten aufs Land, die beiden Töchter und meine Frau wünschten sich Pferde, die beiden Söhne wollten Platz zum Toben, ich wollte Wald und alle wollten Wasser in der Nähe. Herzsprung war ein Glücksgriff." Zeit für Familie und Natur nimmt sich der freischaffende Kartograph. "Ich bin ein Nachtarbeiter. Bei vier Kindern ist tagsüber einfach zu viel Trubel." Sein Arbeitsplatz ist im großen Wohnzimmer unter dem Dach, neben Couch und Bücherregalen. Globus, Zeichenbrett und Computer stehen vertraut nebeneinander. "Die Technik ist die gleiche geblieben, das Werkzeug hat sich geändert", sagt Gunter Kaiser. "Bei den Printmedien muss es heute schnell gehen, es kommt weniger auf Qualität an, da reichen ihnen oft schon einfache Grafikkarten vom Computer. Als Kartograf kommt mir da manchmal das Grausen. Aber ich habe gelernt, mein Mundwerk zu zähmen", sagt er ganz ohne Bitterkeit. Gunter Kaiser ist kein Mensch, der an Altem krampfhaft festhält. "Schließt sich eine Tür, öffnet sich die nächste", lächelt der drahtige Mann und seine stechend blauen Augen leuchten.

In den 80er-Jahren, als Gunter Kaiser ins Berufsleben startete, war die Schummer-Technik Neuland und die Verlage rannten ihm die Türen ein. Gunter Kaiser arbeitete u. a. für das Geo-Magazin und die "Zeit". Er zeichnete Karten exotischer Länder so detailgenau, obwohl er noch nie selbst dort war. "Für die weiten Reisen reichte das Honorar nicht", schmunzelt er bescheiden. "Ich lebe von der Hand in den Mund, aber für Herzsprung reicht es. Man braucht nicht viel."

Hier hat er sich auch neue Standbeine geschaffen. Im Eigenverlag bringt der Kartograph kleine Wanderkarten der Region heraus, im handlichen Brusttaschenformat. Die Nachfrage ist groß. Denn Kaisers Karten sind etwas Besonderes: Sie beschreiben detailliert Wegbeschaffenheit, Sehenswürdigkeiten und sie sind natürlich geschummert, sodass der Radler auf den ersten Blick erkennt, wo es bergauf geht. Es ist sei übrigens viel schwieriger, die hügelige Uckermark zu schummern, als ein Mittelgebirge.

Neun kleine Wanderkarten im Maßstab 1:25000 sind bisher entstanden, u. a. "Rund um den Wolletzsee", den Oberuckersee, um Brodowin oder ganz neu um das Unesco-Weltnaturerbe Grumsiner Buchenwald. Und im Gegensatz zu seinen Karten von Tasmanien oder Neuseeland hat er diese Routen alle selbst getestet. Gunter Kaiser wandert für sein Leben gern. "Dabei hat es mich immer gestört, große Karten auseinanderfalten zu müssen, obwohl ich nur einen kleinen Ausschnitt brauchte." Also hat er sich diesen Ausschnitt kopiert.

So entstand die Idee, daraus eigenständige Karten zu machen. Abnehmer sind Tourismusvereine aber auch Hoteliers oder Gemeinden. "Ich kann mich ganz speziell auf meine Zielgruppe einstellen, zum Beispiel Tagesausflügler oder Radtouristen. Für große Verlage sind solche kleinen Touren uninteressant."

Bei Preisen von nur 1,70 Euro für die Minikarte muss Gunter Kaiser einen langen Atem haben, bis sich die Auflage amortisiert. Doch Geduld gehört zu den wichtigsten Tugenden eines Kartenmachers. Das versucht er als Dozent auch seinen Studenten zu vermitteln. "Kartograph ist ein ganz besonderer, privilegierter Beruf."

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