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Vor 70 Jahren versuchten viele deutsche Flüchtlinge so gut es ging, ein halbwegs gemütliches Weihnachtsfest zu feiern

Drei Sorten Kohl

Sie stammt aus Ostpreußen, er aus Schlesien: Waltraud und Hubert Schwanenberg haben in den letzten Kriegsmonaten als Kinder auf der Flucht viel erleben müssen. Ein Weihnachtsfest hat es aber auch in Zeiten der Not gegeben.
Sie stammt aus Ostpreußen, er aus Schlesien: Waltraud und Hubert Schwanenberg haben in den letzten Kriegsmonaten als Kinder auf der Flucht viel erleben müssen. Ein Weihnachtsfest hat es aber auch in Zeiten der Not gegeben. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 24.12.2015, 04:45 Uhr
Günterberg (MOZ) Quer durch Deutschland flohen ganze Dörfer gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. So ausweglos die Lage für die ausgehungerten Flüchtlinge auch erschien - es gab immer ein Weihnachtsfest. Waltraud und Hubert Schwanenberg aus Günterberg haben diese Zeiten nie vergessen.

Weihnachten 1944: Erstmals kommt kein Weihnachtsmann. Der Vater des neunjährigen Hubert muss stattdessen mit dem Volkssturm zur Oderbefestigung in Schlesien ausrücken. Die Männer sollen noch die Rote Armee stoppen. Kurz vor dem Fest erhält die Mutter die Nachricht, dass ihr Mann nicht wie geplant ausgetauscht wird, sondern auf seinem Posten bleiben muss. Das ist das letzte Lebenszeichen. "Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört", sagt Hubert Schwanenberg.

Zu dieser Zeit ist die fünfjährige Waltraud mit ihrer Mutter und dem sechs Monate alten Bruder schon auf der Flucht. Die drei stammen aus Widminnen im Kreis Lötzen in Ostpreußen und wollen zu Verwandten in dem noch vom Krieg verschonten Günterberg hinter der Oder. Der Vater kämpft an der Front. Wegen der zerstörten Bahnlinien geht die Reise aber über Dresden nach Bayern. Dort kommt die Frau mit den zwei Kindern bei einem Bauern unter. Hier ist die Welt noch heil und Weihnachten fast so wie immer.

Weihnachten 1945: Nach dem Tod des Vaters flieht Huberts Mutter mit Verwandten und den geretteten Pferden auf dem Treck aus Schlesien über die Neiße. Nur weg von der Front. Sie kommen mit unzähligen anderen Flüchtlingen bis kurz vor Dresden, wo sie im Februar die barocke Stadt brennen sehen. Es geht weiter über Meißen und Riesa, wo die Wehrmacht die Brücken gesprengt hat. Mit den Gespannen müssen die Trecks auf einer Pontonbrücke über die Elbe. Von dort geht es bis nach Gera, wo schließlich die ersten amerikanischen Jeeps anrollen.

Im Schankraum einer Gastwirtschaft macht es sich die Mutter gemütlich, um den Kindern ein friedliches Weihnachtsfest zu bereiten. Von den Verwandten im nahegelegenen Rudolstadt bekommt Hubert einen ausrangierten Stabilbaukasten geschenkt. "Es waren nur noch Reste, aber ich habe damit stundenlang geschraubt."

Weihnachten 1946: Die kleine Waltraud ist von den Strapazen der Flucht immer noch so unterernährt, dass sie mit Gleichaltrigen zur Genesung in ein katholisches Waisenhaus in Bayern verschickt wird. Die Mutter arbeitet in einer Puddingfabrik und bekommt zum Dank zwei Decken geschenkt, aus denen sie dem Mädchen zwei Anzüge näht. "Die haben ganz doll gekratzt, aber waren warm." Die Diakonissen wollen den Kindern ein christliches Fest bereiten. Sie backen Plätzchen und belegen Krippen mit Stroh. Heiligabend kommt nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind. "Mein schönstes Weihnachten, auch wenn mir die Mutter damals fehlte."

Zu gleicher Zeit kocht Huberts Mutter auf dem Kachelofen ein bescheidenes Festessen. Sie ist mit zwei Kindern inzwischen wieder quer durch Deutschland gereist. Weil sie von der Aufsiedelung großer Güter in der Uckermark gehört haben, spannen sie die Pferde an und rollen von Thüringen mit dem Wagen über die Autobahn bis nach Günterberg. Die kleine Familie bekommt zunächst eine Stube in einem Bauernhaus zugewiesen. Darin steht ein Tannenbaum. "Irgendwie hat meine Mutter es immer geschafft, es uns gemütlich zu machen", sagt Hubert Schwanenberg. In Günterberg erscheint auch wieder der Weihnachtsmann, und sogar nach alter schlesischer Art: Mit einem Stock, über den der Beschenkte springen muss. Wer ihn berührt, spürt ihn auf dem Allerwertesten. Zum Essen steht eine zweite Tradition auf dem Tisch: "Drei Sorten Kohl". Weißkohl, Grünkohl und Rosenkohl, erst gekocht und dann in der Pfanne aufgewärmt. Dazu Mohnklöße.

Weihnachten 1953: Waltrauds Vater macht erstmals elektrisches Licht im neu gebauten Haus an. Er hat wie andere Umsiedler nach dem Krieg ein Stück Land vom Gut Günterberg erhalten. Neu Günterberg entsteht mitten auf dem Acker. Seine Frau und die Kinder sind längst aus Bayern nachgekommen. Am Tannenbaum hängen diesmal Zuckerkringel. Der Vater zählt sie jeden Abend. Trotzdem gelingt es Waltraud, heimlich welche zu stiebitzen.

Weihnachten 1960: Hubert und Waltraud sind sich in Günterberg begegnet. Im November stehen sie vor dem Traualtar. Im Dezember feiern sie ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Mit drei Sorten Kohl.

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