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Hartgummi-Batterien für den Wartburg

Firmenchef in der Werkstatt seines Vaters: Jörg Zippel musste urplötzlich die Batterie-Firma in Frauenhagen übernehmen. Bis heute werden hier Hartgummi-Batterien für Wartburg, Trabant und andere Oldtimer hergestellt.
Firmenchef in der Werkstatt seines Vaters: Jörg Zippel musste urplötzlich die Batterie-Firma in Frauenhagen übernehmen. Bis heute werden hier Hartgummi-Batterien für Wartburg, Trabant und andere Oldtimer hergestellt. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 05.11.2015, 06:48 Uhr
Frauenhagen (MOZ) Viele Betriebe Ostdeutschlands gingen nach der Wende den Bach hinunter. Auch private. Über alle Schwierigkeiten hinweg rettete sich die Firma Zippel in Frauenhagen. Der Witz: Die alten Trabant- und Wartburgbatterien sind so gefragt wie einst in der Mangelwirtschaft.

Mangelwirtschaft prägte die DDR. Ein Artikel, dessen Nachfrage nie gestillt werden konnte, waren Autobatterien für Kraftfahrzeuge. Egal ob in der Landwirtschaft, im Maschinenbau, Automobilbau, in der Landesverteidigung oder auf dem Privatsektor - Batterien waren absolute Mangelware.

Aus diesem Grund entschloss sich Wilfried Zippel in Frauenhagen vor mehr als 40 Jahren, Batterien in seiner Werkstatt selbst zu fertigen. Als erstes regenerierte er defekte Hartgummi-Batterien, in dem er die Batterien demontierte und mit einem neuen Innenleben ausstattete. Zu diesem Zweck nahm er mit dem VEB Grubenlampen- und Akkumulatorenwerk in Zwickau Verbindung auf und organisierte ein für damalige Zeit typisches Geschäft: Er fuhr mit seinem Lkw in aller Herrgottsfrühe von Frauenhagen nach Zwickau. Geladen hatte er Apfelsinen, Kirschen, Spargel oder Pullover aus Apolda, um sie gegen Batterieersatzteile "zu tauschen". Auf der Rückfahrt nahm er dann Hartgummiblockkästen, Kunststoff-Scheider, Elektrodensätze und Batteriestopfen mit - oftmals über die Tragfähigkeit des Lastwagens hinaus.

Zuhause montierte der Ingenieur dann neue Batterien - mit reißendem Absatz. Da Mangel bekanntlich Mangel erzeugt, gab es nicht wenige Kunden, die eine Batterie brauchten, aber vorsorglich schon einmal zwei auf Reserve kauften.

In dieser Zeit wurde auch die Hausmarke "FAW" geboren, die in den einschlägigen Fachkreisen schnell bekannt und geschätzt wurde. FAW stand für Frauenhagener Akkumulatorenwerk. Das große Plus in der sozialistischen Plan- und Mangelwirtschaft war für Wilfried Zippel der Umstand, dass er nie zum Kunden fahren musste, denn die Kunden kamen grundsätzlich zu ihm in die Werkstatt.

Mit der politischen Wende und dem Aus der DDR gab es auf einen Schlag alle Batterien der verschiedensten Hersteller in Hülle und Fülle. Wie sollte der kleine Betrieb aus der Uckermark da mithalten? Erschwerend kam hinzu, dass in der Zwischenzeit schon weiße Kunststoffbatterien auf den Markt gekommen waren - da wollte der Kunde keine schwarzen Fabrikate mehr und schon gar nicht mehr von FAW. Plötzlich standen keine Kunden mehr auf dem Werkstatthof Schlange, um eine Batterie zu kaufen - was nun?

Wilfried Zippel wollte den Betrieb retten und kaufte in Westberlin eine schrottreife Fertigungsanlage für weiße Polypropylen-Batterien und produzierte mit eigener Kraft den neuesten Schrei der Batteriebranche. Wie sich bald herausstellte, war das nicht die beste Idee. So preiswert wie die industrielle Konkurrenz konnte er niemals selbst fertigen.

Erst über Handel mit fabrikneuen Batterien eines großen Herstellers konnte das Unternehmen wieder punkten. Leider konnte Wilfried Zippel die Früchte seiner neuen Arbeit nicht mehr ernten, da er verstarb. Sein Sohn Jörg Zippel wurde ins "kalte Wasser" geschmissen, als er die Geschäfte übernehmen musste. Er qualifizierte sich zum Kraftfahrzeugmechanikermeister und absolvierte in der Folge ein Betriebswirtschaftsstudium. Gemeinsam mit seiner Ehefrau und den treuen Mitarbeitern organisierte er sich neu. Neben dem Handelsgeschäft mit Batterien schaffte er sich mit Autoersatzteilen und dem Vertrieb technischer Gase und medizinischer Gase zwei neue Standbeine. Die Flaschengase werden direkt zum Kunden geliefert.

Auch das Batterie-Recycling half dem Betrieb. Mit einem eigenen Logistik-Konzept sammelt die Firma alte Batterien ein und führt sie dem Rohstoffkreislauf über die Hüttenwerke wieder zu.

Batterie-Zippel, wie der Betrieb seit eh und je im uckermärkischen Volksmund heißt, gibt es auch 25 Jahre nach der deutschen Einheit noch. Während viele große und kleine Unternehmen in der Wendezeit vor den neuen Marktbedingungen kapitulieren mussten, behauptete sich die Familienfirma an ihrem alten Standort. Eine rollbare Puppe mit Werkstattkleidung steht allmorgendlich am Straßenrand und weist Kunden den Weg auf den Hof.

Und aus der Not kann man auch eine Tugend machen: Jörg Zippel fertigt wie in alten Zeiten auf Kundenwunsch immer noch die alten schwarzen Hartgummi-Batterien für Wartburg, Trabant und andere Oldtimerfahrzeuge. Wer möchte, kann sie unter der fachlichen Anleitung des Batterie-Experten sogar in Frauenhagen selbst montieren.

Autor des Beitrags ist Jörg Zippel, der die Geschichte in Erinnerung an seinen Vater schrieb.

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