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Pechvogel flog ohne Olympia-Eintrittskarten nach Rio

Tilman Trebs / 27.08.2016, 18:51 Uhr
Flatow (OGA) Auf dem Küchentisch von Peter Paul liegt ein Zettel. Eine RTL-Reporterin hat ihn im Briefkasten an Pauls Gartenzaun am Rande von Flatow hinterlassen. Er möge doch mal wegen "dieser Ticketgeschichte" zurückrufen. "Was meinen Sie, was hier los war, nachdem die ,Bild' über mich geschrieben hat?" Alle waren sie auf der Suche nach dem 68-Jährigen, nachdem ihm das Boulevard-Blatt einen sicheren Medaillenplatz in der Kategorie "Pechvögel bei Olympia" attestiert hatte und ein Foto von Peter Paul druckte, auf dem sich der Flatower in Rio mit einer Deutschland-Fahne eine Träne aus dem Auge wischt. Der Rentner war nach Rio geflogen, hatte aber seine Eintrittskarten für etliche olympische Wettkämpfe zu Hause in Flatow liegen gelassen.

Zwei Wochen später ist die Träne längst getrocknet. Peter Paul sitzt mit leuchtenden Augen vor seinem Haus in Flatow, schwärmt von netten und freundlichen Brasilianern, von den Frauen, die dort ausnahmslos schön seien, vom Wetter, das in Rio im Winter besser sei als der Brandenburger Sommer. Er doziert über die Infrastruktur, den Nahverkehr, das soziale Ungleichgewicht und die Frage, warum in Rio niemand BMW oder Mercedes fährt. Er hat alles aufgesogen. "Ich war ihn Rio, das kann mir keiner mehr nehmen." Peter Paul sagt, er habe sich einen Lebenstraum erfüllt.

Der beginnt allerdings mit dem größten anzunehmenden Schreck. Zwei Tage vor dem Beginn der Spiele steigt der Rentner, der lange Jahre eine Heizungsbau- und Sanitärfirma in Velten führte, in Schönefeld ins Flugzeug. Nach Zwischenstopp in Lissabon geht es weiter nach Rio. Vom Flughafen bringt ihn ein Shuttle direkt ins Hotel. Paul will sich nach seiner Ankunft ein Bier gönnen. Doch er findet sein Geld nicht. 2 000 Euro hat er noch in der Heimat in brasilianische Real umgetauscht. Er hat es vergessen - und mit ihm auch die Tickets. "Da saß ich da, ohne Geld und ohne Karten. Und das Hotel lag auf einer Insel, die man nur mit Booten verlassen konnte, die ein paar Real für die Überfahrt kosteten." Peter Paul, der zu DDR-Zeiten Abteilungsleiter im Stahlwerk in Hennigsdorf war, muss Hotelgäste anpumpen, um wenigstens an Land zu kommen. Die Reise hatte der Flatower, der in jüngeren Jahren selbst leidenschaftler Sportler war und seit 1960 alle olympischen Spiele bis zu 25 Stunden am Stück vor dem Fernseher verfolgte, ein Jahr lang geplant. "Einmal im Leben wollte ich olympische Wettkämpfe live erleben." Monate brauchte er, um ein Reisebüro zu finden, das nicht nur Hotel und Flug, sondern auch Eintrittskarten organisieren konnte. Das deutsche Ticketkontingent war frühzeitig vergriffen. Erst auf der ITB in Berlin fand Paul im Januar einen österreichischen Veranstalter, der ihm alle Wünsche erfüllen sollte. Er studierte die Wettkampfpläne und orderte für jeden Olympiatag Tickets. Vor allem die Schwimmturniere und Leichtathletik interessierten den früheren Fuß- und Handballtorwart, der nach eigenen Angaben DDR-Jugendmeister von 1965 im 100-Meter-Sprint war.

Ohne Tickets droht in Rio Pauls olympischer Traum zu zerplatzen. Davon abgesehen, hat er eine Summe investiert, für die sich andere einen Kleinwagen leisten. Paul ruft seine Tochter an, die am nächsten Tag die Tickets und die Real-Scheine zur Post nach Kremmen bringt. Das Bargeld will die Post wegen möglicher Probleme mit dem Zoll nicht verschicken, die Tickets gehen aber auf die Reise. "Der Express-Service kostete 120 Euro", sagt Paul. Für das Geld sollte der Versand nur drei Tage dauern. Tatsächlich wartet Paul zwei Wochen. Erst am Montag der letzten Wettkampfwoche kommt der ersehnte Brief mit den Tickets.

Paul verpasst trotzdem kaum etwas. Er hatte zwar seine Real-Scheine in Flatow vergessen, aber nicht die Not-Reserve von 900 Euro in Scheinen, die ihm sein Reiseveranstalter in Real umtauscht. Das Geld investiert Paul in Schwarzmarkt-Tickets, die sogar billiger sind, als die, er zu Hause gekauft hat. Zahlen musste er trotzdem alle. "Das Geld war mir egal. Ich wollte in die Stadien und ich war drin. Und weil die oft nicht voll waren, konnte man die Preise gut herunterhandeln." Das spektakuläre Ausscheiden von Diskuswerfer Robert Harting hat er fast aus erster Reihe verfolgt, ebenso den nicht minder überraschenden Olympia-Sieg von Harting-Bruder Christoph. "Mit Robert Harting habe ich mich sogar unterhalten." Auch beim Olympiasieg von Speerwerfer Thomas Röhler ist Peter Paul im Stadion. "Und ich war im Maracana, habe beide Fußballendspiele gesehen. Allein dafür und für die beiden Olympiasiege hat sich die Reise schon gelohnt", ist der Flatower am Ende doch zufrieden. Übrig bleiben schöne Erinnerungen und 7 500 Real, die er nun zurücktauschen will.

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