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Dieter Zschech aus Kehrigk musste als Jugendlicher zur Front / In einem Loch überlebte er das Trommelfeuer

Warten, ob man stirbt oder nicht

185 Seiten Kriegserlebnisse: Dieter Zschech zeigt in seinem Wohnzimmer in Kehrigk den dritten Band seiner Lebenserinnerungen.
185 Seiten Kriegserlebnisse: Dieter Zschech zeigt in seinem Wohnzimmer in Kehrigk den dritten Band seiner Lebenserinnerungen. © Foto: MOZ
Bernhard Schwiete / 05.05.2015, 07:07 Uhr
Kehrigk (MOZ) Er war ein Jugendlicher von 15 Jahren, als er in den Krieg ziehen musste.Er kämpfte in Küstrin und an der Alten Oder und kam mit dem Leben davon. In Kehrigk, wo Dieter Zschech seit fünf Jahren lebt, hat er seine Erinnerungen an die Jahre 1943 bis 1945 aufgeschrieben.

"Ich war wieder zu Hause, glücklich bei meiner Mutter und bei meiner kleinen Schwester Bärbel." Mit diesem Satz enden die 185 DIN-A-4-Seiten, die Dieter Zschech auf Schreibmaschine verfasst hat und nun gebunden in Händen hält. "Ich habe das für meine beiden Töchter aufgeschrieben", sagt er.

Das Leben meinte es viele Jahre lang gut mit dem heute 87-Jährigen. Er wurde Rektor einer Grundschule in Berlin-Kreuzberg, seinen Ruhestand verbrachte er zunächst am Wörthersee in Österreich, ehe er näher bei seiner Familie sein wollte und der Zufall es wollte, dass er ein Haus in Kehrigk kaufte. Doch da waren eben auch die Kriegsjahre. "Man sitzt da und wartet ab, ob man stirbt oder nicht", beschreibt er eine Situation, als er bei Altranft an der Alten Oder in einem Erdloch kauerte und das Trommelfeuer der Russen über ihm tobte.

Zschech war Schüler, als er 1943 als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde und zunächst auf einen Flugplatz bei Neuruppin kam. Von dort ging es Anfang 1945 Richtung Ostfront. Die Fahrt endete in Küstrin. "Es hieß, dass russische Panzerspitzen vor der Stadt stehen. Von einem Offizier erhielt ich eine Panzerfaust. Damit habe ich mich in ein Loch gelegt. Ich habe gezittert vor Angst", erzählt Zschech. Drei bis vier Wochen blieb er dort. "Meist blieb es relativ ruhig." Zschech erzählt auch von anderen Momenten. "Da spritzten die Granaten um uns herum. Mein Kumpel, den ich in Neuruppin kennen gelernt hatte und der genauso alt war wie ich, bekam einen Splitter in den Rücken. Er hatte wahnsinnige Schmerzen. Wir haben ihn in einer Decke abtransportiert. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht."

Zschech wurde Richtung Küstriner Innenstadt beordert. Er bekam einen sogenannten Vierling. Damit sollten russische Tiefflieger abgewehrt werden. Zschech drückte ab, traf und sah, wie das Flugzeug abstürzte. "Manchmal frage ich mich, warum ich den abgeschossen habe", sagt er heute. "Wahrscheinlich war es eine innere Wut, dass der unsere Leute abschießt. Wir wollten der Bevölkerung zeigen: Ihr seid nicht allein. Und natürlich haben wir den Gegner angegriffen, um nicht selbst vernichtet zu werden. Man kann schließlich nicht einfach aufstehen und sagen, wir schließen jetzt Frieden."

Sein Einsatz in Küstrin endete. Es ging nach Seelow, von dort in mehreren Tagesmärschen in die Nähe von Beeskow. "Wo wir genau waren, weiß ich nicht mehr", sagt Zschech. In seinem Fotoalbum klebt ein kleines Bild, es zeigt ihn am Wasser, im Hintergrund zu sehen ist die Beeskower St.-Marien-Kirche, die wenig später zerstört wurde.

Am 13. April 1945 ging es dann nach Altranft. "Wir haben vor dem letzten Bauernhaus Stellung bezogen. Seitdem war ich nicht mehr dort. Ich möchte da unbedingt mal wieder hin", sagt Zschech. Küstrin, den anderen Schauplatz seines Einsatzes an der Front, hat er schon mehrmals besucht. Es begann ein Großangriff der Russen. "Das Trommelfeuer war eine unglaubliche psychische Belastung. Erst kamen die Einschläge aus der Ferne, dann immer näher, dann waren sie direkt über dir", beschreibt Zschech die Situation, als er überlegte, ob sein Leben dort zu Ende gehen würde.

Schließlich folgte der Rückzug. Zschech wurde Richtung Schorfheide und weiter nach Schwerin geführt. In der Stadt in Mecklenburg waren die US-Amerikaner, am 3. Mai wurde Zschech in Kriegsgefangenschaft genommen. In einem Lager am Stadtrand hielten sich nach seinen Schätzungen 10000 deutsche Soldaten auf. "Es gab eine Wasserleitung, da hat man nach stundenlangem Anstehen etwas bekommen. Sonst gab es nichts", erzählt er. Seine Reise ging weiter nach Schleswig-Holstein, in ein Lager der Engländer. Auch dort gab es kaum zu essen. "Morgens hatte ich Sterne vor Augen", sagt Zschech. Am 8. Juli wurde er entlassen und zum Arbeitseinsatz bei einem Bauern in Niedersachsen eingeteilt. Von dort schrieb er an seine Mutter, und eines Tages traf die Antwort ein. Sie war in Berlin, sie lebte. Zschech stockt die Stimme, während er in seinem Wohnzimmer in Kehrigk erzählt. Schwarz überquerte er die Zonengrenze, und Weihnachten 1945 war er mit 18 Jahren wieder zu Hause.

Mehr zu diesem Thema: www.moz.de/1945

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