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Günter Höppner aus Mescherin baut auf seinem Land eine Gedenkstätte zur Mahnung gegen den Krieg

Soldaten im Schilfrohr

Auf dem Wohnzimmertisch: Günter Höppner hat alte Fotografien von der 1945 zerstörten Brücke Mescherin ausgebreitet. Auf dem Tisch liegt auch eine Zeichnung. Sie zeigt, wie die Gedenkstätte auf seinem Grundstück aussehen soll, die er selbst baut.
Auf dem Wohnzimmertisch: Günter Höppner hat alte Fotografien von der 1945 zerstörten Brücke Mescherin ausgebreitet. Auf dem Tisch liegt auch eine Zeichnung. Sie zeigt, wie die Gedenkstätte auf seinem Grundstück aussehen soll, die er selbst baut. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Eva-Martina Weyer / 04.04.2015, 04:45 Uhr
Mescherin (MOZ) Vom 19. bis zum 25. April jährt sich zum 70. Mal die Erstürmung des Brückenkopfes Mescherin durch die Rote Armee. Diese Tage im April 1945 hat Günter Höppner als Zwölfjähriger erlebt. Jetzt baut er auf seinem Grundstück nahe der Oder an einer Gedenkstätte für gefallene Soldaten.

Kaum einer kann die letzten Kriegstage in Mescherin besser schildern als Günter Höppner. Er war damals zwölf Jahre jung und erinnert sich: "Die Granaten der Russen haben mein Elternhaus nur deshalb verfehlt, weil wir starken Sturm hatten. Der kam aus Süden und war ein Zeichen des Frühlings und mein Lebensretter."

Höppner gibt zu, dass jene Tage im April für ihn als Zwölfjährigen auch etwas abenteuerlich waren. Viel schlimmer sei aber der Hunger in jener Zeit gewesen. "Wir hatten nichts und haben bis 1948 gehungert. Essen Sie mal zwei Jahre ohne Salz! Für ein Kilo Salz haben wir damals gern ein Paar Lederstiefel gegeben." Aus tiefer Überzeugung sagt er: "Der Russe hat so viel geleistet, um den Faschismus kaputt zu machen. Wir dürfen den Russen nicht zum Feind haben! Auch jetzt in der Ukrainekrise nicht."

Höppner räumt ein, er habe an seinen Kriegserlebnissen keinen seelischen Schaden genommen. Er hat später das Dorf und die Wirtschaft mit aufgebaut. Doch er hat noch die Schreie der Soldaten aus jenen Apriltagen im Kopf. Er kann nachfühlen, wie sie sich fühlten. Und er ahnt, wie sich deren Mütter gefühlt haben müssen.

Deshalb baut Günter Höppner eine Gedenkstätte auf seinem Grundstück. Sein Hof liegt genau am friedlichen Oder-Neiße-Radweg. Dort, am Rande des Gartzer Schreys, sind die Russen durch die deutschen Linien gebrochen. "Hitler hatte die Mescheriner Brücke am 13. April um 22 Uhr sprengten lassen. Die Russen sollten nicht mit Panzern und Technik über die Oder kommen", erzählt er.

Doch Höppner hat erlebt, wie die Rotarmisten eine Holzbrücke gebaut haben. "Dort haben sie ihr ganzes Material rübergezogen. Sie haben vier Tage lang Tag und Nacht geschuftet mit 3000 Pioniersoldaten."

Wie Höppner recherchiert hat, war diese Holzbrücke deshalb so wichtig, weil über sie der gesamte Nachschub der Roten Armee erfolgte, die Schwedt und Mecklenburg erobern sollte. "Es gab so viele Tote damals, und zwar auf beiden Seiten. Frauen im Dorf haben im Frühjahr '45 an manchen Tagen 14 Tote aus der Oder gezogen."

Ein knappes Jahr später, im Winter 1946/47 hatten Höppner und seine Eltern sich aufgemacht übers Odereis. Sie wollten Schilfrohr schneiden, um das zerstörte Hausdach zu decken. "Ich habe die Rohrbündel zum Schlitten getragen, als mein Vater Russenkähne unterm Eis entdeckte. Die Kähne hatten große Löcher. Hier waren Handgranaten explodiert. Wir fanden neun Totenschädel. Nicht weit davon entfernt stießen wir auf zwei Skelette von deutschen Soldaten und einen deutschen Soldatenstiefel mit einem Bein darin."

Diese Stelle hat sich Günter Höppner genau gemerkt. Vor ein paar Jahren hat er im Odervorland bei Greifenhagen (heute Gryfino) einen Pfahl in den Schilfboden gerammt. Dort ist auf einer Holztafel zu lesen: "Im Morgengrauen des 14. April 1945 starben hier im Handgranatennahkampf beim Zusammenstoß von zwei Spähtrupps neun Rotarmisten der 70. Armee von General Popow und sieben deutsche Infanteriesoldaten vom Regiment Kratzert der 3. Panzerarmee von General von Manteuffel."

Kaum einer weiß davon. Für Höppner ist es eine Genugtuung, dass Kanuführerin Frauke Bennet heutzutage dort mit Touristen vorbeifährt und die Tafel erläutert. "Das ist eine Attraktion für die Paddler."

Das Gedenken geht für Günter Höppner aber noch weiter. Neben seinem Haus hat er eine Sitzgruppe für Wanderer gebaut und einen tonnenschweren Stein anfahren lassen. Er trägt eine Gedenkinschrift. Die Anlage wird am 19. April eingeweiht.

Höppner hat Gäste aus Russland eingeladen. "Ich werde in diesem Jahr 82. Man muss auch was hinterlassen", meint er.

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