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Gescheiterte Selbstmordversuche im Mai 1945

Burghard Zacharias mit der nächsten überarbeiteten Ausgabe von "Mitten am Rande".
Burghard Zacharias mit der nächsten überarbeiteten Ausgabe von "Mitten am Rande". © Foto: MZV/Wernitz
Rene Wernitz / 01.04.2016, 09:31 Uhr
Gülpe (MOZ) Dr. Burghard Zacharias trägt eine Erinnerung an die letzten Kriegstage stets mit sich. Der studierte Mathematiker und promovierte Informatiker hat eine feine längliche Narbe am linken Handgelenk. Der Versuch seiner Mutter, ihm die Pulsader zu durchschneiden, war misslungen. Auch der Selbstmordversuch der Mutter misslang, da sie zum Glück nicht tief genug geschnitten hatte. Nur die Großmutter erlitt erheblichen Blutverlust, von dem sie sich erst lange nach Kriegsende allmählich erholte. Laut Zacharias, der 1941 in Gülpe per Hausgeburt zur Welt gekommen war, starb niemand aus der Familie in den ersten Maitagen des Jahres 1945.

Es waren keine sowjetischen Soldaten gewesen, die Gülpe besetzten. Die Furcht vor ihnen muss auch dort groß gewesen sein, wie es sich aus dem Büchlein "Mitten am Rande" herausliest. Es beruht auf den Erinnerungen von Burghards Mutter, Luise Zacharias. So mancher habe gehofft, dass die Weltgeschichte um diesen unbedeutenden Ort einen Bogen macht, wie es dort steht. "Nach Gülpe führt eine Straße, aber dann ist Schluss. Wer weiter will, muss über die Havel, und da gibt es keine Brücke."

Die Soldaten, die am 2./3. Mai 1945 Gülpe umstellten, um einzumarschieren, waren Polen. Jurek Spiewaskowsky hatte das nicht mehr miterleben können. Laut Angaben im Buch hatten er und andere Kriegsgefangene im März Schnaps gebrannt, den sie in Vorfreude auf die erhoffte baldige Befreiung tranken. Jurek Spiewaskowsky soll an Alkoholvergiftung gestorben sein. In Gülpe erinnert ein Grabstein an ihn. Auf diesem steht auch der Name Wassil Orligk. Er hätte bei einem Bauern gearbeitet und sei im Dezember 1944 erhängt aufgefunden worden, wie es im Buch heißt. "Was dem voraus gegangen ist, ist nie bekannt geworden".

Insgesamt sollen auf den Bauernhöfen und bei den Handwerkern in Gülpe im April 1945 bis zu 20 Kriegsgefangene sowie mehr als 20 Fremdarbeiter, Männer und Frauen, gearbeitet haben. Einige Frauen seien mit ihren Kindern dort gewesen. Bei Bäckerfamilie Zacharias, Mann im Haus war Burghards Großvater, da der Vater in Werder/Havel auf einem Militärflugplatz seinen Dienst versah, war von 1943 bis 1944 ein Franzose tätig gewesen. Beim Fischer auf dem Gahlberg soll ein etwa 18-jähriges, "dienstverpflichtetes Mädchen" aus der Ukraine gearbeitet haben. "Die Fischerfamilie ist kinderlos und nimmt das Mädchen wie ein eigenes Kind auf".

Derweil soll es sich beim Schmied um einen "sehr grobschlächtigen Mann" gehandelt haben, "der die Fremdarbeiter, die direkt beim ihm arbeiten wie auch die, die Aufträge von Bauern zu ihm bringen, bei kleinsten Fehlern, die sie machen, grob misshandelt".

Luise Zacharias weiter: "Wie ich später erfuhr, hat er einmal Leute, die ein Pferd beim Beschlagen festhalten sollten und das nicht ordentlich taten, brutal geschlagen und getreten".

Dieser Schmied fand ein grausames Ende. Laut den Erinnerungen von Dr. Gudrun Auert, die das Buch ergänzen, soll der Schmied gefesselt durchs Dorf getrieben worden sein. Am nächsten Tag fanden Kinder den kopflosen Körper an den Füßen in einem Baum aufgehängt. Neben dem Kopf lagen die Augen.

Weitere Menschen starben in Gülpe oder wurden Opfer von Übergriffen. Zudem kehrten von 33 Männern nur 14 aus dem Krieg heim.

Die Frauen der Bäckerfamilie Zacharias und Burghard, die wegen Fehlschnitten an den Handgelenken nicht gestorben waren, hatten Glück. Und noch mehr als eines Tages Burghards Vater völlig überraschend im Hof stand - mit einer geradezu aberwitzigen Fluchtgeschichte. Denn der vormals auf dem Militärflugplatz in Werder/Havel tätige Harry Zacharias war mit anderen in Gefangenschaft geraten und am 6. Mai in ein Lager nach Berlin-Spandau gebracht worden, dessen vorherige Insassen am Tag davor in die Sowjetunion transportiert wurden. Harry Zacharias erlebte den 8. Mai 1945 in diesem Lager und wie sich die Rotarmisten betranken. Als niemand mehr Wache hielt, machten sich die Gefangenen aus dem Staub.

Auch Zacharias hatte nur einen Wehrausweis. Jederzeit konnte er wieder in Kriegsgefangenschaft geraten. Die Besatzer fahndeten überall nach versprengten Soldaten - auch in Gülpe. Doch Harry Zacharias hatte nochmals großes Glück, als er Wochen später aufgefordert wurde, in der Kommandantur in Rhinow zu erscheinen. Er sollte sich dort ausweisen. Er nahm eine Urkunde mit, die den Erwerb des Reichssportabzeichens dokumentierte. Kurz vor Eintreffen in Rhinow wurde der Dolmetscher zum Kirschenpflücken beordert. Der Kommandant, der kein Deutsch konnte, akzeptierte die Urkunde als Ausweis.

Inzwischen waren die polnischen Einheiten längst abgezogen und die sowjetischen hatten auch in Gülpe das Sagen. Nach zahlreichen Tragödien im Dorf normalisierte sich dort allmählich das Leben. Aus der Ehe von Luise Zacharias und ihrem Ehemann Harry, sie hatten 1939 geheiratet, gingen zwei Kinder hervor. Harry war als Elektromeister tätig. Luise stand ihm als Hausfrau zur Seite, übernahm allerlei Büroarbeiten. Von 1961 bis 1984 war sie im Gülper Gemeindebüro als Sachbearbeiterin tätig.

Sie war 90, als 2008 ihre Erinnerungen in gebundener Form erschienen. Dafür hatte ihr Sohn gesorgt. 2009 kam eine überarbeitete Auflage heraus, nun die nächste, die um die Erinnerungen von Gudrun Auert ergänzt ist. Luise Zacharias war nach einem langen Leben im April 2009 gestorben.

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