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Antiklopfmittel aus Döberitz

Wegen der hochgiftigen Bleiverbindungen musste in der Tetraethylbleianlage unter Schutzkleidung gearbeitet werden.
Wegen der hochgiftigen Bleiverbindungen musste in der Tetraethylbleianlage unter Schutzkleidung gearbeitet werden. © Foto: Archiv CFW
Jürgen Mai / 03.08.2016, 17:10 Uhr
Döberitz (MOZ) Mit der zunehmender Motorisierung wuchs Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts der Bedarf an Hochleistungskraftstoffen. Vor allem für Flugzeugbenzine, und hier zunehmend für militärische Zwecke, wurden hohe Anforderungen gestellt. Durch Zusatz von Antiklopfmitteln sollte die Klopffestigkeit der Otto-Motoren gewährleistet werden. Besonders bewährt hatte sich der Zusatz von Tetraethylblei (engl.: tetra ethyl lead / TEL), dessen Wirkung als Antiklopfmittel 1921 in den USA durch Thomas Midgley entdeckt wurde. Die Patentrechte wurden in den USA durch die 1924 gegründete Ethyl Gasoline Corporation vertreten.

In Deutschland wurde nach 1933 der Aufbau der Luftfahrtindustrie und der Luftwaffe vorangetrieben. Die I.G. Farben wurden beauftragt, die Beschaffung von TEL zu sichern. Da die Interessen der I.G. Farben seit den zwanziger Jahren mit US-Firmen verflochten waren, erteilte die Ethyl Gasoline Co. der I.G. Farben 1935 die Lizenz zum Bau von TEL-Anlagen.

Im Werk Döberitz-Gapel, das 1917 als Rüstungsbetrieb gegründet wurde und 1926 an die I.G Farben überging, wurde bereits ab 1935 mit dem Bau einer Anlage für eine Kapazität von 1.200 Tonnen TEL pro Jahr begonnen. Am 11. März 1936 gingen zwei Autoklaven-Systeme in Betrieb, im April 1938 zwei weitere Systeme. Am Gewinn waren die US-Firmen General Motors und Standard Oil mit jeweils 25 Prozent und die I.G. Farben mit 50 Prozent beteiligt.

Wahrscheinlich waren diese Gewinninteressen ein Grund dafür, dass die Döberitzer Anlage nicht auf die Ziellisten der alliierten Bomberflotten kam. In gleicher Weise blieb die zweite deutsche TEL-Anlage in Frose bei Aschersleben verschont. Mit Zerstörung der TEL-Produktion wäre die deutsche Luftwaffe nicht mehr einsatzfähig gewesen. Am 18. April 1944 zerstreute sich bei schlechter Wetterlage ein Luftangriff auf die Flugzeugwerke in Brandenburg und Rathenow. Dabei wurden einige Bomben auf ungeplante Gelegenheitsziele, unter anderem das Döberitzer Werk, abgeworfen. Es entstand nur geringer Schaden.

Im Mai 1945 wurde das Werk durch die Rote Armee besetzt. Bereits am 25. Mai 1945 nahm die TEL-Anlage unter sowjetischer Leitung die Produktion wieder auf. Sie lief bis August. Dann begannen Demontage und Abtransport der Ausrüstungen zum sowjetischen Chemie-Kombinat Dsershinsk.

In der DDR wurde Benzin zunächst vor allem aus der Kohlehydrierung und der Verarbeitung von Schwelteeren erzeugt. Eine Qualitätsverbesserung war nur durch TEL-Zusatz möglich.Im sogenannten "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW) wurde 1953 empfohlen, im Standort Döberitz wieder eine TEL-Anlage zu errichten. Der zum Teil auf den noch vorhandenen Fundamenten der demontierten Anlage erbaute TEL-Betrieb, allgemein als "Bleitetra" bezeichnet, nahm im Februar 1959 die Produktion auf.

Die Anlage war für 1.200 Tonnen TEL pro Jahr konzipiert und erreichte durch Prozessoptimierungen im Laufe der Jahre das Fünffache der anfangs geplanten Leistung.

Dem hochgiftigen Benzinzusatzstoff TEL wurden Dibromethan und Dichlorethan zugesetzt, um Ablagerungen von Blei und Bleioxid im Motor zu vermeiden. Dadurch wurde das Blei zwar aus dem Motor ausgetragen, gelangte aber direkt in die Umwelt. Dieses Gemisch wird als Tetraethylbleifluid oder Novoktan bezeichnet.

1990 wurde die Döberitzer TEL-Anlage privatisiert. Weltweit wurde in den meisten Ländern nach und nach verbleites Benzin aus dem Verkehr gezogen.

In Döberitz wurde die Produktion am 31. März 2002 eingestellt. Damit endete die Geschichte von "Bleitetra" in Deutschland, wo sie 66 Jahre zurück, 1936, begonnen hatte.

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