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Geiselgangster auf Diebestour in Altfriesack

Im Hotel spielten sich dramatische Szenen ab: Am Sonnabend nahm ein Gast einen Auszubildenden als Geisel.
Im Hotel spielten sich dramatische Szenen ab: Am Sonnabend nahm ein Gast einen Auszubildenden als Geisel. © Foto: Eckhard Handke
Markus Kluge / 17.02.2014, 21:21 Uhr
Altfriesack/Neuruppin (kus) Der 25-jährige, der am Sonnabend in Neuruppin im Hotel "Altes Kasino" einen Angestellten kurzzeitig als Geisel genommen und Bargeld erpresst hat, beschäftigt die Ermittler noch weiter.

Bereits am Donnerstag hatte sich der junge Mann in Altfriesack ein Kanu ausgeliehen. "Und am Sonnabend stand dann die Polizei bei mir vor der Tür", sagte Bootsverleiher Frank Kuchenbecker am Montag über den nicht ganz alltäglichen Kunden. Der 25-Jährige, der sich als Berliner Neffe eines Altfriesackers ausgab, wollte hinaus auf den See. "Ich habe ihm gesagt, dass er mir einen Pfand da lassen soll", so der Altfriesacker. Der 25-Jährige hinterlegte seinen Ausweis. Angeblich habe er auf den Bützsee zum Wels-Angeln fahren wollen. Laut Kuchenbecker plante er, den Köder auf dem See auszulegen und dann die Leine auszurollen. Weil der Fischer dafür angeblich aber 800Euro haben wollte, habe er seinen Plan geändert. "Er wollte dann auf den Ruppiner See in Richtung Karwe fahren und sich dort mit einer Gruppe zum Angeln treffen", so Kuchenbecker.

Dass an der Geschichte etwas nicht stimmte, wurde ihm am Freitag klar. "Mein Boot war da schon überfällig", so Kuchenbecker, der daraufhin die Ufer abradelte und sein Boot an einem Bungalow in Alt Friesack, Zu den Teichen, wiederentdeckte.

Dort hatte sich der junge Mann an dem Wochenendhaus eines 70-Jährigen zu schaffen gemacht, der am Sonnabend auch Anzeige bei der Polizei erstattete. In Kuchenbeckers Kanu lag noch ein Schlafsack. Der 25-Jährige hatte aus einem Schrank, der draußen auf der Bungalow-Veranda stand, eine Jacke gestohlen. Zudem soll er eine Überwachungskamera an dem Gebäude zerstört haben, die ihn vermutlich auf frischer Tat gefilmt hat. "Die habe ich dann noch aus dem Wasser gefischt", so Kuchenbecker, der davon ausgeht, dass mit dem jungen Mann etwas nicht stimmen kann. "Wer hinterlässt denn seinen Ausweis und macht dann so etwas?", fragt er sich. Den Ausweis des 25-Jährigen hat dann die Polizei abgeholt.

Ob der junge Täter ein psychisches Problem hat, wissen die Ermittler nicht. "Ein Drogenproblem hat er bestimmt", sagt Toralf Reinhardt, Sprecher der Polizeidirektion Nord. Denn als der 25-Jährige nach seiner Geiselnahme am Samstagmorgen in Vielitz gestellt wurde, war er mit 1,19 Promille deutlich angetrunken und ein Drogentest reagierte positiv auf ein Einnahme von Cannabis.

Nach seiner Diebestour in Altfriesack hatte sich der 25-jährige, der mit dem Taxi angereist war, gegen 20 Uhr in Neuruppin im Hotel "Altes Kasino" eingemietet, das Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde (Pro Ruppin) gehört. "Der Mann sah richtig seriös aus", so Junior-Chef Max Golde. Der 25-Jährige legte dort offenbar einen weiteren Ausweis vor, buchte ein Einzelzimmer und bekam Zimmer4. Für Sonnabend habe er noch Interesse für ein Doppelzimmer angemeldet. Allerdings wollte er das erst mit einem Freund abstimmen. Sein Einzelzimmer bezahlte er nach dem Abendessen bar. Danach fuhr er zum Feiern in die Disko nach Walsleben, in der er seine Geldbörse verloren haben soll.

"Bis dahin war das ein ganz normaler Gast", sagt Max Golde. Aber wenige Stunden später begann die Tragödie. Am Morgen darauf, gegen 6.30 Uhr, als die meisten Hotelgäste noch schliefen, bereitete der 18-jährige Auszubildende das Frühstücks-Büfett vor, als plötzlich der Berliner vermummt mit einer Sturmhaube und einem Klappmesser auf ihn zu kam. "Eigentlich sollte ich noch frei haben, aber ich hatte mit einer Kollegin getauscht", so der 18-Jährige gegenüber dem RA. Er wurde mit vorgehaltenem Messer gezwungen, Geld herauszugeben. Außerdem versuchte der 25-Jährige seine Daten im Hotel-Computer zu löschen. Zudem schloss der Gangster den Azubi in sein Hotelzimmer ein, in dem er vorher das Telefonkabel zerschnitten hatte. "Sonst hätte er da schon die Polizei holen können", so Max Golde. Offenbar brauchte der 25-Jährige Ruhe. Denn er stahl Alkohol aus dem Lager - etwa 20 Flaschen. Laut Max Golde blieb vor den anderen Gästen auch nicht verborgen, dass irgendetwas nicht stimmte. "Das Frühstück war ja nicht fertig und niemand brachte Kaffee", sagte er.

Der 25-Jährige erpresste von dem Azubi den Autoschlüssel für den VW T5, mit dem der Azubi zur Arbeit gekommen war und er zwang ihn, mit ihm mitzufahren. Mitgenommen hatte er außerdem den Schnaps und einen Laptop des Hotels. Erst an der Gerhard-Hauptmann-Straße Ecke Wittstocker Allee ließ den jungen Mann aus Zermützel wieder laufen, der dann die Polizei rufen konnte.

Die Polizei fand das völlig demolierte Auto nach einer großen Suchaktion an der Straße zwischen Lindow und Vielitz. "Das war gar nicht mein Auto, sondern das meiner Mutter. Ich bin durfte es nur haben, um damit zur Arbeit zu fahren", so der 18-Jährige, dem der Schreck noch in den Knochen sitzt, deswegen aber nicht ins Krankenhaus musste. Das Auto hat einen Totalschaden, weil sich der Geiselnehmer damit mehrfach überschlagen hat. Alle Scheiben sind zerborsten, das Dach ist eingedrückt und die Karosse verzogen. "Ich kann nur hoffen, dass die Versicherung etwas bezahlt", so der Zermützler.

Vom Unfallort flüchtete der Mann nach Vielitz. Dort wurde er gesehen, wie er in einem Stall verschwand. Die Polizei entdeckte ihn darin - versteckt unter einem Strohhaufen. Noch am Sonntag erließ ein Richter Haftbefehl. Vorgeworfen wird dem 25-jährigen Berliner unter anderem Freiheitsberaubung, räuberische Erpressung und Fahren ohne Führerschein. Er sitzt nun in der Justizvollzugsanstalt Wulkow.

Im Hotel "Altes Kasino" sind unterdessen alle froh, dass der Übergriff so glimpflich ausgegangen ist. Weil gerade neue Kollegen angestellt wurden, hatte es kurz zuvor noch eine Belehrung gegeben. "Dabei ging es nicht nur um Hygiene und um Arbeitsschutz, sondern auch um das Verhalten, wenn so etwas passiert", sagt Max Golde. Sein Kollege habe alles richtig gemacht und Max Golde ist froh, dass es dem Azubi gut geht.

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