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Drei Restauratorinnen sichern die Jahrhunderte alten Wandmalereien in der Biegener Kirche vor dem Verfall

Wenn der Putz hohl klingt

Spritzenkur für einen alten Patienten: Die Zeichnungen im Triumphbogen der Biegener Dorfkirche, die Anika Basemann hier hinterfüllt, stammen aus dem Mittelalter.
Spritzenkur für einen alten Patienten: Die Zeichnungen im Triumphbogen der Biegener Dorfkirche, die Anika Basemann hier hinterfüllt, stammen aus dem Mittelalter. © Foto: MOZ
Andreas Wetzel / 24.10.2015, 06:35 Uhr
Biegen (MOZ) Es ist eine Notsicherung, aber auch sie erfordert bereits einigen Aufwand: In der Biegener Dorfkirche werden zurzeit Wandmalereien im Chorraum und am Triumphbogen so behandelt, dass sie nicht unwiderbringlich verlorengehen können.

Die Gefahr des fortschreitenden Verfalls ist nicht aus der Luft gegriffen. Anna-Sara Buchheim klopft vorsichtig gegen den Putz an einer Seitenwand des Triumphbogens, der das Kirchenschiff vom Chorraum trennt. Deutlich unterscheidbar die Bereiche, bei denen der Fingerknöchel auf festen Putz trifft - und wo es deutlich hohl klingt. "Hier hält der Putz nur noch in sich selbst", sagt die Restauratorin aus Luckenwalde, die mit zwei Kolleginnen den Auftrag der Kirchengemeinde erhalten hat, eben solche Stellen aufzuspüren und zu sichern.

Für diese Arbeit können sich die Restauratorinnen auf eine Dokumentation stützen, die gerade erst von einer Studentin der Fachhochschule Potsdam erstellt worden ist. "Laura Blumberg hat die Malereien im Chorraum und im Triumphbogen erfasst und mit ihrem aktuellen Zustand kartiert", sagt Anna-Sara Buchheim. "Das ist uns natürlich eine große Hilfe." Weniger glücklich ist sie über die Vorarbeit früherer Restaurator-Kollegen, die zuletzt in den 1930er-Jahren an verschiedenen Stellen versucht haben, die Wandgemälde ganz oder teilweise durch Nachmalen wieder so erstrahlen zu lassen wie im Original. "Das macht man heute überhaupt nicht mehr - weil es das Original in seiner Wirkung schwächen würde."

Was also in Ehren verblasst ist, wird auch so bleiben. Die Fachfrauen raten sogar dazu, alte Nachmal-Versuche rückgängig zu machen, beispielsweise in einer Abendmahlszene mit einzelnen, offenkundig nachträglich hervorgehobenen Figuren. Wenn deren jetzt noch hervorstechende Farben wieder etwas zurücktreten würden, so die Restauratorin Anke Höchel aus Müllrose, dann würde das gesamte Bild wieder gewinnen.

Das alles gehört aber schon zum Restaurierungskonzept, das zwar Auftragsbestandteil der Notsicherung ist, aber erst an Platz zwei. Vorrangig müssen die losen Putzfragmente wieder mit ihrem Untergrund verbunden werden. Dazu werden dieselben Stoffe verwendet wie vor mehr als 500 Jahren: Aus dicken Spritzen drückt Anika Basemann, Restauratorin aus Müllrose, eine kalkhaltige Lösung flach hinter hohl liegende Putzplacken. "Natürlich müssen wir schon bei den Injektionsstellen aufpassen", sagt sie. Das glaubt ihr jeder Betrachter sofort: Das Spritzbesteck gibt es zwar problemlos in der Apotheke, aber von solchen Nadeln möchte man auch nicht gepiekt werden ...

Wie lange die Restauratorinnen in Biegen tätig sein werden, hänge jetzt auch stark vom näher rückenden Winter ab, sagen die drei einhellig, die den Auftrag der Gemeinde als Arbeitsgemeinschaft angenommen haben. Die fast einen Meter dicken Kirchenmauern geben die Außentemperaturen zwar nur langsam an die Innenseite weiter, dennoch sei für ihre Arbeit, für das Aushärten der injizierten Lösung, eine Mindesttemperatur von 5 Grad Celsius nötig - über Null. Hinter dem Triumphbogen trennt deswegen auch eine dicke Folie den Altarraum vom übrigen Kirchenschiff ab, so dass der Arbeitsbereich vorsichtig geheizt werden kann. Die Kosten von 30 000 Euro, zu denen der Landkreis 1500 Euro beisteuert, teilen sich Kirchengemeinde und Kirchenkreis, wie Pfarrer Andreas Althausen mitteilt.

Auf die Frage, welche Mal- oder Farbtechnik sie selbst eigentlich wählen würden, müssten sie heute eine Wandmalerei "für die Ewigkeit" möglichst lange haltbar gestalten, antworten alle drei: "so wie die Maler früher!" Die alten Techniken hätten bereits bewiesen, dass sie Jahrhunderte überstehen könnten; ganz gleich, ob die Bilder frisch ("al fresco", als Fresko) auf den feuchten Putz gemalt worden seien oder - wie in der Biegener Dorfkirche - auf den trockenen, als "Seccomalerei".

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