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Der älteste Gellmersdorfer Friedrich Wilke hat fast ein Jahrhundert Leben für die Nachwelt aufgeschrieben

Bauer und Geschichtenschreiber

Der Bauer und seine Frau: Friedrich und Johanna Wilke vor ihrem Haus in Gellmersdorf
Der Bauer und seine Frau: Friedrich und Johanna Wilke vor ihrem Haus in Gellmersdorf © Foto: MOZ
Daniela Windolff / 23.01.2015, 04:45 Uhr
Gellmersdorf (MOZ) Im Dorf kennt jeder jeden. Doch einen gibt es, der weiß es immer noch ein bisschen besser. Mit dem Vorsprung und der Weisheit des Alters blättert Friedrich Wilke in den Lebensgeschichten der Gellmersdorfer wie in einem dicken Lesebuch. Das hat er jetzt aufgeschrieben.

Friedrich Otto Albrecht Wilke. So viel Korrektheit muss sein. Mit verschmitztem Lächeln lehnt sich der alte Mann zurück. Er liebt die Tradition. Und er liebt es, seine Zuhörer mit Worten zu verblüffen. Als er geboren wurde, war es gute Sitte, dem Vornamen des Sohnes auch die großväterlichen Namen anzuheften, auf dass er immer wisse, wo seine Familienwurzeln liegen.

Friedrich Wilkes Wurzeln liegen in Gellmersdorf, einem kleinen uckermärkischen Bauerndorf unweit der Oder, nah bei Angermünde. Hier wurde Friedrich O. A. am 9. Februar 1927 als zweites Kind der Bauernfamilie Max und Margarete Wilke geboren. Vier Systeme habe er erlebt, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die sozialistische DDR und ist nun in der Marktwirtschaft der BRD angekommen. Es ist nicht unbedingt Stolz, der in seiner Stimme klingt, eher ein Hauch von Staunen und weiser Gelassenheit, wie viel Wandel ein Mensch in seinem Leben ertragen kann. Und es klingt das dringende Bedürfnis durch, von diesen Erfahrungen zu erzählen, der deutschen, der uckermärkischen Geschichtsschreibung mit seinem gelebten Leben Blut, Herzblut, Authentizität zu geben. Friedrich Wilke hat es in einem Buch aufgeschrieben, Episoden aus acht Jahrzehnten, die wie ein buntes Kaleidoskop ein Guckloch in die Vergangenheit öffnen.

Das Schreiben liegt ihm im Blut. Schon sein Vater hat Lebenserinnerungen für die Familie aufgeschrieben. Das Tagebuch hütet Friedrich Wilke. Sein phänomenales Faktengedächtnis und die große Fabulierlust, mit der er Daten, Anekdoten, Aphorismen und Witz verwebt, machen aus dem Geschichte-Erzähler einen Geschichtenerzähler, der seine Zuhörer wie mit einem großen Zaubernetz einfängt, unter dem sich ein kleines Universum der Menschheit ausbreitet: Bauernleben in Gellmersdorf.

"Reden ist Sache meines Mannes. Wenn er erzählt, haben alle anderen Sendepause", wirft seine Frau Johanna (83) spitz ein und zwinkert ihrem Mann liebevoll zu. Auch sie hat er mit seinen Geschichten umgarnt, als er Johanna damals beim Tanz im Nachbardorf kennenlernte. 1957 heirateten sie. 1958 wurde eine Tochter geboren, 1966 ein Sohn. Dazwischen liegen ausgefüllte, arbeitsreiche Jahre, in denen der Ehemann Friedrich mehr unterwegs als Zuhause war. Er hatte als einziger Sohn, die Schwester starb an Typhus, den väterlichen Hof übernommen. Die Vorfahren waren schon 1806 nach Gellmersdorf gekommen, "in dem Jahr, als die Preußen die Schlacht bei Jena und Auerstedt verloren", verwebt Friedrich Wilke seine persönlichen Geschichten immer wieder mit dem großen Zeitgeschehen, schweift ab und findet trotz vieler Umwege immer wieder den Faden, der durch seine Lebensgeschichte führt.

