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Kultstätte auf dem Teufelsberg?

Die kleine Angelika aus Kotzen (1958) auf jener Eiche, die auf dem Teufelsberg stand. Später starb der Baum, ehe er durch Blitzschlag in mehrere Teile zerbarst.
Die kleine Angelika aus Kotzen (1958) auf jener Eiche, die auf dem Teufelsberg stand. Später starb der Baum, ehe er durch Blitzschlag in mehrere Teile zerbarst. © Foto: privat
Rene Wernitz / 27.08.2016, 06:41 Uhr
Landin (MOZ) Vor etwa 1.400 Jahren erreichten slawische Stämme hiesige Breiten. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu einer Vermischung zwischen den Neuankömmlingen und der germanischen Restbevölkerung gekommen ist. Bis zu ihrer Abwanderung in Richtung Südwesten siedelten die Semnonen zwischen Elbe und Oder. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (1./2. Jahrhundert) beschrieb sie als Älteste und Vornehmste innerhalb des Stammesverbundes der Sueben und berichtete über einen Heiligen Hain der Semnonen, eine zentrale Kult- bzw. Opferstätte. Forscher vermuten diese im Havelland. Ihre Lokalisierung ist aber bislang nicht gelungen. Auf die Spur könnten Kultstätten der Slawen führen, sofern diese vormals germanische Stätten für eigene rituelle Handlungen einfach übernommen hätten. Auch der Teufelsberg bei Landin ist diesbezüglich ein paar Gedanken wert. Denn der Hügel am Havelländischen Hauptkanal hat eine lange Geschichte, die in der Sagenwelt mündet.

Der Teufelsberg ist nicht nur Naturschutzgebiet, sondern auch brandenburgisches Bodendenkmal, das die Nummer 50155 trägt. Das in Wünsdorf (Landkreis Teltow-Fläming) ansässige Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege (BLDAM) kann auf BRAWO-Anfrage nicht mit Informationen zur Fundsituation dienen. Dort weiß man zumindest von Untersuchungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und verweist auf eine archäologische Grabung, die erst im März dieses Jahres auf dem Teufelsberg erfolgte. Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Es wird also womöglich spannend, wenn Grabungsleiter Dr. Felix Biermann von der Universität Göttingen am 9. September in Landin zu einem Vortrag gastiert. Dieser beginnt um 19.00 Uhr auf dem Hof Dittrich, Steinstraße 13.

In der auf www.amt-nennhausen.de nachzulesenden Vorankündigung ist von einer frühchristlichen Burganlage die Rede, die auf Überresten einer slawischen "Kulturstätte" stand. Der Begriff "Kulturstätte" ist wohl mit Vorsicht und Bedacht gewählt. Denn was konkret sich dort befand, ist noch nicht wirklich erforscht.

Im Buch "Götter und Mythen im alten Europa" (Band 1) von 1973 ist von einem slawischen Gräberfeld am Nordfuß des Berges die Rede. "Landin hat drei um den Berg herumlaufende konzentrische Wall-Grabenanlagen." Die Anlage unterscheide sich von sonstigen slawischen Burgtypen, daher sei die Annahme nicht unwahrscheinlich, es handele sich um eine Kultstätte.

Man beruft sich in der Literaturquelle auf Angaben von Joachim Herrmann (1932-2010), einem zu DDR-Zeiten hoch angesehenen Experten, dessen Spezialgebiet die Welt der Slawen zwischen Ostsee und Erzgebirge war. Herrmann agierte 22 Jahre lang als Direktor des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) der Akademie der Wissenschaften.

Die im Buch genannte Annahme wurde bei Denkmalexperten der Gegenwart zur Tatsache: Das BLDAM gibt das Bodendenkmal 50155 unter anderem als Kultstätte aus. So geht es aus der auf www.bldam-brandenburg.de veröffentlichten Denkmalliste des Landes hervor (Stand: 31. Dezember 2015).

