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Marita Klingbeil aus Hohenreinkendorf ist Vorlese-Oma, organisiert Erntefeste und kandidiert für die SVV und den Ortsbeirat

Lachen mit dem Nachwuchs

Das Märchenbuch in der Hand: Wenn Marita Klingbeil im Kindergarten von Hohenreinkendorf vorliest, lümmeln manche Kinder und einige kuscheln. Alle aber lauschen und wollen nichts verpassen.
Das Märchenbuch in der Hand: Wenn Marita Klingbeil im Kindergarten von Hohenreinkendorf vorliest, lümmeln manche Kinder und einige kuscheln. Alle aber lauschen und wollen nichts verpassen. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Eva-Martina Weyer / 30.03.2014, 06:40 Uhr
Hohenreinkendorf (MOZ) Marita Klingbeil ist so etwas wie die gute Seele im Dorf. Sie organisiert Nachmittage für Senioren, pflegt die Heimatgeschichte und kandidiert jetzt erneut als Stadtverordnete in Gartz. Nur die wenigsten wissen, dass sie auch regelmäßig Kindern vorliest.

Einmal in der Woche geht die 64-Jährige in den Kindergarten. Dort zieht sich Marita Klingbeil die Hausschuhe an, setzt sich auf einen Stuhl bei den Krippenkindern und legt ein Grimmsches Märchenbuch auf ihren Schoß. Heute ist "Rotkäppchen" dran.

Die Vorschulkinder Nils und Johann kennen das Märchen beinahe auswendig. Am liebsten haben sie die Stelle, an der der Wolf knurrt: "... dass ich dich besser fressen kann." Die Jungs gehen begeistert mit. Es wird eine sehr lebendige Lesung.

Kita-Leiterin Diana Nieclaus sagt: "Es ist schön, dass unsere Kinder auch einmal eine andere Bezugsperson haben. Das ist anders, als wenn nur wir Erzieherinnen Märchen vorlesen. Die Kinder sehen Frau Klingbeil fast als Oma an."

Auf die Vorlese-Idee ist Marita Klingbeil selbst gekommen und ist damit bei den Kindergärtnerinnen offene Türen eingerannt. Noch gut kann sie sich daran erinnern, wie der Ortsbeirat um den Erhalt der Kita gekämpft hat. Es gab Zeiten, da wurden dort nur fünf Kinder betreut. Heute sind es mehr als 20.

Hohenreinkendorf ist ein Ortsteil von Gartz. Und als gewählte Dorfbewohnerin hat Marita Klingbeil Sitz und Stimme in der Stadtverordnetenversammlung. Dort hat sie mit dafür gekämpft, dass in die Kita investiert wird, dass Geld dorthin fließt und man dem Haus etwas zutraut.

Marita Klingbeil ist in Hohenreinkendorf geboren und von dort weggezogen. Sie hat im PCK Industriekauffrau gelernt und später studiert. Bis 1995 hat sie in Schwedt gewohnt. Doch das kleine Dorf bei Gartz hat sie immer wieder angezogen, und sei es nur, weil sie dort einen kleinen Garten hatte.

Eines Tages sind alle Würfel an den richtigen Platz gefallen und Marita Klingbeil und ihr Mann konnten ein leer stehendes Backsteinhaus in Hohenreinkendorf kaufen. Es war die Dorfschule, wo Marita Klingbeil einst die Schulbank drückte. Aus ihrem alten Klassenraum hat sie jetzt Küche und Badezimmer gemacht.

Fast schmerzt es sie ein wenig, dass in ihrem Heimatdorf niemand mehr zur Schule geht. Dabei hatte Hohenreinkendorf in den 1950-er-Jahren sogar einmal zwei Schulen, so kinderreich war es. Umso erleichterter ist sie, dass der Kindergarten gut gedeiht und die Eltern ihn so schätzen, weil es dort liebevoll zugeht.

"Ich bin in meinem Leben durch viele Tiefen geschritten, aber mir ist auch viel Gutes widerfahren", blickt Marita Klingbeil zurück. "Ich habe eine gute Familie und wahre Freunde. Etwas von dem Guten will ich zurückgeben."

Sie kann hartnäckig sein und macht oft den ersten Schritt. So hat sie die Dorfbewohner davon überzeugt, dass es wichtig ist, ein Erntefest zu haben. "Früher gab es einen Klingelmaxe. Der ist von Tür zu Tür gezogen und hat Neuigkeiten verkündet. So habe ich das gemacht, als ich Verbündete fürs Erntefest gesucht habe", erinnert sie sich. Inzwischen gibt es jedes Jahr im Herbst ein Fest, an dem fast das ganze Dorf mitmacht. Marita Klingbeil weiß aus Erfahrung: "Wenn man es richtig anstellt, findet man auch genug Mitstreiter."

So ist das zum Beispiel auch mit dem Heimatverein, dessen Vorsitzende sie ist. Der Verein hat vor Jahren den Spielenachmittag ins Leben gerufen. Er findet jeden Montag statt und hatte anfangs sechs Besucher. "Inzwischen sind wir manchmal 19 Personen. Wir brauchen das. Das Schöne an unserem Dorf ist - hier reden die Leute miteinander", erzählt sie.

Der Spielenachmittag hat einen schönen Nebeneffekt. Manchmal bringen die Besucher alte Fotos mit und erzählen von deren Entstehungszeit. Mit diesen Fotos und den Geschichten darüber kann der Heimatverein die Dorfchronik vervollständigen. "Diese Chronik weiter zu führen ist eine schwere Arbeit", sagt Marita Klingbeil. "Aber sie ist wichtig für unser Dorf."

Weil sie das Gedeihen ihres Heimatortes vorantreiben will, kandidiert sie bei den Kommunalwahlen am 25. Mai nicht nur zum zweiten Mal für die Gartzer Stadtverordnetenversammlung, sondern erstmals für den Ortsbeirat von Hohenreinkendorf. Sie gibt gern zu: "Ich brauche immer ein bisschen Action um mich herum. Es gibt auch noch im Rentenalter so viel Dinge zu erledigen, wo man kein Geld verdient und trotzdem Gutes tun kann."

Die Vorlesestunde ist beendet. Zum Dank geben die Kinder eine spontane Gala-Vorstellung mit Gedichtaufsagen. Sie sind kaum zu bremsen. Marita Klingbeil lacht über den Eifer der Jungs und "bucht" sie für das nächste Erntefest. Johann holt einen Igel-Ball hervor und massiert der Vorlese-Oma die Schultern.

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