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Zum Ruhestand ins Kloster abgetaucht

Der Mann, der aus dem Kloster kam: Wolfgang Schöchert aus Alt Mahlisch war in Gerode ein Aussteiger auf Zeit. Er hat die Ruhe zur inneren Einkehr genossen.
Der Mann, der aus dem Kloster kam: Wolfgang Schöchert aus Alt Mahlisch war in Gerode ein Aussteiger auf Zeit. Er hat die Ruhe zur inneren Einkehr genossen. © Foto: Ines Rath/MOZ
Ines Rath / 12.08.2015, 05:22 Uhr
Alt Mahlisch (MOZ) "Ich bin jetzt mal weg". Das hatte der frisch gebackene Ruheständler Wolfgang Schöchert zu Familie und Freunden gesagt - und sich für eine Woche ins Kloster zurück gezogen. Nach 46 Arbeitsjahren und vielen Schicksalsschlägen ist der Alt Mahlischer auf dem Weg zu sich selbst.

Eine immer zu einem flotten Spruch aufgelegte Frohnatur, ein Freund, der hilft, wo er kann - so kennen Wolfgang Schöchert viele in der Seelower Region. 46 Jahre lang hat der gelernte Maler und Lackierer erst in Diensten der PGH Form und Farbe in Seelow, später in verschiedenen Malerbetrieben in der Region die Häuser und Stuben vieler Leute renoviert. Jetzt ist Schluss damit: Der Alt Mahlischer hat zum 1. August die Möglichkeit genutzt, mit 63 Jahren in den Ruhestand zu gehen.

Wobei das Wort "Ruhe" für ihn eine besondere Bedeutung bekam: "Ich hatte das Bedürfnis, mal aus allen Verpflichtungen raus zu sein, dem Alltagsstress zu entfliehen, mich um nichts und niemanden kümmern zu müssen, mich auf mich selbst zu besinnen", sagt Wolfgang Schöchert. Zur großen Renteneintritts-Geburtstagsfeier wünschte er sich eine Woche Kloster - und Spenden fürs Hospiz, das Frankfurter Regine-Hildebrand-Haus.

Vor fünf Tagen ist der Alt Mahlischer aus dem Kloster Gerode im Harz zurück gekehrt, das heute nicht mehr von Mönchen, sondern von "Aussteigern" auf Zeit wie ihm bewohnt wird. Sie leben zwar nicht mehr in engen Zellen, sondern in einem modernisierten Bettenhaus. Aber die Zimmer sind spartanisch eingerichtet und um 6.30 Uhr weckt das zarte Läuten einer Triangel.

Nein, beten musste Wolfgang Schöchert nicht. Stattdessen wurde meditiert. Die "Viertelstunde der Stille" während jeder Mahlzeit hat der Alt Mahlischer ebenso genossen wie die Augenblicke der Ruhe im großen Kreis.

"Alle sind per du und haben nur Vornamen, ob Oberstudienrat oder VW-Manager", berichtet Schöchert begeistert. Beim Yoga, den 5 Tibetern und sogar bei der täglich halbstündigen Arbeit in der Klosterküche hat er mit der Aufarbeitung seines Lebens begonnen, das reich an Schicksalsschlägen ist.

Immer wieder kommen dem 63-Jährigen die Tränen, als er erzählt: Von der Großmutter, die er als junger Mann gepflegt und deren Tod er miterlebt hat. Von der Schwester, die er mit 11 Jahren verlor. Von Tochter Bianca und ihrem Krebsleiden, das nach der Geburt von Enkelsohn Ian entdeckt wurde und das sie durch eine schwere Operation nur knapp überlebt hat. Von der Nichte, die sich im selben Jahr, gerade 14 Jahre alt, erhängte. Oder vom Alt Mahlischer Freund, der vor seinen Augen mit dem Fahrrad umkippte und tot war.

Verzweifelt ist Wolfgang Schöchert dennoch nicht. Er hat sich ins Leben und in die Verantwortung für andere gestürzt. Zum Beispiel viele Jahre lang als Gemeindevertreter von Alt Mahlisch und später der Großgemeinde Fichtenhöhe.

Seit 1976 ist er begeisterter Kegelbillard-Spieler, Gründungsmitglied und seit Jahren Vorsitzender des Sportvereins 78 Alt Mahlisch. Im Gemeinderat hat ihn Sohn Steffen inzwischen "beerbt". Und nun? "Ich will noch auf dem Jacobsweg wandern und das Taj Mahal sehen", sagt Wolfgang Schöchert, der Termine, ob beim Zahnarzt oder für die Ernte im Garten, stets nach dem Mondkalender ausrichtet.

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