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Stifter enthüllen Stein auf altem Grüntaler Friedhof / Bewegende Zeremonie im doppelten Jubiläumsjahr

Ehrendes Gedenken an Soldaten Napoleons

Augenblick der Enthüllung: Günter Lehmann und Ana Kunst-Baur heben das Laken in die Höhe, unter dem der Gedenkstein verborgen war. Das Mahnmal ist auf Privatinitiative entstanden.
Augenblick der Enthüllung: Günter Lehmann und Ana Kunst-Baur heben das Laken in die Höhe, unter dem der Gedenkstein verborgen war. Das Mahnmal ist auf Privatinitiative entstanden. © Foto: MOZ/Sven Klamann
Sven Klamann / 24.09.2013, 04:00 Uhr
Grüntal (MOZ) Eine Messingtafel auf einem behauenen Feldstein erinnert fortan an die unbekannten Soldaten aus dem Heer Napoleons, die im Winter 1812 bei einer Rast in Grüntal verstarben. Das Denkmal wurde am Sonntag auf dem alten Friedhof des Ortsteils von Sydower Fließ enthüllt.

Von Grüntal aus ist der abgelegene Friedhof nur über eine schmale Kopfsteinpflasterstraße zu erreichen, die aussieht, als wären bereits die Truppen von Napoleon Bonaparte auf ihr marschiert. Nach dem Gottesdienst hat sich eine kleine Schar Gläubiger auf den Weg gemacht, ein Versäumnis nachzuholen, das viele von ihnen quält. "Wir geben den Toten nach mehr als 200 Jahren endlich einen Teil ihrer Würde zurück", sagt der evangelische Pfarrer Christoph Strauß aus Beiersdorf, zu dessen Sprengel auch Grüntal gehört. Die Erinnerung an die in Grüntal beerdigten Franzosen ist ihm ein Herzensbedürfnis.

Doch die Initiative für den Gedenkstein ging von Ana Kunst-Baur aus Berlin und Günter Lehmann aus Zossen, Kreis Teltow-Fläming, aus. Sie fühlt sich eng mit dem Besinnungs-, Bildungs- und Begegnungszentrum "Das Haus" in Grüntal verbunden, das 1997 von der Pastorin Ruth Passauer gegründet und bis Anfang dieses Jahres von ihr auch geleitet wurde. Er war in der Baubranche tätig, bevor er in den Ruhestand ging, und erklärt seinen Einsatz für Grüntal mit "privaten Motiven". Sie hat die 21 Zentimeter mal 15  Zentimeter große Messingtafel mit der eingravierten Aufschrift "Hier ruhen unbekannte Soldaten aus den Napoleonischen Kriegen 1812-1813" in Auftrag gegeben und bezahlt. Von ihm stammt der Feldstein. "Ich habe den vielleicht 70 Zentimeter hohen, 80 Zentimeter breiten und 20 Zentimeter tiefen Brocken vor Ewigkeiten bei Ausschachtungsarbeiten an einem Pfarrhaus gefunden und seither aufbewahrt. Für diesen Zweck gebe ich ihn gern wieder her", sagte Günter Lehmann auf dem Friedhof.

Für Juergen Vetter, den neuen Hausherr im Besinnungs-, Bildungs- und Begegnungszentrum, und die 50 Mitglieder des Vereins, ist der Einsatz der beiden Gedenksteinstifter ein "wunderbares Geschenk".

Wie die Soldaten Napoleons hießen, für die Grüntal zur Endstation wurde, ist nicht ermittelt. Nicht einmal wie viele Franzosen dort zu Tode kamen, steht fest. Erst recht nicht, warum oder woran sie starben. "Die Männer waren wohl bis aufs Äußerste erschöpft und krank. Es ist vorstellbar, dass sie deshalb zurückgelassen wurden", vermutet Pfarrer Christoph Strauß.

Und Juergen Vetter pflichtet ihm bei. "Überliefert ist Napoleons Rast unter der damals schon ehrwürdig alten Eiche an der Kirche. Viele seiner Soldaten fanden in jenen Tagen - auf heute nicht mehr zu erforschende Weise - den Tod. Bestattet wurden sie auf dem bis 1834 bestehenden alten Friedhof direkt an der Kirche", berichtet der Hausherr im christlichen Zentrum. Dort hätten sie geruht, bis ihre Überreste in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bei Erdarbeiten entdeckt, ausgegraben und vorübergehend hinter dem Altar eingelagert worden seien. Am Ende des Jahrzehnts hätte die Gemeinde die Gebeine dann auf dem seit 1834 genutzten kirchlichen Friedhof am Melchower Weg umgebettet. "Der Stein ist eine Verbeugung im Gedenkjahr an die Befreiungskriege 1813 und an den vor 40 Jahren geschlossenen Freundschaftsvertrag mit Frankreich, vor allem aber eine menschliche Geste unbekannten Soldaten gegenüber, die das Schicksal auf ihrem letzten Weg nach Grüntal geführt hatte", betont Juergen Vetter.

Die Toten aus dem Winter 1812 liegen auf einer von Efeu überwucherten Ecke des Friedhofs, der Gedenkstein steht weitaus zentraler. An der Zugehörigkeit der Gebeine zu den Soldaten Napoleons gibt es in Grüntal keine Zweifel. "Die Überreste sind in einem forensischen Institut in Berlin untersucht worden", berichtet Ana Kunst-Baur.

Die Zeremonie von dem Trompeter Manfred Fröhlich aus Eberswalde begleitet.

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Frank Zimmer 26.09.2013 - 20:54:38

Ehrende Gedenken

Im ehemaligen deutschen Gebiet jenseits der Oder liegt unter anderem ein Onkel von mir begraben. Sein Grabstein ist umgefallen und der gesamte ehemalige deutsche Friedhof ist seit 1945 der Natur überlassen. Ich habe mich bereits in den 1980-erJahren sehr gewundert. So ist das halt mit der Ehrung. Würden dort Juden liegen, hätte es bereits ein großes Tamtam gegeben. Mein Onkel bleibt mir in Erinnerung und ich weiß wenigstens, an welcher Stelle seine Überreste begraben liegen.

Gabi 25.09.2013 - 23:44:12

@ Rudi

Genau so ist es!

Rudi 24.09.2013 - 09:22:22

"Ehrendes" Gedenken ?

Würdigiger Umgang mit den Gräbern ist natürlich selbstverständlich und richtig. Aber "ehrendes" Gedenken ? Wir haben keinen Grund, die napoleonischen Besatzer zu ehren. Hier liegt wohl ein verqueeres Geschichtsbild zugrunde. Unsere Vorfahren haben diese Besatzer bekämpft und aus dem Land gejagt. Viele sind dafür gestorben. Es gibt keinen Grund, diese Besatzer und Napoleon, die über ganz Europa Krieg brachten, zu ehren. Wie gesagt, respektvoller und würdiger Umgang, aber bitte keine Ehrung !

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