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Wilfried Bergholz (60) aus Gellmersdorf ist Dichter, Verkehrshistoriker, Idealist, Kinderpsychologe und begeisterter Flieger

Willi, der Flieger und Dichter

Hat einen alten Stall in ein Flugsportzentrum verwandelt: Wilfried Bergholz setzte dem ersten deutschen Passagierstrahlflugzeug made in GDR ein Denkmal, in dem er die Landwirtschaftshalle originalgetreu umgestalten ließ.
Hat einen alten Stall in ein Flugsportzentrum verwandelt: Wilfried Bergholz setzte dem ersten deutschen Passagierstrahlflugzeug made in GDR ein Denkmal, in dem er die Landwirtschaftshalle originalgetreu umgestalten ließ. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 11.01.2014, 07:45 Uhr
Gellmersdorf (MOZ) Am liebsten geht Willi in die Luft. Von oben betrachtet er das Leben. Er fliegt über die Dörfer und Felder und schwärmt von einer friedlichen Landschaft. Wilfried Bergholz wollte immer Berufspilot werden, durfte es aber nicht. Heute betreibt er den einzigen Flugplatz der Uckermark.

Alle sagen "der Willi" zu ihm. So meldet er sich selbst, wenn er den Telefonhörer abnimmt. "Der Willi" ist nicht irgendein Willi. Der Willi ist ein Original. Ein bescheidenes. Ein fröhlicher Lebenskünstler, der Niederlagen wegstecken kann und immer wieder neu beginnt. Mit seinen ansteckenden ausgefallenen Ideen lässt er Menschen an seinen Idealen teilhaben.

Wilfried Bergholz steht auf dem Dach eines früheren Stallgebäudes am Rande von Gellmersdorf und schwärmt mit weit ausholenden Gesten von der traumhaft schönen Weite. Ganz unbewusst ahmt er dabei mit den Armen die Bewegungen eines Flugzeugs nach. Die Szene mutet umso kurioser an, weil er tatsächlich auf einem Flugzeug steht, zumindest auf einem virtuellen. Willi hat dem Stall das Aussehen eines Flugzeugs gegeben. Mit Farbe und einigen Umbauten entstand aus einer originellen Idee eines der meist fotografierten Gebäude der Uckermark. Aus seinem "Cockpit" - eigentlich eine kleine Küche - winkt der Pilot mit den langen grauen Haaren den total verdutzten Radlern zu.

Mit seinem 33 Meter langen Haus erinnert er an das in der DDR konstruierte erste deutsche Passagierstrahlflugzeug 152. Ei-ne Legende aus Dresden, die 1961 wirtschaftlichen Zwängen und einer politischen Entscheidung zum Opfer fiel. In Willis Kinderzimmer hing ein Schwarz-Weiß-Bild von einer dieser Maschinen. Das tragische Ende der ingenieurtechnischen Meisterleistung ließ ihn nie wieder los. Heute erinnert er im Gellmersdorfer Flugsportzentrum an ein bedeutendes Kapitel der DDR-Verkehrsgeschichte.

Schon als Kind war Willi von der Fliegerei fasziniert. Ein Freund hatte ihn mitgenommen zu den Segelfliegern der GST in seiner Heimat Greifswald. Jeden Sonnabend nach der Schule warf Willi seine Mappe in die Ecke, fuhr auf den Flugplatz und lernte Kameradschaft kennen. "Zehn Stunden bauen, eine Stunde fliegen", hieß die Devise. Wenn Diesel fehlte, verdienten sie sich den bei Bauern der Umgebung durch Rübenhacken. "Eine heile Welt", sagt Wilfried Bergholz. "So entspannt zu leben, ist heute gar nicht mehr vorstellbar."

Den Pilotenwunsch musste der Abiturient dann wegen der Augen an den Nagel hängen. Willi - "am Boden zerstört" - begegnete wieder einem Freund, der ihn mitnahm zum Jugendradio DT 64. "Hier kannst Du mit Heinz-Florian Oertel frühstücken." Der Rundfunk in der Nalepastraße nahm den fröhlichen Volontär auf, ließ ihn Beiträge über Musik und Künstler machen. Bei seinem ersten Interview mit Wolfgang Ziegler stotterte er so ins Mikrofon hinein, dass ihm noch Jahre später die Röte ins Gesicht schoss, wenn er dem Sänger begegnete. Der angehende Journalist profilierte sich mit Kommentaren und Live-Reportagen, machte Interviews mit westdeutschen Künstlern und berichtete über das Festival des politischen Liedes.

