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Restauratoren befreien Holzfiguren des Mittelalters von späteren Übermalungen

Altar auf Wanderschaft

Oliver Schwers / 10.09.2015, 04:45 Uhr
Fredersdorf (MOZ) Schon wieder auf Wanderschaft geht der wertvolle Altar aus der Fredersdorfer Marienkirche. In einer Restauratorenwerkstatt in Falkensee wird der letzte Teil des kulturhistorisch kostbaren und für die Fachwelt interessanten Stücks in seinen gotischen Ursprungszustand versetzt.

Thoralf Herschel und Matthias Schmerbach benötigen nur wenige Handgriffe. Mit Routine nehmen die beiden Restauratoren den Altar auseinander. Nicht das erste Mal. Denn das in der Fachwelt inzwischen bekannte Stück gelangt nun erneut in ihre Werkstatt nach Falkensee. Es sind gar nicht so viele Einzelteile. Doch sie haben einen hohen kunsthistorischen Wert. Thoralf Herschel und Matthias Schmerbach - mittlerweile in Fachkreisen sehr bekannt für ihre Expertenarbeit - wollen dem letzten Abschnitt des Altars seine gotische Fassung zurückgeben.

Die steckt unter einer Farbschicht aus dem 19. Jahrhundert. Damals hatte man - dem Geschmack der Zeit entsprechend - einfach Teile des Altars übermalt. Diese Veränderungen entstellten das Original so, dass später kaum noch jemand ahnte, welch ein historisch interessantes Stück sich darunter verbarg.

"Gerade bei den Schnitzereien handelt es sich um eine hochwertige künstlerische Arbeit", sagt Thoralf Herschel. Bis heute ist es den Fachleuten nicht gelungen, die Herkunft zu entschlüsseln. Normalerweise waren die Dorfkirchen im märkischen Land nicht mit derart qualitätsvollen und damit auch teuren Ausstattungsstücken versehen.

Es gilt als sicher, dass Altarreste nach dem Dreißigjährigen Krieg aus einer anderen Kirche herbeigeschafft und mit neuen Ersatzteilen für den künftigen Standort ausgestattet wurden. Das Holz stammt jedenfalls aus Finnland, wie eine dendrochronologische Untersuchung ergab. Es wurde Ende des 15. Jahrhunderts geschlagen.

Nach eingehenden Farbuntersuchungen wollen die Restauratoren nun den gotischen Zustand wiederherstellen. Dazu muss die Goldbronze-Übermalung der Heiligen-Figuren mit der Darstellung von Anna Selbdritt, Katharina und einem Bischof verschwinden. Alle drei verändern in einer Lösemittelkur ihr Aussehen, bis die Ursprungsbemalung zum Vorschein kommt. Sie muss anschließend ergänzt werden.

Eine ähnliche aufwendige Arbeit war bereits bei der Konservierung und Restaurierung der vier Gemälde auf den Seitenflügeln notwendig gewesen. Auch sie stammen aus dem Mittelalter und zeigen, dass hochwertige Auftragskunstwerke in dieser Zeit auch in Brandenburg flächendeckend vertreten waren.

Der Altar erlangte einige Berühmtheit durch die vielbeachtete Ausstellung "Märkische Kunst - Bilderwelt des Mittelalters" im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. Dadurch wurde mit Unterstützung des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg eine erste Restaurierung der akut in ihrem Bestand gefährdeten Bilder möglich. Damals entstand auch die Idee, das Gesamtwerk vollständig zu restaurieren, was aber an den Finanzen scheiterte.

Pfarrer Norbert Rauer, dessen Familie seit Generationen in Fredersdorf ansässig ist, ließ nicht locker. Aus dem Verkauf der von ihm jährlich gestalteten Wandkalender mit historischen Motiven seiner Heimat legte er den Grundstein von 3500 Euro für den zweiten großen Abschnitt. Die Gemeinde Zichow packte noch einmal die gleiche Summe drauf, weil man sich durchaus der Bedeutung des Kunstwerks bewusst ist. 13 000 Euro kommen von der Stiftung Preußisches Kulturerbe.

Wenn der restaurierte Altar im nächsten Jahr in seiner alten Fassung den Heimweg nach Fredersdorf antritt, können die brandenburgischen Kunsthistoriker weiter über das Geheimnis seiner Herkunft rätseln. Vermutet wird, dass er aus einer pommerschen Werkstatt stammt, die vielleicht in Stettin ihren Sitz hatte. "Stilistisch gibt es bisher nichts Vergleichbares", sagt Thoralf Herschel. "Das macht ihn aber um so spannender."

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