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Großes Wunder in kleinem Dorf

Der Erfolg hat viele Mütter und Väter: Ortwin Jäger (vorne Mitte) berichtet vom Lehmhaus-Bau. Unter den Besuchern sind unter anderem Amtsdirektor Holger Horneffer (l.), Lehmbau-Expertin Carola Schreiber (2.v.l.), Planerin Simone Zenker (3.v.l.), JVA-Leite
Der Erfolg hat viele Mütter und Väter: Ortwin Jäger (vorne Mitte) berichtet vom Lehmhaus-Bau. Unter den Besuchern sind unter anderem Amtsdirektor Holger Horneffer (l.), Lehmbau-Expertin Carola Schreiber (2.v.l.), Planerin Simone Zenker (3.v.l.), JVA-Leite © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 29.12.2014, 00:03 Uhr
Beerbaum (MOZ) Dass das Lehmhaus in Beerbaum 2014 fertig geworden ist, könnte als mittelgroßes Weihnachtswunder durchgehen. Wäre da nicht die noch frische Erinnerung an schmerzende Glieder, die zeigt: Hier waren irdische Kräfte am Werk. Ohne den an Übermut grenzenden Optimismus der Helfer wäre das Projekt wohl gescheitert.

Die große Eröffnung kommt erst, ein wenig gefeiert aber wurde bereits. Denn das 1816/17 von Sophie Juliane Friederike Gräfin Dönhoff erbaute und im Laufe der Zeit verfallene Lehmhaus ist noch vor Ende des Jahres so gut wie fertig geworden. Die Holzfenster sind eingebaut, der Außenputz ist dran. Innen werden noch die Decken verputzt, aber dafür müssen sie erst ganz trocken sein, erklärt Lehmbau-Expertin Carola Schreiber.

Dass das Haus noch 2014 fertig würde, habe sie selbst kaum für möglich gehalten. "Wir haben so ein Schwein mit dem Wetter gehabt", sagt sie. Sie könne sich noch erinnern, wie sie Anfang des Jahres in dem Haus stand, dessen Wände teilweise fehlten. "Wenn ich in ein altes Haus gehe, sehe ich es schon fertig", erzählt Carola Schreiber. Nun ist das Bild in ihrem Kopf Wirklichkeit geworden - was mit harter Arbeit und einigen Überraschungen verbunden war. So hat sich herausgestellt, dass das Haus nicht in Stampf-, sondern in der aufwändigeren, teureren und in der Region einzigartigen Wellertechnik gebaut worden war. Hierbei wird der Lehm in einzelnen Schichten aufgetragen.

Lehmbauerin, Planerin, Zimmermeister: Zur kleinen Feierstunde sind viele derer gekommen, die zum Erfolg beigetragen haben - mit ihren Händen oder ihrem Optimismus. Unter ihnen auch Landrat Gernot Schmidt (SPD), der sich als Vorsitzender der Lokalen Aktionsgruppe Oderland (LAG) für das Projekt stark gemacht hat. Über das EU-Programm "Leader" sind 105000 Euro bewilligt worden. Das Problem dabei: Die geförderten Maßnahmen sollten noch 2014 beendet sein. Andernfalls hätte der Kurmarkverein die Mittel zurückzahlen müssen. Das erschien den Vereinsmitgliedern zu heikel. Denn zu diesem Zeitpunkt schien festzustehen, dass das Projekt weder zeitlich noch finanziell realisierbar sei, erklärt Michael Busch, Gemeindevertreter von Heckelberg-Brunow und glühender Unterstützer des Projekts. "Wir haben da keine Sonne mehr gesehen", erzählt auch Ruth Naumann, die sich wie Busch im Kurmarkverein engagiert, dem das Haus seit 2008 gehört. Es sei jedoch nicht in Frage gekommen, auf die Fördermittel zu verzichten, betont Michael Busch. "Der Optimismus von Herrn Busch und Herrn Jäger hat uns mitgerissen", sagt Ruth Naumann. Ortwin Jäger riss nicht nur mit, sondern packte auch an. Unzählige Tage verbrachte er auf der Baustelle.

Im Nachhinein lassen die Beteiligten so einige Momente Revue passieren, in denen der seidene Faden zu reißen drohte, an dem das Projekt bis zuletzt hing. Holger Horneffer, Amtsdirektor von Falkenberg-Höhe, kann sich etwa daran erinnern, wie er als damaliger Bauamtsleiter den Antrag an die Denkmalschutzbehörde verfassen sollte, das Lehmhaus von der Liste zu streichen. Denn die Gemeinde konnte sich den Aufbau nicht leisten. Schließlich kam es anders. Der Kurmarkverein habe den Anfang gemacht, sagt Horneffer. Gemeinsam mit der Gemeinde gelte es nun, das Haus in Beerbaum, einem Ortsteil von Heckelberg-Brunow, zu sichern.

Versuche, es zu retten, gab es viele. Ein Einwohner der Gemeinde hatte es restaurieren wollen, stützte es ab, aber konnte den Aufbau letztlich nicht realisieren. Vereinsmitglied Axel Benndorf erinnert außerdem an das Engagement von Iris Üffing, die mehrere Jahre unermüdlich wirkte, Angebote einholte, Anträge verfasste und für die Vereinskorrespondenz verantwortlich zeichnete. Dem Künstler Otto Schack gebühre das Verdienst, gezeigt zu haben, was für ein Kleinod in Beerbaum stehe, unterstreicht Michael Busch. Normalerweise werde der Spruch ja ironisch verwendet. "Aber dieser Erfolg hat wirklich viele Väter."

Auch die JVA Wriezen hat ihren Anteil daran. Deren Leiter Rolf-Dieter Voigt hatte schnell und unbürokratisch Hilfe zugesagt, als diese dringend gebraucht wurde. Über Monate hinweg halfen Häftlinge des offenen Vollzugs bei Arbeiten, die nicht gefördert wurden. Einer von ihnen erzählt, er habe in der JVA Garten- und Landschaftsbauer gelernt. Sein Wissen kam ihm in Beerbaum zugute. Die Kooperation nützt beiden Seiten. Die Häftlinge können Experten über die Schulter schauen und bekommen eine Praktikumsbescheinigung. Außerdem kommen sie so mit Handwerksbetrieben in Kontakt, erzählt Rolf-Dieter Voigt.

Ursprünglich hatte die Gräfin Dönhoff das Haus für ihre Landarbeiter erbaut, sodass diese nicht mehr bei den Tieren im Stall schlafen mussten. "Das ist ein interessantes Beispiel für ländliche Wohnkultur", betont Landrat Gernot Schmidt, der das Ergebnis wohlwollend begutachtet. "Als Wochenendhaus ist es top", sagt er und lacht. Doch der Verein hat andere Pläne. Ein kleines Museum soll über die Gräfin und ihre Zeit informieren. Das Haus steht, nun muss es mit Inhalt gefüllt werden. "Hier muss Leben rein", unterstreicht Amtsdirektor Horneffer.

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