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Die Groß-Ziethener Petra Kleinke und Jan Rase haben ein kurdisches Paar aus Syrien aufgenommen

Vier Musiker unter einem Dach

Musik verbindet: Jan Rase am Klavier, Petra Kleinert an der Gitarre, Sängerin Lava Muslem und Bashar Ismail an der Oud, einer arabischen Laute.
Musik verbindet: Jan Rase am Klavier, Petra Kleinert an der Gitarre, Sängerin Lava Muslem und Bashar Ismail an der Oud, einer arabischen Laute. © Foto: MZV
Robby Kupfer / 07.04.2016, 09:00 Uhr
Groß-Ziethen (OGA) Als der syrische Kurde Bashar Ismail nach dramatischer Flucht und zweimonatiger Odyssee entlang der Balkanroute im September 2015 in Deutschland ankam, äußerte er den Wunsch, nach Bonn weiterreisen zu dürfen. Einziger Grund: Weil das doch schließlich die Geburtsstadt Beethovens sei.

Inzwischen leben Bashar Ismail und seine Ehefrau Lava Muslem, auch sie Musikerin, nicht in der ehemaligen bundesdeutschen Hauptstadt, sondern in Groß-Ziethen. Dass sie dort ein Dach über dem Kopf und beinahe schon eine neue Heimat gefunden haben, hat tatsächlich mit Musik, wenn auch nichts mit Beethoven zu tun.

Die beiden wohnen seit Anfang des Jahres im Haus der Musiker Petra Kleinke und Jan Rase. Sie haben dort zunächst vor allem Ruhe nach ihrer aufreibenden, nur getrennt geglückten Flucht gefunden. Doch darüber hinaus sind - wie könnte es bei vier Musikern unter einem Dach anders sein - bereits gemeinsame künstlerische Projekte entstanden.

Es gibt erste Songs, die in Jan Rases Groß-Ziethener Studio aufgenommen wurden, und es gab erste gemeinsame Auftritte, unter anderem bei Kremmener Stadtempfang Anfang März. Sogar einen eigenen youtube-Kanal haben die vier inzwischen eingerichtet. Unter dem Stichwort "yalandjee" stößt man dort auf mehrere Videos, unter anderem eines zu dem von Lava auf Arabisch gesungenen Lied "An alle, die vor dem Krieg fliehen". Der eingängige Song und das ergreifende Video sind nicht nur von hoher künstlerischer Qualität. Der Zusammenschnitt von aktuellen Aufnahmen aus dem Studio in Groß-Ziethen, gemixt mit Bildern zerstörter syrischer Städte und gekenterter Füchtlingsboote, wirkt wie eine Zusammenfassung der Lebensumstände von Lava Muslem und Bashar Ismail in den vergangenen Monaten.

Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte sich beide dazu durchgerungen, aus ihrer nahezu völlig zerstörten Heimatstadt Aleppo in die Türkei zu fliehen. Ursprünglich hatten sie gehofft, dort das Ende des Kriegs abwarten zu können. "Doch die Situation war aussichtslos, wir fanden keine Arbeit und keine menschenwürdige Unterkunft", so Ismail. Also beschlossen beide, dass er versuchen sollte, nach Europa, wenn möglich nach Deutschland zu kommen. Im Juni stieg Ismail zusammen mit 16 Flüchtlingen an der türkischen Küste in ein winziges Schlauchboot. "Drei Stunden dauerte die nächtliche Überfahrt nach Kos, unser Boot lag so tief im Wasser, dass wir fast gekentert sind", erinnert er sich. Über Mazedonien, Serbien und Ungarn schafft er es bis München. Dort erfährt er, dass es anderthalb Jahre dauern werde, um seine Frau legal nach Deutschland zu holen. Also beschließen beide schweren Herzens, dass auch sie sich Schleppern anvertrauen soll.

Erst Ende September, im Eisenhüttenstädter Erstaufnahmelager, kann das Paar sich wieder in den Armen halten. "Ich habe ihn geweckt, er schlief in einem der Zelte", erinnert sie sich. "Ich habe gedacht, ich träume noch, als ich sie wiedersah", berichtet er mit einem Lächeln. Von Eisenhüttenstadt kommt das Paar nach Kremmen. Durch Edith Freifrau von Thüngen von der Willkommensinitiative "Hilfe mit Plan" erfahren Petra Kleinert und Jan Rase, dass es ein Musiker-Ehepaar im Flüchtlingsheim geben soll. "Wir haben die beiden einfach zu einem Essen zu uns nach Hause eingeladen", erinnert sich Petra Kleinert. "Die Chemie unter uns vieren hat vom ersten Moment an gepasst", ergänzt ihr Ehemann. Daher habe man auch nicht lange für den Entschluss gebraucht, im kleinen Haus an der Alten Dorfstraße ein Zimmer freizuräumen und die beiden nach Groß-Ziethen zu holen. "Vielleicht klingt es übertrieben, aber für uns vier ist es wirklich einfach, zusammen zu leben", betont Rase. Da beide Syrer sehr gut englisch sprechen, gibt es auch wenig sprachliche Probleme. Außerdem versuchen die Neu-Groß-Ziethener, so schnell wie möglich deutsch zu lernen. Dabei hilft, neben den Sprachkursen in Kremmen, auch das gemeinsame Muszieren. "Und das Kochen", ergänzt Lava Muslem. Als Dankeschön für das Kennenlern-Essen kochte sie nach ihrem Einzug ins Musikerhaus Malochia, ein typisch syrisches Gericht mit Gemüse und Fleisch. "Es war wirklich sehr lecker", so Jan Rase schmunzelnd. Seine Frau lacht: "Lava konnte ja nicht wissen, dass wir Vegetarier sind. Aber wir haben uns nichts anmerken lassen, so streng sehen wir das nun auch wieder nicht."

Wesentlichere Differenzen, allerdings zwischen den beiden Syrern, offenbar sich, wenn sie über ihre Zukunft nachdenken. Bashar Ismail schließt eine Rückkehr nach Syrien kategorisch aus. Zu tief sitzen seine Traumata, von Schlägen, die er bei Polizei und Behörden bezog, aber auch von einer versuchten Zwangsrekrutierung: "Ich will nicht schießen, ich will Musik machen". Lava Muslem dagegen quält das Heimweh sehr oft. "Manchmal kann ich stundenlang nicht reden, muss ständig an Freunde und Familie denken, höre syrische Musik, weine." Das Songschreiben und Musizieren helfe ihr aus solchen Tiefs. Und die Hoffnung auf eine eigene Wohnung in Kremmen. "Dann können wir Jan und Petra endlich auch einmal zu uns einladen."

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