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Auf einem Spaziergang durch Eichhorst können Besucher ganz unterschiedliche Entdeckungen machen

Alte Häuser und junges Gemüse

Simon Rayß / 18.08.2016, 05:15 Uhr
Eichhorst (MOZ) Askanierturm, Schleuse, Werbellinsee: Eichhorst hat Publikumsmagneten zu bieten. Die Gaststätten-Dichte ist für ein 450-Seelen-Dorf ebenfalls beträchtlich. Dennoch kann eine Entdeckungstour abseits bekannter Pfade auch zu ganz anderen Sehenswürdigkeiten führen.

Majestätisch steht die Eiche am Ufer des Werbellinkanals. Die Äste laden weit aus, der Stamm ist dick und knorrig und sogar noch vier Meter länger, als es den Anschein hat. Schließlich ist das Erdreich um ihn herum beim Bau der benachbarten Brücke aufgeschüttet worden. Doch die Eiche gibt es schon weit länger als die Brücke, länger auch als den Kanal. Geschätzt wird ihr Alter auf mehr als 600 Jahre.

Kein Wunder also, dass sie 1878 Pate gestanden hat, als die umliegende Ortschaft ihren jetzigen Namen bekommen hat: Eichhorst. Kein Wunder auch, dass der Spaziergang durchs Dorf, den die MOZ mit Ortsvorsteher Wulf Gärtner unternimmt, an dieser Stelle beginnt. Gärtner wählt den Weg entlang des Werbellinkanals - nicht hinauf zur Schleuse, die auch an diesem Sommertag pickepacke-voll ist. Auch nicht in Richtung Werbellinsee, der das Dorf bei Touristen so beliebt macht. "An Wochenenden bei schönem Wetter parken sie uns den Ort zu", sagt Gärtner.

Nein, der Ortsvorsteher geht Richtung Buchholzgarten, einem "Ruhepol", wie er ihn nennt. "Das ist noch ein bisschen dörfliche Idylle hier." Zwischen hübschen Häusern und Waldessaum erstrecken sich grüne Wiesen, Pferde stehen in der Sonne, Schafe blöken vor sich hin. "Es gab mal den Plan, hier 40 Eigenheime hinzubauen", sagt Wulf Gärtner, "aber die Alteingesessenen wollten das nicht."

Dabei ist der Impuls, neues Bauland in Eichhorst zu schaffen, nicht ganz abwegig. "Wir haben keine Möglichkeit, nach außen zu wachsen", berichtet er. "Das ist unser großes Problem." Schuld ist die Gemarkung, die dem Schorfheider Ortsteil keine Chance auf Expansion lässt. Für den Ortsvorsteher ist das kein Beinbruch: "Wir waren immer zwischen 400 und 500 Einwohner, mehr werden es nicht, mehr sollen es auch nicht werden", erklärt Wulf Gärtner, der in Finowfurt geboren wurde und sein ganzes Leben in Eichhorst verbracht hat. Er konstatiert aber auch: "Die Älteren überwiegen hier."

Zur jüngeren Fraktion gehört das Unternehmerpaar, das sich im Buchholzgarten angesiedelt hat. Enikö Takács und Tino Schulz, beide 34 Jahre alt, bauen dort für ihre Gärtnerei "Biobewusst" 20 verschiedene Kulturen an. "Die ganze Gemüsepalette", wie Schulz erklärt, "von Aubergine bis Zucchini." Auch historische Sorten gehören dazu, wie die Schlesische Himbeere, eine Tomate mit rosafarbenem Fleisch.

Vor vier Jahren ist Schulz, der in der Joachimsthaler Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" groß geworden ist, nach Eichhorst gezogen, auf das frühere Grundstück seines Urgroßvaters. Für ihn und seine Partnerin war es damals ein Wechsel aus der Großstadt Berlin, ihrem Ausbildungs- und Studienort, aufs Dorf. Ein Schritt, den sie nicht bereuen: "Alle waren ganz aufgeschlossen und freundlich", sagt Schulz. Enikö Takács, eine gebürtige Eberswalderin, ergänzt: "Ich würde jederzeit wieder nach Eichhorst kommen."

Ebenfalls am Rand des Buchholzgartens zu Hause ist Erwin Meierholz. Allerdings ungleich länger: Der frühere Abschnittsbevollmächtigte wohnt seit 1960 in einem reetgedeckten Fachwerkhaus in der Schulstraße. "1937 wurde es für die Gendarmerie gebaut", erklärt er. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe dort der Rat der Gemeinde seinen Sitz gehabt. 1987 hat Meierholz ihr das Haus abgekauft. "Ich war der letzte Polizist, der hier untergebracht gewesen ist", berichtet er.

Von der Schulstraße schlägt Wulf Gärtner einen heckenumstandenen Seitenweg ein, den Schmalen Gang. Es geht am Wasserwerk vorbei zur Straße zur Schorfheide - und zu Margarete Gartz, die die 82 Jahre ihres bisherigen Lebens in Eichhorst verbracht hat. "Unser Ort ist nicht zu verachten", sagt sie. "Es ist schön ruhig hier und gibt kein Gezanke." In der Nachbarschaft helfe einer dem anderen.

Also lebt sie weiter in Eichhorst, auch nach dem Tod ihres Mannes Gerhard vor drei Jahren. Gesellschaft leisten Margarete Gartz ihre zehn Hühner, zwei Katzen und ein "schön wachsamer" Schäferhund, wie sie sagt. Wenn sie einmal raus will, greift sie zu ihrem 41 Jahre alten Drahtesel. "Ich bin stolze Radfahrerin", erklärt sie. Und so weit weg will Margarete Gartz ja auch gar nicht fahren: "Ich möchte meinen Heimatort nicht mehr verlassen", sagt sie.

Von ihrem Haus ist es nicht weit zur alten Eiche, dem Ausgangspunkt des Rundgangs. Wulf Gärtner wählt eine Abkürzung über den Friedhof, vorbei an einem kleinen hölzernen Glockenturm. Die Glocke wird noch von Hand geläutet - und zwar vom Ortsvorsteher selbst. Wenn die Sterbeglocke ertöne, wüssten die Alteingesessenen, was das bedeutet, sagt Gärtner. "Wir achten noch auf Tradition." Manche Dinge sollten schließlich erhalten bleiben. Seinen Nachfolger für den Dienst an der Glocke hat der Ortsvorsteher bereits ausgebildet.

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