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Leichenwagen feiert Wiederauferstehung

Simon Rayß / 10.10.2015, 06:48 Uhr - Aktualisiert 09.02.2016, 15:04
Golzow (MOZ) Nun steht er wieder vor der Kirche in Golzow. In feierlichem Schwarz. "Er sieht sehr gut aus", sagt Bianka Wrensch vom dortigen Gemeindekirchenrat. "Nicht mehr wiederzuerkennen", ergänzt ihr Kollege Thomas Polster. Die Rede ist von einem historischen Bestattungswagen, den Studenten der HNE restauriert haben.

Seit zehn Jahren sind die Sanierungsarbeiten an der Kirche schon im Gange. Das Portal, die Kirchenmauer, das Dach, der Turm und die Elektrik sind in dieser Zeit generalüberholt worden. "Die Kirche soll ein Ort werden, an dem man Geschichte erleben kann", sagt Pfarrerin Beatrix Spreng, die für den Sprengel Joachimsthal, Althüttendorf und Golzow zuständig ist.

Eine langfristige Aufgabe, die letzten Endes mehr Touristen anlocken soll. Schon jetzt ist das Gotteshaus, das von Ostern bis Erntedank geöffnet ist, ein Anziehungspunkt. Besucher aus ganz Deutschland, aus Holland, ja, selbst aus Israel haben sich im Gästebuch verewigt. Schritt für Schritt werden nun weitere Einzelaspekte saniert. "Hier sollen viele Puzzle-Teile ein interessantes Ganzes ergeben", sagt Bianka Wrensch.

Eines dieser Puzzle-Teile ist vor drei Jahren bei den Arbeiten wiederentdeckt worden: Ein alter Leichenwagen stand in einer Remise an der Seite des Gebäudes und verwitterte vor sich hin. "Ich habe die Tür eigentlich nur geöffnet, weil wir überlegt haben, dort ein Klo einzubauen", erinnert sich Beatrix Spreng. "Er war einfach in Vergessenheit geraten." Und laut Thomas Polster obendrein in mehr als bedenklichem Zustand: "Durch die jahrzehntelange Nichtnutzung hat der Wagen sehr gelitten." Ein Rad war abgebrochen und der Aufbau stand auch nicht mehr, wie er eigentlich sollte. Etwas musste passieren.

Die rettende Überlegung: Vielleicht ist das Gefährt aus Kiefernholz für die Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde interessant? Schließlich haben sie dort einen Studiengang Holztechnik. Und tatsächlich: Die Hochschule griff zu. "Das ist eine große Chance gewesen", sagt Studiengangsleiter Ulrich Schwarz.

Vor einem Jahr wurde die Kooperation konkret und der altersschwache Wagen nach Eberswalde überführt. Dort angekommen, machten sich zehn Studenten an die Arbeit. "Die waren alle super engagiert", berichtet Schwarz. Sie vermaßen das Gefährt, machten die schadhaften Stellen aus, um sie später auszutauschen. Ein neues Rad, neue Beschläge, der Aufbau wurde wieder aufgerichtet - insgesamt eine Arbeit, für die ein Restaurator bestimmt 10 000 Euro in Rechnung gestellt hätte, schätzt Ulrich Schwarz. Kosten, die nun die Hochschule übernimmt, da der Wagen Teil des Unterrichts geworden ist.

Zum Zeitpunkt seiner historischen Fertigung gehörte ein Bestattungswagen wie dieser nicht zur Standardausstattung der Kirchen. "Das ist der erste Leichenwagen in dieser Form, den ich bisher gesehen habe", sagt Dana Ratz von der Unteren Denkmalschutzbehörde. "Mit ziemlicher Sicherheit gibt es im Landkreis auch keine weitere Kirche, die einen vergleichbaren hat." Ob sich irgendwo in einer privaten Sammlung noch einer versteckt, wisse sie natürlich nicht.

Wenn es ums Alter des Wagens geht, kann Dana Ratz nur schätzen. "Ich würde ihn im 19. Jahrhundert verorten." Genau sagen könne sie es nicht. "Die Studenten hatten auch nicht den Schwerpunkt, den Wagen zu datieren", erklärt sie und fügt hinzu: "Das wäre natürlich toll, wenn es jetzt einen Studenten geben würde, der sich mit der Geschichte des Wagens auseinandersetzen will."

Zur Übergabe können die Studenten aufgrund ihrer Jobs nicht dabei sein. "Die sind schon in alle Welt zerstreut", erklärt Ulrich Schwarz. Er fährt den Wagen auf einem Anhänger nach Golzow. Dort soll er wieder in der Remise stehen, möglichst einsehbar von außen.

Doch bis er in dem Raum erneut seinen Platz findet, wird es dauern. "Wir müssen die Remise noch herrichten und das Dach dichtkriegen", sagt Thomas Polster. Das könne durchaus zwei weitere Jahre in Anspruch nehmen. Bis dahin wird das schwarze Schmuckstück aber nicht in der Versenkung verschwinden: Das Kutschenmuseum in Groß Schönebeck hat Bereitschaft signalisiert, den Wagen als Leihgabe auszustellen.

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