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Geschichte statt Fußball

Gab Einblicke in die Geschichte der Menschheit: Ralph Herforth las in der Fachwerkkirche in Linde.
Gab Einblicke in die Geschichte der Menschheit: Ralph Herforth las in der Fachwerkkirche in Linde. © Foto: MZV
Aileen Hohnstein / 20.06.2016, 08:35 Uhr
Linde (GZ) Wer am Sonnabend einen Ort abseits des Fußball-Furors suchte, der war in der kleinen Fachwerkkirche in Linde genau richtig. Dort bot der Verrein Kulturleben Linde ein Kontrastprogramm zur Europameisterschaft: Schauspieler Ralph Herforth las aus Alexander von Schönburgs Buch "Weltgeschichte to go".

Bevor die Lesung begann, herrschte allgemeine Unruhe. Es wurden geeignete Sitzplätze gesucht, es wurde getuschelt: "Spielt der nicht in dieser Serie da mit?" Eine Frau verkündete: "Ich bin mit ihm befreundet, schon seit Jahren". Andere bewunderten die ehemalige Kirche, die mit ihrer blauen Decke und den zahlreichen ausgestellten Kunstwerken etliche Blickfänge bot.

Als Ralph Herforth schließlich zum Tisch samt Leselampe ging, wurde es schlagartig mucksmäuschenstill. Doch der Schauspieler lockerte die Stimmung gleich auf und hob bewundernd eine winzige Vase hoch, in der bunte Blümchen steckten. Ein elfjähriges Mädchen hatte den Tisch damit dekoriert - und Herforth freute sich über die nette Geste, wie er sagte. Bevor er schließlich mit der Lesung begann, sprach er noch eine kleine Warnung aus: "Ich war selber mal bei einer Lesung von Alexander von Schönburg. So locker wie er werde ich es nicht schaffen." Unkonventionell wolle er seine ausgewählten Artikel lesen, versprach Herforth.

Dann tauchte er schon ein in die Menschheitsgeschichte, die mit dem Affen begann und mit Facebookaffinen Menschen endet. Von kognitiver Revolution war die Rede, Abstecher in die Wissenschaft gab es genauso wie philosophische Abschweifungen. Alexander von Schönburg umreißt mit seinem Taschenbuch die Geschichte der Zivilisation kurz und knackig, will zum Nachdenken anregen und krönt die Kapitel mit prägnanten Überschriften. Wie zum Beispiel: Warum ein Held kein Arschloch sein darf. "Ich fand die Überschrift schon geil, deshalb habe ich das Kapitel ausgesucht", begründete Herforth die Auswahl mit einem Lachen.

Unkonventionell war die Lesung tatsächlich. Ab und an fragte Ralph Herforth sein Publikum, ob er die Worte überhaupt richtig vorlese. Wies mit den Worten "Da war ich sehr erstaunt, als ich das gelesen habe" auf eine Stelle hin, die er vorlesen wird und gab ein erleichtertes "Jetzt hab ich's" von sich, als er endlich die Zeile wiedergefunden hatte, die ihm zuvor abhanden gekommen war.

Wie die Geschichtsstunde am Abend beim Publikum ankam, ist schwer zu sagen. Einige Männer guckten immer mal wieder unauffällig auf ihre Uhren, andere atmeten hörbar tief ein, wieder andere Zuhörer nickten zustimmend zu vorgelesenen Passagen. Nach der Pause fanden nicht mehr alle zu ihren Plätzen, doch Ralph Herforth wusste flapsig zu beruhigen: "Der zweite Teil geht jetzt nicht mehr so lang."

Nach gut anderthalb Stunden beendete Herforth die Lesung mit "Das war's" und wollte schon schnell die Kirche verlassen - bis ihn eine Frau nach Autogrammkarten fragte. "Ich hab so was nicht", meinte Herforth bloß, nahm aber bereitwillig wieder am Tisch Platz, um Veranstaltungsflyer und Bücher zu unterschreiben.

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