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Schrauben als Therapie

Sammler und Bastler: Hermann Bagull in seinem Partyraum mit der Errungenschaft aus Berlin. Der Postkasten war eine Requisite im Film "Operation Walküre", den Tom Cruise drehte. Tausende Kugelschreiber zieren die Wände des Partyraumes.
Sammler und Bastler: Hermann Bagull in seinem Partyraum mit der Errungenschaft aus Berlin. Der Postkasten war eine Requisite im Film "Operation Walküre", den Tom Cruise drehte. Tausende Kugelschreiber zieren die Wände des Partyraumes. © Foto: MOZ/Kerstin Unger
Kerstin Unger / 21.08.2015, 06:50 Uhr
Felchow (MOZ) Basteln ist neben dem Sammeln von allerlei Dingen die Leidenschaft von Herrmann Bagull. Für den 56-jährigen Felchower ist das Aufpolieren alter Mopeds die beste Therapie.

Hermann Bagull kann ganz schnell auf die Palme gehen, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Auch in der Gemeindevertretersitzung sagt er als Gast schon mal deutlich seine Meinung. In seiner Freizeit puzzelt er dagegen ganz geduldig vor sich hin.

Der gelernte Landwirt, der aus Dobberzin stammt, aktiver Fußballer sowie Schiedsrichter war und sich nach der Wende als Vorstandsmitglied des Sportvereins Grün-Weiß Dobberzin engagierte, übernahm 1986 die Gaststätte in Felchow. Später eröffnete er mit seiner Frau Gabriela auf seinem Grundstück in Felchow einen Getränkeshop. 16 Jahre lang verkauften sie in einem ausgebauten Schweinestall Getränke und Imbiss. Heute haben sie hier einen Partyraum für Familienfeiern eingerichtet. Sein Inhalt ist sehenswert.

Statt Tapeten zieren Tausende von Kugelschreibern die Wände. "Es sind mehr als 6000", sagt der 56-Jährige, der einmal Meister für Rinderzucht war. Später fuhr er mit einem Lkw durch die Lande und begann mit dem Sammeln von Kugelschreibern die er von überall her mitbrachte. "Auch Kollegen, Freunde oder Familienangehörige haben mir welche mitgebracht", erzählt er.

Quasi die ganze Welt präsentiert sich hier. Wahre Schmuckstücke und kuriose Schreibwerkzeuge sind darunter. "Ein Nachbar hat mir einen Kulli aus Russland mitgebracht", erzählt er. Der Stift ziert eine Art Matrjoschka. Aus Polen stammt ein Kugelschreiber mit Seemännern, aus der Türkei ein grell buntes Exemplar mit viel Bling-Bling. Andere Stifte sind Grüße vom Warnemünder Teepott oder vom Berliner Fernsehturm. Selbst Amerika ist vertreten. Noch hat er etwas Platz an den Wänden. Einige Kugelschreiber warten auch noch darauf, ordentlich angebracht zu werden.

Gedulden müssen sich auch noch seine Bierdeckel, die er seit seinem 14. Lebensjahr sammelt. "Die habe ich in Kartons und Koffern auf dem Dachboden verstaut. Irgendwann, wenn ich Zeit und Muße habe, werde ich sie katalogisieren", sagt er.

Seine Sammelleidenschaft hat ihm auch ein einmaliges Stück der Filmgeschichte beschert. "Auf einem Gelände in Berlin habe ich einen alten Postkasten gesehen", erzählt er. Eigentlich sollte er ihm als Briefkasten dienen, doch wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Holz-Requisite aus dem Film "Operation Walküre" von Tom Cruise. Die Luken waren lediglich Attrappen. Für ein Trinkgeld durfte er ihn mit nach Felchow nehmen, wo er nun seinen Hobbyraum ziert. "Ich habe mir erst einmal den Film angesehen. Darin gibt es tatsächlich eine kurze Sequenz, in der ein Auto auf der Straße fährt. Dort ist der Postkasten zu sehen", strahlt er.

Eine seiner größten Leidenschaften ist das Schrauben an alten Mopeds und Landmaschinen. Die nimmt er Teil für Teil auseinander, arbeitet sie auf und setzt sie wieder zusammen. Jeder Schritt wird per Laptop genau dokumentiert. Das jüngste Projekt, das erst vor einigen Tagen fertig geworden ist, war eine Schwalbe, Baujahr 1979. Selbst ein Behindertenfahrzeug der Marke Duo aus DDR-Zeiten hat er schon aufgearbeitet und einen SR 2E. "Damit fährt meine Frau", verrät Hermann Bagull. Er bemüht sich sogar, die Fahrzeuge in den originalen Farben wiederherzustellen. Um die entsprechenden Teile zu bekommen und zum Fachsimpeln tourt der Felchower schon mal durch die Republik zu Oldtimertreffen.

Schon zu DDR-Zeiten, erzählt Hermann Bagull, habe er sich immer für Technik interessiert. Mit den Fahrzeugen habe er aber erst angefangen, als mit dem Fußball Schluss war.

Das Aufarbeiten von Mopeds ist für den 56-Jährigen nicht nur Freizeitvergnügen, sondern auch Therapie. Nach persönlichen Schicksalsschlägen, die ihn krank machten, hatte er damit begonnen. Man müsse sich in solchen Situationen ein Hobby suchen, sagt er. "Ich habe mich damals selbst gefühlt wie ein altes Moped, das überholt werden musste", sagt er. Auch seine Maschinchen, die er nicht weggibt, sondern in der Werkstatt zu stehen hat, sehen nach geduldiger Behandlung wie neu aus.

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