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Mythos unter der Erde

Gut erhaltene Zähne: Die Archäologen legten diesen Unterkiefer frei, der vermutlich von einem Hirsch aus der Steinzeit stammt. Erst genaue Untersuchungen werden zeigen, ob es sich um dieses Tier oder einen Auerochsen handelt.
Gut erhaltene Zähne: Die Archäologen legten diesen Unterkiefer frei, der vermutlich von einem Hirsch aus der Steinzeit stammt. Erst genaue Untersuchungen werden zeigen, ob es sich um dieses Tier oder einen Auerochsen handelt. © Foto: MOZ
Josephin Hartwig / 11.10.2015, 04:21 Uhr
Gottesgabe (MOZ) Archäologen haben die Bauarbeiten zwischen Gottesgabe und Metzdorf begleitet. Dabei entdeckten sie etwa 500 Fundstücke, die bis in die Steinzeit zurück reichen und Aufschlüsse über das Leben der Siedler geben.

Der Wind pfeift mit großem Getöse über die Felder zwischen Gottesgabe und Metzdorf, als die Archäologen ihre Geräte zusammen packen. Dort ist ihre einen Monat andauernde Arbeit getan.

Zwischen der Bundesstraße 167 und dem Friedländer Strom tanzen die Baumkronen hin und her, der Sand ist aufgewühlt, Bagger graben sich durch die Schichten der Erde. Wie viele andere Baustellen wird auch diese, an der vom Energieversorger E.Dis Rohre verlegt werden, von der Firma Archäologische Ausgrabungen und Bauprojekt Betreuung (AAB) begleitet. Sebastian Tegge ist als Archäologe dabei. Der 34-Jährige ging mit einem Team von zwölf Mitarbeitern auf die Suche nach den versteckten Mythen unter der Erde.

Auf der etwa sechs Kilometer langen Strecke haben sie 500 Fundstücke geborgen. "Überwiegend Siedlungsreste aus der Steinzeit, der Eisenzeit, der römischen Kaiserzeit und dem slawischen Mittelalter", erklärt Sebastian Tegge. Dunkle Bodenverfärbungen dienten als erster Hinweis auf mögliche Funde. Die verschieden eingefärbten Schichten der Erde zeigen die jahrhundertelange Siedlungsgeschichte.

Schon bevor die Bauarbeiten begannen, gab es Vermutungen über eine Siedlung an dieser Stelle, da der Friedländer Strom nur wenige Meter entfernt ist. "Die Menschen nutzten die fließenden Gewässer und siedelten deshalb häufig in einer Region wie dieser", erklärt der Archäologe.

Ein besonderer Fund ist ein Kastenbrunnen. Er ist aus Nadelholz gefertigt worden und stammt vermutlich aus der römischen Kaiserzeit, etwa 50 vor bis 375 Jahre nach Christi. Ein wenig entfernt habe ein Korb-Geflecht-Brunnen gestanden. Dort wurde das Wasser gleich ein wenig gefiltert. "Diese Stelle ist bis dahin noch nicht als Bodendenkmal registriert worden. Das passiert nun durch unseren Fund. So vieles so dicht beieinander zu finden, das war für uns eine große Überraschung", sagt Sebastian Tegge.

Große Wannen, die gefüllt sind mit Erde und Scherben, wurden in die Büros der Firma nach Berlin und Angermünde gebracht. Dort werden genauere Untersuchungen der einzelnen Kleinteile vorgenommen. Mit einem Mini-Bagger, Spitzhacken und Schaufeln suchten die Archäologen weiter. Keramik-Scherben, die besondere Muster aufweisen, lassen auf eine bestimmte Modeerscheinung schließen. Dadurch kann ihre Entstehungszeit bestimmt werden. "Es ist selten, das ganze Gefäße zusammengesetzt werden können." Zerplatzte Steine wiederum lassen auf Feuerstellen schließen. "Davon fanden wir zwei", sagt Tegge stolz. Der 34-Jährige hat auch nach einigen Jahren noch immer große Freude an seinem Beruf. Anfangs studierte er Geschichte, mit Archäologie im Nebenfach. Doch schnell war ihm klar, dass die Arbeit direkt am Ort des Geschehens noch spannender ist.

Die Mitarbeiter der AAB haben Vorratsgruben gefunden, in denen Getreide eingelagert wurde. "Lehmgruben, um Ton für die Gefäße zu gewinnen, waren auch dabei." Die Bodenproben werden durchgesiebt. Aus den Makroresten, die die Archäologen erhalten, lassen sich auch noch so winzige Spuren von Getreidekörnern finden. Die Gruben für Vorräte seien damals unterirdisch angelegt und nur mit einem Stein, damit sie wieder auffindbar waren, markiert worden, so Tegge. Auch Pfosten, auf denen Häuser errichtet worden sind, waren dabei. So können ganze Hausgrundrisse rekonstruiert werden.

Die wohl spannendste Entdeckung im Oderbruch ist für Sebastian Tegge jedoch ein Grab, in dem Tierknochen scheinbar beerdigt worden sind. "Das ist neu, die Anordnung der fünf Unterkiefer, möglicherweise von Rind oder Hirsch, deutet darauf hin, dass Menschen vermutlich in der Steinzeit ihre Tiere richtig bestattet haben", sagt er. Die erste Vermutung sei ein Jagdplatz gewesen, doch die Deponierung spreche für die Einwirkung von Menschenhand. Das komplette Skelett eines Tieres, das noch genauer bestimmt werden muss, ist ebenfalls gefunden worden. "Es lag in hellem Sand, dadurch können wir den geologischen Ursprung bestimmen." Zur Altersbestimmung des Tieres werde ein Kohlenstoffverfahren angewandt.

Bundesweit ist die Firma AAB unterwegs, um die Geschichten unter der Erde aufzuspüren. Dabei sind die Archäologen schon auf vieles gestoßen. Wie etwa in Berlin, als sie einen Friedhof aus der Neuzeit entdeckten. "Da war die Umgebung sehr feucht, dadurch wird die Verwesung verlangsamt." An den Körpern seien noch Haare gewesen.

Die Leiche eines Menschen wurde vom Munitionsbergungsdienst, der das Areal abgesucht hatte, bevor die Archäologen kamen, geborgen. Es ist ein gefallener Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg, wie die Erkennungsmarke zeigte.

"In diesem Bereich fanden Kampfhandlungen statt. Das wissen wir durch die entdeckten Splitterschutzgräben, Munition für Gewehre und Granatenfragmente", erklärt Sebastian Tegge. Keine Baustelle ist wie die andere. Immer wieder gibt es für den Experten neue Geschichten, die er ausgräbt. Mit ihrer Arbeit fügen die Männer Puzzleteile in die Historie eines Ortes ein, die zuvor noch keinen Platz darin hatten.

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