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1986 vom Westen in den Osten gegangen

Mitten in ihrem Zuhause: Ingeborg und Werner Künz hinter dem Tresen ihrer Kneipe "Zum Anker".
Mitten in ihrem Zuhause: Ingeborg und Werner Künz hinter dem Tresen ihrer Kneipe "Zum Anker". © Foto: Sandra Jütte/OGA
Sandra Jütte / 02.04.2016, 02:32 Uhr
Malz (OGA) Der Spiegel bezeichnete Ingeborg und Werner Künz 1988 als "deutsch-deutsches Weltwunder". Zwei Jahre zuvor war das Ehepaar vom hessischen Zwingenberg im Westen in den Osten immigriert. Der Grund für die ungewöhnliche Übersiedelung war das Erbe der Kneipe "Zum Anker" in Malz. "Das war schon immer meine Heimat", sagt Ingeborg Künz. Die gebürtige Malzerin ist in der Gaststätte, die damals von Großmutter und Tante betrieben wurde, groß geworden. Seit mindestens 140 Jahren ist diese im Familienbesitz. Erste Aufzeichnungen über einen Anbau stammen aus dem Jahr 1876. Als ihre Tante Alicia Koch Mitte der 80er-Jahre verstarb, war es deshalb für sie keine große Überlegung, zurück kehren.

Mit 17 hatte Ingeborg Künz ihre Heimat verlassen. 1956 war sie ihrer Mutter gefolgt, die zwei Jahre zuvor in den Westen nach Osterfeld geflohen war. Später zog sie ins hessische Zwingenberg. Dort verliebte sie sich in Werner, den sie bei der Arbeit kennengelernt hatte. 1959 heirateten die beiden, kurz darauf wurde der erste Sohn Jörg geboren. Es folgten Bernd und Udo. Zwei bis drei Mal im Jahr besuchte die Familie die Tante in Malz. Anfangs durfte Ingeborg Künz nicht mit, ihr Mann musste mit dem Jüngsten alleine fahren. "Wir kamen mit dem Zug in der Friedrichstraße an. Draußen standen hunderte Menschen, die auf ihre Angehörigen warteten", erinnert er sich.

Im Laufe der Jahre wurde die Familie zunehmend Teil des ostdeutschen Dorfes. "Die Leute fragten uns, wann wir endlich herkommen würden", erzählt Ingeborg Künz. "Und auch unser Jüngster Udo wollte hierher. Hier gab es mehr Platz und die schöne Natur." Nach einer Anfrage bei der ständigen Vertretung der DDR in Bonn fuhren Ingeborg und Werner Künz am 1. Juli 1986 mit ihm und den zwei Familienautos zur Grenze. Die beiden älteren Söhne, damals 25 und 23, blieben in Zwingenberg. Sechs Wochen musste die Familie im Aufnahmelager Zepernick ausharren, dann bekamen sie die DDR-Staatsbürgerschaft. "Das war schlimm", sagt sie über die Zeit im Lager. "Ich musste meinen Mann überzeugen, nicht wieder umzukehren". Die Wärter begegneten ihnen mit Misstrauen. Später fand Ingeborg Künz im Bundesamt für Stasi-Unterlagen heraus, dass sie und ihr Mann zu DDR-Zeiten von Gästen der Kneipe bespitzelt wurden.

Trotz des holprigen Starts hat das Ehepaar die Entscheidung aber nie bereut. "Wir haben uns durchgesetzt", betont die 76-Jährige. Sie erkämpften sich das Recht, als Familie in den Westen reisen zu dürfen. Sohn Udo lebte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Schule gut ein. Nach der Übernahme renovierte das Paar die Gaststätte und die anliegenden Fremdenzimmer, zog selbst in die Wohnung über der Kneipe. Einige Baustoffe wie das Parkett brachten sie aus dem Westen mit. "Es gab kein richtiges Bad. Das habe ich mit den Nachbarn eingebaut. Man hat sich gegenseitig geholfen, das hat zusammengeschweißt", erzählt der heute 77-jährige Werner Künz. Im Weinzimmer der Gaststätte verlegten sie dieselben braunen Fliesen wie im Palast der Republik.

Die Geschäfte liefen gut, 1995 errichtete das Ehepaar im Hinterhof ein weiteres Haus mit drei modernen Ferienwohnungen, die sie bis heute an Gäste wie Fahrradausflügler vermieten. Bei großen Veranstaltungen helfen die Söhne Udo und Bernd mit, die mittlerweile beide in Malz leben. Wenn es nach Ingeborg und Werner Künz geht, soll der "Anker" noch lange in Familienbesitz bleiben. "Zumindest solange, wie wir noch leben", sagt sie bestimmt.

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