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33 "Fransen" hängen im Ofen

Gute Augen und Erfahrung muss man haben: Rudolf Herter, Bernd Heuer und Karsten Dedek (vorn v. l.) bei der Zählung
Gute Augen und Erfahrung muss man haben: Rudolf Herter, Bernd Heuer und Karsten Dedek (vorn v. l.) bei der Zählung © Foto: MOZ Gerd Markert
Margrit Höfer / 09.01.2016, 03:26 Uhr
Lichtenow (MOZ) Sie sitzen oder hängen in Ritzen und Steinhaufen, eine hat es sich in einem Hohlblockstein bequem gemacht, zwei tragen Ringe und alle schlafen: 55 Fledermäuse haben Mitstreiter vom Verein Mausohr am Freitag im ehemaligen Ziegeleiofen gezählt.

"Das ist ein gutes Zeichen", sagt Rudolf Herter aus Kagel/Finkenstein. 55 Fledermäuse, das sind sieben mehr als im Vorjahr und 18 als 2014. "Das zeigt, dass dieses Quartier gut angenommen wird", freut sich das Vereinsmitglied.

33 Fransenfledermäuse, 17 Braune Langohren, vier Wasserfledermäuse und ein Großes Mausohr haben die sieben Männer, die Freitagmorgen das rund 115 Meter lange Oval des Ziegeleiofens abschreiten, gezählt. Sie sind Ehrenamtler und haben scharfe Augen. Denn nur mit viel Wissen und Erfahrung erkennt man, dass etwa der kleine, schillernde Klumpen, der ganz oben in einem Schacht hängt, nicht etwa ein kugelrunder Eiszapfen ist, sondern eine kleine Fledermaus, an deren Haarspitzen Tautropfen hängen. Zwei Ehrenamtler bilden an diesem Morgen die Vorhut, mit Stirnlampen oder Taschenlampen ausgerüstet. Die anderen folgen, schauen auch noch einmal in die Ritzen und Fugen, kontrollieren die Hohlblocksteine, die extra an glatteren Wänden angebracht wurden.

Protokollant ist Bernd Heuer aus Hangelsberg. Er notiert die Nummer B 97472, die sich am Ring einer Fransenfledermaus findet. "Das ist ein Wiederfund. Wir wissen nur, dass dieser B-Ring vor zehn, 15 Jahren vergeben wurde. Woher die Franse genau kommt, müssen wir in unseren Unterlagen herausfinden oder wir befragen die Beringungszentrale in Dresden", erzählt Lutz Ittermann, der an seinem freien Tag extra aus Fürstenwalde zur Zählung angereist ist.

Die beringten Fledermäuse, zwei sind es am Freitag, werden vermessen und gewogen. Ganze neun Gramm bringt die männliche Fransenfledermaus auf die Waage. Doch die Fachleute sind sich einig: Das Tierchen ist gut in Schuss. Und freuen sich, dass sie ein Großes Mausohr bestimmen können. Das sei schon super.

Über null Grad sind es im Ziegeleiofen. Frostfrei, so Mausohr-Vorsitzender Ronald Tismer aus Berlin, müsse der Winterschlafplatz sein. Die vier Meter dicken Außenwände sind optimal für die kleinen Flattermänner und ihre Schlafbedingungen. Die Mopsfledermaus mag es gern etwas kälter, das Graue Langohr bevorzugt eine trockene Unterkunft, das Braune Langohr gilt als Mittler zwischen feuchter und wärmerer Überwinterung.

Die Fledermäuse sind tolle Überlebenskünstler und clever. Denn im Sommer, so ab August, erzählt Ittermann, fliegen sie mit ihren Jungen die möglichen Winterquartiere ab. Sollte es nämlich in einem zu kalt werden, sprich frieren, dann ziehen sie auch mal mitten im Winter um. Etwa die Mopsfledermaus, die Kälte gut verträgt. Sie gilt auch als diejenige, die weniger Schlaf braucht, während die Mausohren als die Verträumten gelten und recht lange, von Oktober/November bis in den April hinein, in ihrer Schlafstube bleiben.

Nur so drei- bis viermal im Winter wachen die Tierchen auf, um ihr Geschäft zu erledigen. Für jedes Aufwachen verbrauchen sie sehr viel Energie, deshalb auch sind die ehrenamtlichen Fachleute nur einmal pro Jahr im Winterquartier zur Zählung unterwegs. Das sei verträglich. Geweckt werden nur die Beringten.

Fledermäuse sind erstaunlich. Sie passen ihre Körpertemperatur der Umgebung an, die dann bei etwa zwei Grad höher liegt. Ihre Atmung reduzieren sie so rapide, dass sie nur noch alle 60 bis 90 Minuten Luft holen und die Herzfrequenz von 600 Schlägen auf 30 in der Minute reduzieren.

Für Ronald Tismer sind Fledermäuse wichtig für die Artenvielfalt. Denn diese Tiere halten die Natur im Einklang, stürzen sich auf Käfer, die sich massenhaft vermehren, etwa Borkenkäfer. "Auch wenn wir den Ultraschall der Fledermäuse nicht hören, reagiert unser Körper. Natur, das ist ein Sinneserlebnispark", sagt Ronald Tismer.

Die Truppe schließt den Ofen ab und eilt zur nächsten Zählung weiter nach Hennickendorf. In den Hafentunnel eines ehemaligen Kraftwerks.

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