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Görsdorf bei Storkow ist das westlichste Dorf im Landkreis Oder-Spree / Einige Schauspieler ließen sich einst hier nieder

Zusammenhalt wird groß geschrieben

Elke Lang / 29.08.2015, 04:45 Uhr
Görsdorf (MOZ) Görsdorf bei Storkow mit knapp 400Einwohnern ist der am weitesten westlich gelegene Ort des Landkreises Oder-Spree. Wollen die Görsdorfer mal schön essen gehen, dann im Nachbardorf Kolberg im Landkreis Dahme-Spreewald. "Aber wir fühlen uns nicht abgehängt", versichert die 78-jährige Maria Drogan.

Fragt man Ortsvorsteher Wilfried Lengert nach dem Besonderen und Schönsten in Görsdorf, dann nennt er die Kirche. Tatsächlich ist das spätmittelalterliche Feldsteingotteshaus mit seinem Fachwerkturm, seiner Wandmalerei von etwa 1430 und seiner 1995 restaurierten kleinen Remler-Orgel von 1885 eines der ältesten in der Region - so wie Görsdorf selbst mit seiner urkundlichen Erwähnung im Jahre 1209 vom Alter her alle Nachbarorte hinter sich lässt.

Feldsteinbauten sind im gesamten Ortsbild zu finden. Erhalten haben sie sich vor allem bei Scheunen und Ställen. Noch 1920/30 wurden in ein kleines Feuerwehrspritzenhaus aus rotem Ziegel einige Feldsteine eingebaut. Es ist durch die Görsdorfer kurz vor seinem Verfall liebevoll restauriert worden und soll einmal ein kleines Feuerwehrmuseum beherbergen. Ein paar Exponate sind bereits in ihm zu finden.

Görsdorfs großer Schatz ist seine Lage im Naturpark Dahme-Heideseen mit Wäldern und vor allem dem Kutzingsee direkt im Ort sowie dem Wolziger See. Über die Autobahnabfahrt Friedersdorf ist es ein Katzensprung von Berlin, was die erholungssuchenden Berliner schon frühzeitig mitbekommen hatten. Es wurden viele Wochenenddomizile für wohlhabende Berliner gebaut. Unter ihnen war der Schauspieler Paul Westermeier, der von 1892 bis 1972 gelebt hat. Sein Haus und Grundstück am Kutzingsee konnte 1985 Maria Drogan kaufen. Sie war 1965 als "rund um die Uhr erreichbare Gemeindeschwester", wie sie stolz sagt, nach Görsdorf gekommen und hatte das Haus mit ihrer Familie als Dienstwohnung mit Sprech- und Wartezimmer bezogen. "Einmal pro Woche kam Dr. Windmüller und einmal monatlich war Mütterberatung hier", erinnert sich Maria Drogan. "Ich wollte eigentlich nur drei Jahre hier bleiben" gesteht die zierliche, muntere Frau, "aber nach drei Jahren war kein Gedanke mehr daran", lacht sie. "Als Gemeindeschwester bin ich mit meinem Moped SR2 überall rumgekommen, und hier war immer etwas los. Der Demokratischer Frauenbund Deutschland (DFD) zum Beispiel hat Hand in Hand mit der Freiwilligen Feuerwehr den Fasching fürs ganze Dorf organisiert." Wer sich die Häuser genau ansieht, wird welche aus gräulichem Ziegel finden. Direkt neben dem Gemeindehaus steht eins. Was es damit auf sich hat, wurde durch den promovierten Historiker Lutz Kühne vom Historischen Beirat Storkows erforscht und bei einer historischen Ortsführung 2007 und einem Vortrag zur 800-Jahr-Feier des Ortes den Görsdorfern nahegebracht. 1906 nämlich wurde dem Berliner Unternehmer Hugo Prenzler der Bau eines Kalksandsteinwerks genehmigt, das er in den 1920er-Jahren wieder aufgab. Die 81-jährige Emanuela Hoffmann, die 1945 mit Mutter Adele und Bruder Otto Hannebauer aus dem Warthegau hier herkam, erinnert sich noch, wie der Kies aus den Kiesbergen oberhalb des Kutzingsees abgebaut wurde. Der Kalk landete per Kahn aus Rüdersdorf an, und Lutz Kühne kann die letzten Hinweise auf den Hafen noch zeigen. Das Wohnhaus auf dem Werksgelände am Wasser erwarb in den 1930er-Jahren der Filmschauspieler Jupp Hussels (1901-1984). "Es waren noch mehrere Filmschauspieler hier ansässig, aber wir haben sie nur im Fernsehen oder in alten DEFA-Filmen sehen können", bedauern Emanuela Hoffmann und Maria Drogan. Heute befindet sich auf dem Anwesen die "Pension Wolziger See".

Das wichtigste Pfund, mit dem Görsdorf wuchern kann, ist jedoch der dörfliche Zusammenhalt. Für Emanula Hoffmanns Familie war Görsdorf eigentlich nur eine Zwischenstation, aber "wir sind gut aufgenommen worden, hatten nach drei Tagen schon eine kleine Wohnung und sind 1964 in das Haus am Kutzingsee gezogen, das wir nach der Wende kaufen konnten", erzählt sie. "Die Bauern haben uns geholfen, wir hatten keinen Hunger leiden müssen." Gearbeitet hat sie viele Jahre lang in der Storkower Schuhfabrik. In Görsdorf war sie in der Sportgruppe, im Roten Kreuz und im DFD. In der Freiwilligen Feuerwehr ist sie schon seit 42 Jahren. "Sie hat hier Wurzeln geschlagen", fasst Tochter Angelika Rauer zusammen. Die 58-jährige tritt, was die Aktivität für die Gemeinschaft betrifft, in die Fußstapfen der Mutter. Als Leiterin des Dorfclubs ist sie so etwas wie die Seele des Ortes, hält alles zusammen. "Jede Gruppe organisiert mal etwas für das Dorf, und wenn jeder Bewohner etwas für sich auf und vor seinem Anwesen macht, dann kommt das auch dem ganzen Dorf zugute. Die Sauberkeit hat sich sehr zum Positiven entwickelt", lobt sie.

Görsdorf ist auch jetzt noch beliebt. Eine neue Siedlung von 60 Häusern, in die 1998 die ersten Bewohner eingezogen sind, ist entstanden. Der einstige Berliner Wilfried Lengert selbst hat sich 2000 mit seiner Familie in einem von ihnen eingerichtet. 23Häuser sind noch geplant. Maria Drogan freut sich über den Zuwachs, denn "viele Leute sind weggestorben, die Kinder meist weggezogen". Arbeitslosigkeit gibt es kaum. "Viele arbeiten in Berlin, andere in Storkow. Im Ort selbst gibt es um die 40 Gewerbebetriebe, und Landwirtschaft betreibt der Bio-Bauer Jan-Peter Vogel im Ortsteil Busch mit Rindern", ist der Ortsvorsteher zufrieden.

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