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In Klessin graben Freiwillige nach Überresten gefallener Soldaten / 13 Gebeine waren bis Mittwoch freigelegt

Spurensuche in Schützengräben

Weitläufige Ausgrabungen: Zahlreiche Helfer legen einen alten Schützengraben der roten Armee frei. Auf dem Feld finden sie gut erhaltene Knochen und Skelette, aber auch alte Münzen, Waffen und Munition.
Weitläufige Ausgrabungen: Zahlreiche Helfer legen einen alten Schützengraben der roten Armee frei. Auf dem Feld finden sie gut erhaltene Knochen und Skelette, aber auch alte Münzen, Waffen und Munition. © Foto: Johann Müller
Raban Kerschek / 08.10.2015, 05:29 Uhr - Aktualisiert 09.02.2016, 14:55
Klessin (MOZ) In Raum Klessin suchen Mitglieder des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) in dieser Woche nach Überresten von Kriegstoten aus dem Zweiten Weltkrieg. Bis Mittwoch wurden Gebeine von zehn deutschen und drei sowjetischen Soldaten gefunden.

Tiefe Gräben durchziehen ein Feld zwischen Podelzig und Klessin. Mittendrin zahlreiche Menschen die buddeln, pinseln und bunte Markierungen setzen. Das ungewöhnliche Bild wird abgerundet durch menschliche Skelette und Knochen, alte Waffen und Geschütze, die in den Gräben liegen.

"Hier haben wir einen besonderen Fall, denn es handelt sich um einen alten Schützgraben der Roten Armee", erklärt Albrecht Laue, Vorsitzender des VBGO. Nach Kriegsende sei der Graben zugeschüttet und gefallene Soldaten ohne Identifikation darin beerdigt worden.

Die Grabungsstelle auf dem Klessiner Acker ist nicht der erste Ort, an dem die freiwilligen Mitarbeiter des Vereins nach gefallenen Soldaten in der Region suchen. Über zehn Mal waren die Frauen und Männer um Albrecht Laue bereits im Oderbruch. Immer auf der Suche nach namenlosen Toten, die ohne Gedenkstein in den Massengräbern des Krieges liegen. Viele dieser Toten erhalten erst durch die Arbeit des internationalen Vereins einen würdiges Grab.

"Wir übergeben die Toten den Behörden, die für die Bestattung zuständig sind und Angehörige informieren", sagt Laue.

Die Gebeine aus den alten Schützgräben werden auf dem Soldatenfriedhof in Wuhden würdig begraben. Nicht alle Knochen können vermissten Soldaten zugeordnet werden. "Aber ein großer Anteil wird durch Erkennungsmarken oder persönliche Gegenstände identifiziert", berichtet Laue. Zu seinem Team gehören Wissenschaftler, Archäologen, Baggerfahrer und Historiker aus verschiedenen Ländern. "Bei diesem Einsatz sind beispielsweise Holländer, Schweizer, Polen und Russen dabei", so der Vereinsvorsitzende. Seit 1992 haben sie über 7500 Gefallene in ganz Europa geborgen.

Albrecht Laue erinnert sich zurück ans letzte Jahr. Da habe man in der Gegend einen jungen Soldaten gefunden, dessen Kartentasche noch vollends erhalten war. "Darin befanden sich auch persönliche Briefe des Vaters. Da das Kuvert noch lesbar war, konnten wir ihn identifizieren und wissen, dass er aus München kam", berichtet Laue. Mittlerweile haben die Behörden versucht, Kontakt zur Familie aufzunehmen.

Von besonderen Funden und Geschichten weiß auch Wolfgang Ockert zu berichten. Der Historiker, der seit 2011 VBGO-Mitglied ist, präsentierte jüngst mit seinem Coautor Axel Urbanke in der Seelower Gedenkstätte ein Buch über die Brandenburger Panzer-Abteilung, die in den letzten Kriegsmonaten im Oderbruch stationiert war. Mit seiner umfangreichen Karten- und Luftbildersammlung leistet Ockert erhebliche Unterstützung für die Suche im Oderbruch.

Dem VBGO hilft er mit großer Freude. Seine Motivation rührt aus den Erzählungen des Vaters, der 1946 als Flüchtling in die total zerstörte Zuckerfabrik nach Podelzig gebracht wurde und die Felder der Region von Kriegslasten befreien musste. "Darunter waren auch viele halb verwester Körper der Gefallenen", erklärt Ockert. Diesen Menschen soll die Würde zurückgegeben werden.

Wolfgang Ockert, Albrecht Laue und die anderen Mitglieder des VBGO werden noch bis Ende der Woche auf dem Feld von Bauer Frank Tiggemann, ohne dessen Unterstützung die Geschichtsaufarbeitung nicht möglich wäre, buddeln, pinseln und Gefallene des Krieges bergen.

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