Doch das beabsichtigte Journalistikstudium erschien ihm zu politisch. Willi wählte Psychologie und verstand hinterher die Welt besser. Da war er schon 30. Als freier Journalist ging er zum "Sonntag", fing mit kleinen Beiträgen an, schrieb später ganze Seiten. Erste Prosastücke, Hörspiele und das Theater folgten.

So kam der junge Autor zu Ulf und Zwulf, den legendären Stadtstreichern, die heute noch jedes Kind kennt. Wilfried Bergholz hatte über die beiden geschrieben und ihnen vorgeschlagen, gemeinsam etwas für Kinder zu machen. Die erste Platte - ein voller Erfolg - lief und lief. Es folgte die zweite, später ein Buch. Von den Tantiemen kaufte sich Willi ein Haus im Grünen in der Uckermark. Den Berliner mit den langen roten Haaren beäugten die Gellmersdorfer anfangs misstrauisch. Also setzte sich "Willi, der Dichter" auf den Russentraktor und fütterte drei Wochen lang "mit blutigen Händen" die Kühe in der LPG. Hinter den Gardinen beobachtete man ihn, ob er nicht doch aufgab. Der Dichter hielt durch und war angenommen.

In Berlin schrieb Willi gerade an einem Buch über DDR-Liedermacher, als er die Veränderungen im Staate bemerkte. Schnell fand er den Weg zu Oppositionsgruppen, leitete als Kurier Namenslisten von Verhafteten weiter und verkündete noch im schwedischen Fernsehen "ich glaube an die DDR". Am 9. November sah er mit eigenen Augen die Öffnung der Bornholmer Brücke und wusste: "Das wars jetzt."

Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern und Autoren wollte sich der Idealist seine Vorstellung von einer kreativen Welt nicht so schnell kaputt machen lassen. 1991 gründete er mit Freunden den Verlag Kinderwelt, kaufte die Rechte an zahlreichen DDR-Schallplatten (Gerhard Schöne, Reinhard Lakomy, Veronika Fischer und andere), schrieb Kindertexte, eröffnete ein eigenes Theater und wollte unbedingt die Kinderliederszene der DDR retten. Er hat dazu ein Stück beigetragen und sich selbst kaputt gearbeitet.

Die Uckermark gab ihm den Atem zurück. Willi wechselte 2001 den Job - wieder eine Zäsur in seinem Leben - und wurde Kinderpsychologe. Bis vor wenigen Tagen half er Kindern, Schulverweigerern und Eltern.

Nicht nur die Menschen haben es Wilfried Bergholz angetan. Auch die Landschaft und die Lüfte. Mit der Wende tat der Fliegereibessene nichts Eiligeres als sofort seinen Pilotenschein aufzufrischen. "Und dann brauchte ich einen Flugplatz." Da es den in Gellmersdorf nicht gab, baute er selbst einen auf der Wiese bei Crussow. Inzwischen ist seine Station für Ultraleichtgewichte der einzige Flugplatz in der riesigen Uckermark.

Ein enger Freundeskreis half ihm bei der Gründung des Vereins, beim Umbau des alten Stalls. Mit dem Flugsportzentrum Gellmersdorf hat sich "Willi, der Flieger" mit 60 seinen Kindertraum erfüllt. Wenn er mit dem roten Hoppser in die Luft steigt, nimmt er manchmal seinen jüngsten Sohn Matteo und immer den Fotoapparat mit. "Willi, der Luftfotograf" muss andere Menschen teilhaben lassen. "Es hat was Befreiendes, sich von der Erde zu lösen, über der Natur zu schweben." Und manchmal auch im Kornfeld zu landen.

Jetzt schreibt er wieder. Ein Buch über das Leben in der DDR und über Menschen, die ihm begegnet sind. "Es gab immer wieder Leute um mich herum, die mir einen neuen Weg geöffnet und mich begleitet haben."

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westen 11.01.2014 - 12:08:00

Wir waren auch begeistert.

Bei einer Fotoausstellung in Schwedt,ist uns dieses Foto sofort aufgefallen. Haben uns erkundigt,woher diese Aufnahme stand und sind sofort zu diesem Objekt gefahren. Einige Zeit später,haben wir noch einmal den Ort aufgesucht und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus,denn jetzt war das Gebäude fertig bemalt. Hut ab .

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