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Mit dem Bilderbuch auf Fantasie-Reise

Sigrid Pätzel ist voll in ihrem Element, wenn sie Kindern vorlesen kann.
Sigrid Pätzel ist voll in ihrem Element, wenn sie Kindern vorlesen kann. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Eva-Martina Weyer / 14.02.2016, 07:50 Uhr
Hohenselchow (MOZ) In manchen Dörfern gibt es Leseomas. Sie kommen in Kindergärten und zaubern eine ganz eigene Atmosphäre in die Gruppenräume. Sigrid Pätzel gehört dazu. Die 76-Jährige liest regelmäßig in der Kita "Sonnenblume" von Hohenselchow vor.

Die Kinder sitzen im Halbkreis, als Sigrid Pätzel das "Pinguinbuch" aus ihrem Leinenbeutel hervorholt. Sie wolle eine Geschichte darüber erzählen, wie wichtig es ist, Freunde zu haben. Erzählen ist bei ihr das rechte Wort. Denn obwohl sie Vorleseoma ist, hat sie bei ihrem Besuch am Freitag vielmehr erzählt. Dabei hat sie immer den Augenkontakt zu den Kindern gesucht.

Manche Mädchen und Jungen sind so früh am Morgen noch verträumt oder verspielt, andere sehr aufmerksam. Mit ihrer Güte gewinnt Sigrid Pätzold alle. "Wenn die Kinder mich angucken, dann merke ich, aha, jetzt hab ich sie. Beim Vorstellen eines Bilderbuches muss man den Text im Kopf haben", weiß Sigrid Pätzel aus langjähriger Vorleseerfahrung. Sie erzählt und blättert um und nimmt die Kinder mit auf die Pinguinreise.

Die Rentnerin hat 40 Jahre als Kinderdiakonin in einem evangelischen Kindergarten von Greifswald gearbeitet. "In der Ausbildung hieß es die ersten zwei Jahre: diene und lerne. Ich habe schnell meine Gabe entdeckt, dass ich mit Kindern gut kann", sagt Sigrid Pätzel. Der Beruf der Kinderdiakonin war in der DDR nicht anerkannt. Erst nach der Wende konnte Sigrid Pätzel ihre Zeugnisse einreichen. Jetzt waren ihre Abschlüsse etwas wert und sie wurde gerecht bezahlt. Im Ruhestand ist die Erzieherin nach Hohenselchow in ihr Elternhaus zurückgekehrt. "Ich habe 40 Jahre lang gearbeitet ohne zu schimpfen, nur mit Liebe. Mein Ausgangspunkt war immer die Musik", sagt die Vorleseoma, die mit den Kita-Kindern in Hohenselchow auch gerne singt. Irgendwie war klar, dass sie trotz Rentnerdasein den Kontakt zu Kindern hält.

Einmal war sie in die 6. Klasse der Grundschule Casekow eingeladen. Sie sollte als Zeitzeugin über den Zweiten Weltkrieg berichten. "In dieser Klasse gab es Jungs, die waren schon größer als ich. Aber alle haben mir gerne zugehört", erzählt Sigrid Pätzel. Sie hatte ihr Einschulungsfoto von 1947 dabei. "Wir Schüler standen barfuß auf der Schultreppe von Gartz. Keiner von uns hatte eine Schultüte im Arm. Dieses Bild hat die Casekower Kinder sehr bewegt."

Aus dieser Begegnung in der Grundschule ist die Idee entstanden, in der Kita Hohenselchow vorzulesen. "Meine Gaben und Talente, die ich als Kinderdiakonin erworben habe, gehen nicht mehr aus meinem Kopf, deshalb fällt es mir leicht, vorzulesen."

Sigrid Pätzel muss wegen einer Krankheit an einer Krücke laufen. Die Kita-Kinder wissen das und gehen deshalb besonders behutsam mit ihrer Leseoma um. Wenn sie am Ende der Vorlesezeit ein Lied in den CD-Player steckt, ermuntert sie die Mädchen und Jungen zum Tanzen und macht ganz selbstverständlich auch noch mit.

Erzieherin zu sein war für sie die Lebenserfüllung. Die Begabung für diesen Beruf hat sie wohl an ihre Tochter Madlen Puckelwaldt vererbt. Sie ist die Leiterin der Kita Hohenselchow und weiß, warum eine Vorleseoma so gut tut: "Es ist eine schöne Sache, wenn nicht nur die Erzieher etwas für die Kinder machen. Nicht alle Kinder haben eine Oma in der Nähe. Wenn dann ein Älterer in unsere Kita kommt, dann spüren die Kinder ganz genau den Unterschied zwischen uns und dem Besuch. Sie sind neugierig und sehr höflich", erzählt Madlen Puckelwaldt.

Warum ist Vorlesen so wichtig? "Beim Vorlesen lernen die Kinder das Zuhören und sie lernen das Nacherzählen. Immer wieder sehen wir, dass Kinder keine Überschüttung mit Reizen brauchen", sagt Madlen Puckelwaldt. Ihre Mutter, mit der sie heute noch manchmal in einen fachlichen Austausch tritt, ergänzt: "Vorlesen ist so viel entspannender als Fernsehen. Der Kontakt zum eigenen Kind ist viel besser, wenn man jeden Abend das Vorlesen zum Ritual macht. Das Kind wird ruhiger und weiß, bald wird geschlafen."

Die Vorlesezeit in Hohenselchow ist vorbei. Jedes Kind möchte sich mit Handschlag von der Leseoma verabschieden.

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