Derweil sind per Google-Recherche Märchen- und Sagenerzähler nachweisbar, die schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Vermutung näherten, es könnte sich beim Teufelsberg um eine mystische Stätte handeln. Damals war von Archäologie und Kultstätte noch lange keine Rede gewesen. Der württembergische Lehrer Johann Burkhardt Rothacker begann seine 1839 in "Auserlesene Märchen" veröffentlichte Geschichte mit folgenden Worten: "In der Mark, dem Havellande, befindet sich neben dem Dorfe Landin ein hoher Berg, auf dessen äußerster Spitze ein tiefes Loch, dessen Grund dem Auge unabsehbar ist." Es folgt eine Story, die einen Leopold von Bredow mit dem Teufel und dem Hügel in Verbindung bringt.

Die Bredows tauchen als Herren über Landin erstmals in einer Besitzurkunde von 1353 auf, speziell findet ein Gebhard von Bredow Erwähnung, wie auf http://kirche.landin-havelland.de berichtet wird. Man kennt diese unheilige Verbindung zwischen Teufel und diesem weitverzweigten Adelsgeschlecht bereits aus einer Sage, die man sich in Friesack erzählt. Es geht dort um die Entstehung des Ortsnamens. Das teuflische Thema findet sich als Bronzeplastik auf einem Verkehrskreisel der Fliederstadt. Allerdings kann die Sage nicht mit der Geschichtsforschung mithalten. Für Friesack gibt es einige durchaus gut nachvollziehbare Herleitungsversuche. Aber keiner ist bewiesen.

Indes erklärt der Semliner Sagensamler und Buchautor Eugen Gliege, dass ihn das Teufelsthema in Verbindung mit Kirchen und Hügeln stets aufhorchen lässt. Bekanntlich wurden etliche Kirchen der Welt dort errichtet, wo Menschen aus nichtchristlicher Vergangenheit ihre Kultstätten hatten. Da nichtchristliche Rituale pauschal als Teufelsanbetung herabgewürdigt wurden, könnte man demnach tatsächlich mit einer Kultstätte auf jenem Hügel rechnen, den der christlich geprägte Volksmund zum Teufelsberg erklärte.

Gliege selber veröffentlichte seine Version zum Hügel im Buch "Heimatsagen aus dem Havelland" (2007). Auch er greift das vermeintliche Loch auf dem Teufelsberg auf. Bei ihm entsteht es aber durch einen Riesen bzw. Hünen, der quasi einen Fußabdruck hinterließ. Der Hügel selbst entstand durch eine Schürze voller Sand, den ein Riesenmädchen dort fallen ließ. Wie im Falle der mythischen Frau Harke aus dem Elb-Havel-Winkel würde sich durch Riesen bzw. Hünen eine mögliche gedankliche Verbindung zur Welt der Germanen herstellen lassen. Beim Marienberg in Brandenburg an der Havel ist das auch machbar. Archäologische Forschungen, ob sich dort vor der slawischen eine germanische Kultstätte befand, gab es wohl noch nicht. Sagen der Stadt, wo es um Zusammenhänge zwischen Hügel und Kirche auf der einen Seite sowie Teufel und Riesen auf der anderen geht, lassen das nicht unwahrscheinlich erscheinen. Fakt ist dort: Der Marienberg hieß noch im Mittelalter Harlungerberg. Auf ihm befand sich eine slawische Kult- bzw. Orakelstätte, vermutlich sogar eine Götzengestalt. An die Stelle der slawischen traten christliche Rituale. Die viertürmige Marienkirche, die es seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gibt, wurde zu einer bedeutenden Wallfahrtsstätte. Der Name Harlungerberg stammte derweil aus germanischer Zeit. Die Slawen müssen ihn beibehalten haben. Somit kommt auch der Marienberg als Kandidat für den Heiligen Hain der Semnonen in Frage.

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