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Verletzter Vogel konnte nicht mit in den Süden fliegen und erholt sich jetzt im Garten einer Familie / Lob vom Fachmann

Jungstorch überwintert in Biegen

Jungstorch zwischen Nandus: Alberto Miguel Rzadkowski (11) hält bewusst Abstand, um den scheuen Vogel nicht zu stressen. Der Adebar überwintert gerade auf einer Wiese in Biegen.
Jungstorch zwischen Nandus: Alberto Miguel Rzadkowski (11) hält bewusst Abstand, um den scheuen Vogel nicht zu stressen. Der Adebar überwintert gerade auf einer Wiese in Biegen. © Foto: Cornelia Link
Cornelia Link / 29.12.2014, 07:42 Uhr
Biegen (MOZ) Das kleine Dorf Biegen, das bereits im Frühjahr des Jahres 2010 mit einem blaugefiederten Storch bundesweit in den Medien bekannt wurde, hat eine neue Sensation: Ein Jungstorch überwintert derzeit im Ort und ist damit weit und breit der einzige Storch in freier Wildbahn.

"Wir sind wahrscheinlich das einzige Dorf, das jetzt im Dezember noch einen Storch hat", sagt Manfred Wilke. Der einstige Ortsvorsteher von Biegen kennt den Hype um den blauen Storch von damals noch genau. "Jetzt ist der Adebar zwar ganz normal weiß, aber trotzdem eine Sensation." Entdeckt hat er den Rotstrumpf vor einigen Wochen auf einem Gehöft in der Pillgramer Straße. Hier lebt die Familie Rzadkowski seit 1991 mit gleich drei Generationen unter einem Dach - und natürlich auch vielen Tieren im Garten. "Plötzlich war im September der Storch bei uns und wollte seitdem nicht mehr weg", erinnert sich Michelle Rzadkowski.

Die 28-jährige fügt den Grund aber auch gleich mit an. "Großgeworden ist er in diesem Jahr auf dem Horst, wo einst auch der blaue Storch saß. Dann sind seine Eltern weggeflogen, er ist aber nicht mit, weil er am Flügel verletzt war." Stattdessen habe der Jungvogel in Schonhaltung plötzlich zwischen den vier Nandu-Vögeln mit auf der Wiese gestanden. "Statt wegzufliegen hat er viel gefressen, sich auch mit den Ziegen angefreundet und den Gänsen und Hühnern." Mittlerweile sei die Verletzung auch schon fast verheilt. "Wir haben ihn nicht eingefangen und zum Tierarzt gebracht, weil wir ihn seine Freiheit lassen wollten, ihn als Wildtier achten und ihm auch nicht die Chance nehmen wollten, dass er nächsten Jahr mit den anderen Störchen mit wegfliegt", erklärt die junge Jägerin. "Mittlerweile gehts ihm viel besser, fliegt er aufs Dach, auch auf die umliegenden Wiesen."

Die Nächte verbringt er erhöht auf dem Reisighaufen mitten auf der Wiese. Wenn es regnet, versteckt er sich an der Mauer, setzt sich danach zum Trocknen auf den Schornstein auf dem Dach. Viel Grün sei auf der Wiese vorhanden, dazu füttere Alberto Miguel Rzadkowski auch mit extra Mäusen aus ausgelegten Fallen zu. "Das klappt sehr gut, er kommt und holt sie sich immer", sagt er 11-Jährige. Auch einige Stücke Wild habe der Jungstorch schon verdrückt. "Ansonsten sucht er sich weitgehend seine Nahrung alleine und hat die Nandus auch schon als seine Bezugs-Familie akzeptiert", sagt Michelle Rzadkowski. Sie ist zuversichtlich, dass der Vogel trotz Frost den Winter übersteht. Ein Haus wird sie ebenso wenig bauen, wie ihm extra ein Festmenü auftischen. "Er hat schon gut Muskulatur angesetzt und findet jetzt noch genügend Nahrung. Wir alle hoffen, dass er auch starken Frost überstehen wird und bis zum Frühjahr durchkommt. Wenn nicht, ist es halt der Wille der Natur, wir haben da kein Recht einzugreifen."

Die Sichtweise der Familie unterstützt Lutz Ittermann, Artenschutzbeauftragter des Landkreises voll und ganz. "Sie machen es genau richtig, lassen ihn weiter Wildtier sein." Ihm ist für den Landkreis und darüber hinaus nicht bekannt, dass irgendwo jetzt noch ein Storch in freier Wildbahn anzutreffen sei. Dass der Jungvogel den Winter übersteht, hält er für realistisch. In den 1990er-Jahren habe es in Biegen einen ähnlichen Fall gegeben, als eine Familie versuchte, einen Storch aufzupäppeln. "Die Fisch-Fütterung lockte aber auch den Fuchs an, das war dann das Ende", berichtet der Fachmann und empfiehlt, man solle Störche lieber in Ruhe lassen. "Sind sie zu sehr an Menschen gewöhnt, fliegen sie auch nicht mehr in den Süden."

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