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Storch fällt vor Schreck aus dem Nest

Ungewöhnliches Pflegekind: Jürgen Köhler beobachtete, wie der junge Storch aus dem Nest fiel. Weil die Eltern ihn nicht mehr fütterten, brachte er ihn zu einer Storchenstation.
Ungewöhnliches Pflegekind: Jürgen Köhler beobachtete, wie der junge Storch aus dem Nest fiel. Weil die Eltern ihn nicht mehr fütterten, brachte er ihn zu einer Storchenstation. © Foto: Micaela Köhler
Inga Dreyer / 26.08.2015, 19:17 Uhr
Beauregard (MOZ) Eine traurige Geschichte mit gutem Ausgang: Vor Schreck ist in Beauregard ein Storchenjunges aus dem Nest gefallen. Die Eltern fütterten es nicht weiter. Nun wird der kleine Storch in einer Auffangstation gepäppelt und nächstes Jahr ausgewildert.

Jürgen Köhler hat den tragischen Moment mit eigenen Augen gesehen. Sein Grundstück in Beauregard, auf dem regelmäßig Störche brüten, grenzt direkt an ein Feld. Als dort vor rund einer Woche ein landwirtschaftliches Fahrzeug Gülle ablud, habe sich der junge Storch so sehr erschrocken, dass er aus dem Nest fiel.

Zwar habe der Vogel schon erste Flugversuche unternommen, doch alleine kam er nicht wieder hoch auf den Pfeiler. Die Vogeleltern haben ihn mit Geklapper angelockt, doch gefüttert haben sie ihn nicht mehr.

Jürgen Köhler und seine Frau Micaela brachten den Jungstorch daraufhin ins Wriezener Wildgehege. Der Tierarzt und Vereinsvorsitzende Wilfried Böttcher habe sich der Sache sofort angenommen, berichtet Köhler. Ein Mitarbeiter des Geheges habe dem schwachen Tier immer wieder Entenküken in den Schnabel gesteckt, denn von selber fraß er nicht.

Zwei Tage später haben Köhlers versucht, den kleinen Storch wieder in Beauregard auszusetzen. Doch ohne Erfolg. Seine Eltern fütterten ihn immer noch nicht. Also nahmen die Köhlers das Tier mit auf den Hof, gaben ihm zu fressen und ließen ihn in der Dusche der Waschküche schlafen. Schon nach kurzer Zeit stand der Storch abends selber vor der Tür und wollte sein Strohbett beziehen.

Doch ein Storch ist kein Haustier. Es musste eine Lösung her. "Er soll ja ein wildes Tier bleiben", betont Micaela Köhler und erklärt, dass Störche mit Artgenossen zusammenleben müssen. Also telefonierten sie herum und wurden bei der Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg in der Nähe von Magdeburg fündig. Bekannt war den beiden der Hof schon durch eine Fernsehdokumentation. Die Loburger Ornithologen Christoph und Michael Kaatz zeigten darin, wie sie der Storchendame Prinzesschen mit der Kamera bis nach Afrika gefolgt sind.

Von den engagierten Vereinsmitgliedern waren Micaela und Jürgen Köhler bei ihrem Besuch fasziniert. Der junge Storch wurde sofort aufgenommen. Er soll den Winter über dort bleiben und im Frühjahr ausgewildert werden. Die Köhlers haben mit einer Spende die Patenschaft für den Vogel übernommen, den sie Jogi genannt haben - nach der amerikanischen Zeichentrickfigur Jogi Bär.

Seit 1999 schon brüten jedes Jahr Störche auf ihrem Grundstück in Beauregard. Angefangen hat es mit einem Vogelpaar, das sich dort bloß umgeguckt hat. "Nächstes Jahr habe ich für euch ein Nest fertig", dachte sich Jürgen Köhler damals und baute mit Freunden den Pfahl mit einem großes Korbgeflecht. In dem dicken Fotoalbum, das die Besuche der Störche in Beauregard dokumentiert, sieht man Jürgen Köhler oben auf dem Pfahl sitzen. "Als erste Krähe war ich im Nest", erzählt er schmunzelnd. Er musste schließlich herausfinden, ob alles hält.

Auf einer Holztafel in Storchenform notiert er jedes Jahr, wann die Tiere kommen und wieder wegfliegen. Normalerweise bleiben sie von Ende März bis zum 21./22. August. Doch in diesem Jahr waren sie mehr als einen Monat später dran als sonst. Deswegen seien auch die Küken - zu Anfang noch drei Stück - so spät geboren worden, erzählt Jürgen Köhler. Das Junge, das übriggeblieben war, habe es nicht rechtzeitig geschafft, fliegen zu lernen.

Das Schicksal der Störche in Beauregard ist in diesem Jahr kein Einzelfall. Wegen des schlechten Wetters seien die Störche sehr spät zu den Brutplätzen gekommen, heißt es beim Nabu. Manche von ihnen hätten erst gar nicht angefangen zu brüten. Die anhaltende Trockenheit habe zudem zu einer Ein-Kind-Politik geführt, da das Nahrungsangebot sehr begrenzt war. Nach dem Rekordjahr 2014 gehen laut Nabu die ehrenamtlichen Storchenbetreuer in Brandenburg von unterdurchschnittlichen Erfolgen im Jahr 2015 aus.

Unklar ist, was mit dem Beauregarder Storch passiert wäre, wäre er nicht aus dem Nest gefallen. Die Köhlers erklären, sie hätten sich gewünscht, dass der Fahrer die Gülle nicht direkt neben dem Grundstück ausgekippt hätte. "Es weiß ja jeder, dass die Tiere unter Naturschutz stehen und scheue Vögel sind", sagt Micaela Köhler. Dafür müsse man kein Storchenexperte sein.

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