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Neues vom Proletarier auf dem Philippsberg

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Nadja Voigt / 02.01.2014, 19:28 Uhr
Croustillier (MOZ) Mit "Der Malerlehrling II" liegt seit Kurzem der im Aufland-Verlag Croustillier erschienene zweite Band der Biografie von Veit Templin vor. Darin beschreibt er seinen Weggang aus dem Elternhaus. Ein steiniger Weg, der ihn ins Erwachsenenleben und von der Insel auf den Philippsberg nach Neulietzegöricke im Oderbruch führt.

"Ich musste mit mir selbst klarkommen, denn die neue Situation warf mich aus dem Konzept. Es ist illusorisch, mit zwei Mädels aus der Kaiserzeit ein 300-Quadratmeter-Dach anzugehen. Ich fiel in ein Loch, ich war im Arsch", schreibt Veit Templin im Kapitel "Allein und doch nicht allein". Und keine zwei Seiten später heißt es: "Es gibt keine Probleme, die man nicht lösen kann. Das war die Lehre, die ich damals für mich ziehen konnte. Und die engelsgleichen Frauen waren meine Lehrmeister. Alle beide hatten den ersten Weltkrieg, Hochwasser, Vertreibung, den zweiten Weltkrieg, Zerstörung und Gewalt erlebt, hatten stinkende, verwesende Leichen vom Acker gezogen, um ihre Felder neu zu bestellen, sie hatten gehungert, gefroren, Krankheiten ertragen und was weiß ich noch alles. Was ist da schon ein runtergefallener Sims?"

In dem zweiten Band seiner Autobiografie geht Veit Templin in die Hölle und wieder zurück. Er verlässt, schwer traumatisiert vom Alkoholismus seines Stiefvaters, sein Elternhaus und versucht sein Glück im Oderbruch. Schonungslos und offen, rasant und unmissverständlich beschreibt Veit Templin sein Leben. Er beschreibt, wie Tante Else, die Erbin des Philippsbergs, deren Mitbewohner er wird, die Diebe nun nicht mehr mit dem Knicker vom Hof schießen muss, seit er bei ihr eingezogen ist. Er erzählt von seiner Tätigkeit als "Kackefahrer", wie er sich einen Schneidezahn mit der Kombizange zieht, vor allem aber wie er auf dem Philippsberg, seinem neuen Zuhause, räumt und räumt und räumt ...

Gemeinsam mit Tante Else, der Besitzerin des riesigen Gehöftes außerhalb von Neulietzegöricke in Richtung Oder, versucht er, dem sanierungsbedürftigen Hof neues Leben einzuhauchen: "Es wurde zu einer Attraktion, Veit lebte auf einem Hof außerhalb des Dorfes. So kamen immer mehr Menschen, um mich zu besuchen. Vor allem an den Wochenenden war immer richtig was los. Da kamen die Leute angetrampt, mit langen Haaren, verschlissenen Klamotten und alle mit Rucksäcken. Das sorgte natürlich für Gesprächsstoff hier auf den Dörfern", beschreibt Veit Templin. Doch der gelernte Maler zieht nicht nur andere Hippies, sondern vor allem auch die Staatssicherheit an wie eine Motte das Licht. Seitenlang beschreibt er zudem die Schikanen durch seine damaligen Arbeitskollegen und den Abschnittsbevollmächtigten, Oberwachtmeister Schubert. "Ich fahre einfach am Männchen vorbei, oder besser, ich fahre das Männchen um und dann wird das halbe Oderbruch klatschen", sinniert Veit Templin im Kapitel "Schubi" bei einem nächtlichen Zusammentreffen mit dem ABV.

Detailreich und drastisch schildert er rückblickend sein Leben als Außenseiter und Ausnahmetalent in Sachen Handwerk. So lernt der Leser noch mehr als im ersten Teil der Autobiografie, die im Sommer 2013 im Aufland-Verlag Croustillier von Kenneth Anders verlegt wurde, über den Mann mit dem Rauschebart. Als Menschen, Rebellen und Proletarier, wie er sich selbst nennt. Macher, Handwerker aber auch über das Oderbruch und seine Bewohner. Dabei spielt die Sprache wie auch schon im ersten Band für den Autoren eine wichtige Rolle und das Oderbruchplatt nimmt eine gewichtige Stellung ein. Neben der Sprache sind es vor allem die Orte, die das Buch für alle Oderbruchkenner und die, die es noch werden wollen, so interessant machen. So beschreibt Veit Templin rückblickend sein Leben auf der Insel, von wo er stammt, seine Bautätigkeiten in Neulietzegöricke, seine Maloche in Neureetz und wie er sein Mädchen von der Oderbruchbahn in Neurüdnitz abholt. Überhaupt schreibt er von der Liebe zu schönen Frauen. Aber vor allem zu seinem neuen Lebensmittelpunkt auf dem Philippsberg.

Atemlos, wie ohne Punkt und Komma, erzählt Veit Templin und der Leser fliegt von Seite zu Seite und durch das unglaubliche Leben dieses Unikums. Dabei zeichnet Veit Templin ein Bild von sich als krassem Außenseiter, der in keine gesellschaftliche und soziale Schublade passt. Aber auch von einem Mann, den die Liebe umhaut. Und der weint, wenn ihm der Giebel seines neuen Domizils vor die Füße fällt.

Der zweite Band der Autobiografie endet dort, wo die Liebe zu seiner Frau Heike beginnt. Doch wer mehr über das gemeinsame Leben auf dem Philippsberg lesen möchte, muss sich gedulden. Erst im Laufe dieses Jahres wird der dritte und letzte Band der Autobiografie von Veit Templin erscheinen.

Veit Templin, Der Malerlehrling II. Eine ostdeutsche Geschichte, 264 Seiten, Aufland-Verlag Croustillier 2013, ISBN 978-3-944249-06-3. Die Autobiografie ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

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