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Milchbauern der Region leiden unter niedrigen Preisen / Wege aus der Krise sind nur schwer zu finden

"Eine ganz verfahrene Kiste"

Es ist angezapft: Die rund 400 Milchkühe der Agrar-GmbH Lichterfelde-Golzow geben im Jahr rund drei Millionen Liter Rohmilch.
Es ist angezapft: Die rund 400 Milchkühe der Agrar-GmbH Lichterfelde-Golzow geben im Jahr rund drei Millionen Liter Rohmilch. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Simon Rayß / 24.08.2016, 05:15 Uhr
Golzow (MOZ) Angesichts der niedrigen Milchpreise satteln immer mehr Landwirte um. Doch für die Bauern der Region bleibt es die allerletzte Option, ihre Milchkühe abzugeben. Sie kämpfen weiter ums Überleben und hoffen auf eine Trendwende. Manch einer sieht diese sogar schon gekommen.

"Sehr schlecht", "existenzbedrohlich", "eine Katastrophe" - so beschreibt Horst Meyer die Entwicklung der Milchpreise in den vergangenen zwei Jahren. Im März 2014 hat sein Unternehmen, die Agrar-GmbH Lichterfelde-Golzow, einen Basispreis von 38 Cent pro Liter bekommen. Im Juni 2016 sind es noch ganze 18 Cent gewesen. "Wir bräuchten mindestens das Doppelte, um ökonomisch wirtschaften zu können", sagt Meyer.

Doch umzusatteln, kommt für ihn nicht in Frage. "Es sind Investitionen getätigt worden", sagt er. "Da hängen auch Arbeitskräfte dran." Bisher hält sich der Betrieb durch die Rinder- und Schweinemast für die hauseigene Fleischerei über Wasser. "Wir wollen dieses Tal durchstehen", erklärt Horst Meyer, der den Betrieb seit 1991 führt. "Wir haben schon einige Tiefen durchgemacht, aber die ist jetzt die krasseste." Wie es dazu kommen konnte? Das kann Meyer auch nicht sagen. "Die Politik begründet es mit einem Überangebot an Milch." Er persönlich glaube das aber nicht.

Der Chef eines Schorfheider Milchviehbetriebs, der den Namen des Unternehmens aber nicht in der Zeitung lesen will, sieht das genauso: "Ich habe in meinem Leben noch kein Überangebot gesehen", erklärt er. Der springende Punkt sei die Preisabsprache zwischen den großen Handelsketten. "Da wird viel kaputt gemacht." So seien Butter und Käse zuletzt 30 Cent teurer geworden. "Aber davon kommt nichts an beim Erzeuger."

Der Sprecher des Bundeskartellamts mahnt derweil zur Vorsicht: "Das hat nichts mit Preisabsprachen zu tun", sagt Kay Weidner. Die seien schlichtweg nicht nötig: "Es gibt vier große Ketten, die 85 Prozent des Marktes abdecken." Die hätten eine Übermacht in der Verhandlungssituation mit den Molkereien, durch die ein Ungleichgewicht entstehe. Indizien für kartellrechtliche Verstöße gebe es jedoch nicht.

Eine schwierige Situation, das sieht auch Michael Miers so. "Das ist eine ganz verfahrene Kiste", sagt der Leiter der Agrar-GmbH Parstein/Bölkendorf. Die Schuld an der Preisentwicklung sieht er auch bei den Molkereien, die die Rohmilch von den Milchbauern abnehmen, sie verarbeiten und an die Lebensmittelketten verkaufen. "Wir Erzeuger nehmen nach wie vor nicht an der Preisfindung teil", erklärt er.

Im Vergleich zu großen Molkerei-Konzernen, die deutschlandweit agieren, hat der Betrieb von Gunnar Hemme im uckermärkischen Schmargendorf eher überschaubare Ausmaße. Aber: "Auch wir als Kleinstmolkerei können uns der Entwicklung nicht ganz entziehen", sagt der Geschäftsführer von Hemme Milch. Wichtig für die Verhandlungen mit den Abnehmern sei, das Unternehmen möglichst breit aufzustellen. "Wenn man dem Handel bewusst macht, dass man auch andere Möglichkeiten hat, kann man ganz anders auftreten", sagt er. In seinem Fall würde das bedeuten: komplett zurück zum Milchmann-Prinzip, sprich die Milch direkt an den Konsumenten bringen - natürlich mit Gewinneinbußen.

Eine der angesprochenen vier Handelsketten ist Aldi. Der Konzern kennt die Kritik an seinen Milchpreisen. "Der Lebensmitteleinzelhandel ist jedoch nicht für das aktuell herrschende internationale Überangebot von Rohmilch verantwortlich", hat das Unternehmen unlängst erklärt. "Die aktuelle Lage der Milchbauern ist nicht nur ein Thema des Einzelhandels, sondern aller Beteiligten der Wertschöpfungskette sowie der Politik."

Im Brandenburger Landwirtschaftsministerium wird jedoch relativiert. "Die Politik tut ja etwas", erklärt Pressesprecher Hans-Joachim Wersin-Sielaff. Er weist darauf hin, dass Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in der vergangenen Woche angekündigt hat, die EU-Hilfen für deutsche Landwirte von 58 Millionen auf 116 Millionen Euro zu verdoppeln. "Das ist ein wichtiger Schritt, doch er löst das Grundproblem nicht", sagt Wersin-Sielaff. Das liege vielmehr in der Preisgestaltung.

Landwirt Horst Meyer in Golzow verzeichnet derweil tatsächlich einen minimalen Anstieg des Milchpreises. "Zwei Prozent im vergangenen Monat", sagt er. Das sei eigentlich "lachhaft". Zu hoffen wagt er jedenfalls noch nicht. Gunnar Hemme ist da schon mutiger: Der Milchpreis sei momentan am Steigen, konstatiert er. "Das dauert jedoch, bis es beim Landwirt ankommt." Seine vorsichtige Prognose: "Ich gehe davon aus, dass sich das Problem in einem halben Jahr gelöst hat."

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