1919 hatte sein Vater das Haus gekauft, in dem Friedrich Wilke noch heute lebt. Aus einem großen Sammelsurium von Papieren, Büchern, Zeitungsschnipseln fingert er alte Dokumente hervor. Ordnung sei nicht seine Stärke. Akribisch genau nimmt er es nur mit Daten und Fakten. Ungefähr gibt es da nicht.

Die Mutter stammt aus Lippe-Detmold. "Ein Völkchen, das an Sparsamkeit den Schotten gleicht. Hier pflegte man zu Gästen zu sagen: Komm'se man gleich nach dem Kaffee, dann könn'se zum Abendessen wieder zu Hause sein", schmunzelt Wilke. Überhaupt seien die meisten Gellmersdorfer Zuwanderer. Viele Vorfahren stammen aus Besarabien oder Westpommern. "Wir haben sie nie als Eindringlinge gesehen, eher als Berufskollegen, die ihr Land verlassen mussten." Die Mutter hatte die kirchentreuen Zugereisten dem kleinen Friedrich immer als Vorbild hingestellt, wenn er sonntags nicht mit zum Kirchgang wollte. Heute ist Friedrich Wilke nicht nur Dorf-, sondern auch Kirchenältester, kümmert sich aufopfernd um den Erhalt der Kirche, um Spenden für die Krönung, um die Chronik. Das allein wäre eine eigene Geschichte.

Friedrich Wilke ist im Herzen Bauer. Inzwischen ein Studierter. "Zu den schlimmsten Erfahrungen gehörte, als man mit dem Leninschen Kollektivierungsplan uns Bauern 1960 über Nacht zu Landarbeitern machte." Traktorist und Mähdrescherfahrer wurde er, schloss ein Fernstudium zum Agraringenieur an, machte freiwillig einen Schreibmaschinenkurs als einziger Mann unter Frauen. "Ich wollte nicht mehr meine Finger wie ein Raubvogel auf die Tasten stürzen lassen."

Wilke wurde Betriebsleiter und schließlich Kreis-Saatzuchtbeauftragter. Seine Frau kümmerte sich um Haushalt, Kinder und Nebenerwerbslandwirtschaft, um Bullen, Schweine und Tabak. "Wenn jemand stichelte, als Hausfrau müsste sie ja nicht arbeiten, konterte ich: Stimmt, sie arbeitet nicht. Sie schuftet!"

Auf seine Frau lässt er nichts kommen. Der Gedichtefan, der schon als Kind leidenschaftlich gern lange Balladen, wie Schillers Glocke, auswendig rezitierte, die er im Übrigen heute noch kann, hat aus Dankbarkeit auch seiner Johanna Gedichte geschrieben. "Ich rede ihr eh zu viel. Da muss ich schreiben", zwinkert er schelmisch. Die Tochter musste auf dem Hof mithelfen. "Wenn die anderen Mädchen im Dorf sich aufhübschten, musste Tine Rüben hacken, das tut mir bis heute leid", greift Johanna nun doch in das Gespräch ein. Sie erzählt auch, wie es fast zum großen Ehekrach kam, als ihr Mann nach der Wende beschloss, als selbstständiger Bauer noch einmal von vorn anzufangen. Da war er 64. "Ich dachte, jetzt ist endlich Ruhe, da ging es wieder los." Zwölf Jahre ackerte Friedrich Wilke als "freier" Bauer. Mit Ende 70 hat er losgelassen.

"Jetzt muss er Ruhe geben, es geht körperlich nicht mehr", sagt Johanna und lässt ein kleines Frohlocken mitschwingen. Statt in Ackererde gräbt Friedrich Wilke nun in Erinnerungen. Er schreibt alles auf. Die erste Auflage seines Buches "Weite Felder" war schnell vergriffen. "Ich habe noch so viele Geschichten, das reicht für ein zweites Buch", sagt er mit leuchtenden Augen. Johanna seufzt nur milde.

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Pöppel ,Herbert 23.01.2015 - 12:37:44

Ein Dorfchronist !

Las diesen Artikel mit Interesse u. Freude , es hätte in den Dörfern mehr Vor - u. Nachahmer geben gemußt ........ Das Archiv müßte Chroniken sammeln . Gibt es eine Aufstellung solcher örtlicher Geschichtszeugnisse ? Wie erhalte ich diese Schrift ,trotz vergriffen sein ?

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